In solcher Zwickmühle könnte fürwahr dem stolzen Fortschrittshasen die Puste ausgehn. Es ist nur gut, daß er vom Buxtehuder Hasen lediglich die flotten Beine hat, nicht den Dummkopf. Na und so geht’s halt doch vorwärts, oft freilich auf Hasenfüßen. Schließlich haben die Swinegel jeglicher Sorte nur noch die eine Bedeutung, daß man über sie lacht — und das ist der Humor davon.
Damit dieser Humor nicht zu bitter werde, führt der Chronist aus seinem Tagebuch von damals folgende Notiz an: Mein Spiegelbild in der Glaskugel hat mich milde gestimmt, fast demütig ... Sind wir Menschlein nicht alle Zerrbilder? Mit irdischen Augen gesehn, kommen wir einander recht zoologisch vor. Ich bin für das Provinzial-Schulkollegium ein gefährlicher Wauwau. Und der Amtsvorsteher deucht mir ein Igel. — Mag er doch! Mag der Duckmäuser schleichen! Es ist seine Natur!
Übrigens leitet ihn jener Diensteifer, der im Staatsleben, zumal in Preußen, grassiert: Es gibt Beamtenseelen, zur Unterordnung unter Vorgesetzte in einer Weise hergerichtet, daß sie die Vorschrift von oben schlechthin für höchste Pflicht halten und daneben kein eigenes Gewissen spüren. Man soll sie nicht gleich verdammen, weil ihnen Überzeugung und freie Selbstbestimmung verdächtig fremd vorkommen. Die Schnecke kann nicht dafür, daß ihr auf dem Rücken ein Gehäuse festgewachsen ist. Sie kann sich nicht vorstellen, wie man ohne solchen Käfig lebt. Putziger Igel! Erhaben dünkst du dich über die Sünder wider den heiligen Amtsgeist — brächtest sie gern hinter Schloß und Riegel. Und ahnst nicht, daß du selber in einem Gefängnis steckst: in der Enge deines Banausentums.
Der innere Feind
Seltsames Summen, melodisch: eine Glocke. Hallt sie aus der Wassertiefe? Liegt im See ein Kloster versunken? Von Rahnsdorf her kommt das Geläute, sanft gleitend über den Wasserspiegel. Vielleicht tragen sie drüben einen Toten zu Grabe — oder sie hochzeiten ...
Rahnsdorf, trautes Wassernest! Im Geiste seh ich deine niedrigen Häuschen ums alte Kirchlein. Buchsbaumgärtchen mit Wacholder und Flieder, an den Fenstern der Wohnstübchen rote Geranienblüten. Rohrgedeckte Ställe und Gerümpel. Ziegen auf einem Rasenfleck. Misthaufen mit scharrenden Hühnern. Bunte Enten auf der strömenden Spree. Die alte Kneipe am Wasser, wo gern die Ruderer einkehren. Tische mit Weißbiernäpfen. Dorfjungen angeln bei bunt bemalten Kähnen. Über Stangen sind Fischernetze gebreitet. Eine Zille streift vorüber, schön wölbt sich das Segel, die Schiffersfrau steuert, neben sich einen kläffenden Spitz. Über die Sumpfwiesen, die weithin das Dorf umlagern, weben sich Dünste. Wie Hexen kauern knorrige, struppige Weiden. In den Schilfwildnissen unermüdlich schwatzende Rohrsperlinge. Aus dunklen Binsen gleitet ein weißer Schwan.
So ungefähr hatte ich einem Gaste, der mit mir spazieren ging, Rahnsdorf geschildert, es aus der Ferne betrachtend, vom Forsthaus Müggelsee. Hier bietet sich ein besonders hübscher Blick auf das Dörfchen. Man sieht allerdings kaum mehr als den Kirchturm hinter dem Röhrichtgürtel des Seeufers hervorlugen. Doch gerade dies Ferne, Verhüllte hat einen eigenen Reiz: Rührend unschuldig sieht das Dorf aus, — und ich fühlte es meinem Gaste nach, wie er, ein passionierter Schwärmer und Seelsorger, ehemals Pfarrer in der Schweiz, die Arme breitete und trunkenen Blickes meinte: „Da möcht ich Pfarrer sein!“ Mit seinem Pathos sprachs der Hüne, andächtig den Kalabreser vom Lockenhaupt gezogen. Bühnenhaft klängen seine Worte, wären sie nicht aus einer echten Schwyzerkehle gekommen.
„Kein übler Wunsch,“ gab ich zur Antwort, „und doch muß ich lächeln. Sie Sohn der himmelstürmenden Alpen möchten hier Pfarrer sein? In der norddeutschen Ebene, in einem Sumpfneste der Mark? Die Rahnsdorfer Mücken haben Sie noch nicht genossen — und das saure Weißbier — und die rasseechten Söhne der alten wendischen Wasserräuber.“ — „Halloh! Was haben Ihnen die urwüchsigen Rahnsdorfer getan?“
„Mir nicht das mindeste. Ich lache über die Geschichte. Aber mein Freund Bartels hat nicht gelacht, als sie ihm passiert ist.“ — „Erzählen Sie!“