„Bartels, ein passionierter Ruderer, schlägt auf der stürmischen Müggel um, nicht weit von Rahnsdorf. Da er sich bei dem Wellengange in Kleidern nicht auf Schwimmen verlassen mag, kriecht er auf das kieloben treibende Boot — da sitzt er rittlings, pudelnaß im Novemberwetter, bebbert und ruft um Hilfe. Am Ufer stehn Rahnsdorfer — haben Kähne — doch die Hände in den Hosentaschen, sehen sie der Not meines Freundes zu.“ — „Wie? Ohne zu helfen? Ihr Freund wurde doch gerettet?“
„Von einem Dampfer — nicht von Ihren urwüchsigen Naturkindern.“ — „Schwefelbande!“
„So sagten auch die Leute, denen mein Freund die Geschichte erzählte. Ein paar Tage später war’s, auf der Eisenbahn — und eben hatten sich die Zuhörer entrüstet, als aus der benachbarten Wagenabteilung ein Bursche erschien, dunkelrot vor Zorn: „Sie wollen uns Rahnsdorfer schlecht machen? Na warten Se, Männeken! Ihnen werden wir det besorjen! Ick war dabei, wie Sie um Hilfe brillten. Ja woll, Herrschaften! Un wenn Se ooch schimpfen — wat wissen denn Sie! Und wir Rahnsdorfer duhn doch, wat ma wollen. Die Baliner valangen, det wir ihnen retten sollen, wenn se uff unsre Müjjel rumjondeln — un nischt von’t Jondeln vastehn! Zus Retten is unsereens jut jenuch! Un wahaftijen Jott, manche Jroßschnouze hatte schon feste Wasser jeschluckt, da hammer ihr rausjeholt! Aber nu frag ick: Wat hammer ’n davon jehatt? Nich eenen Dahler! Sehn Se, Herrschaften, so sinn die duslijen Wasserfexe aus Balin — ihre olle Jondel schmeißen se um, un wir sollen nu Retter sind — un unsre Sonntagsbuxen naß machen! Aber Drinkjeld? nich in de Hand!“ — „Gemütsmenschen!“ lachte der Altpfarrer, mit dem Finger drohend: „Jetzt erst recht: Da möcht ich Pfarrer sein!“
Und ich mit einem respektvollen Blick auf seine bärenhafte Tatze: „Den Rahnsdorfern wäre solch ein Seelsorger ja zu gönnen — aber deshalb brauchen Sie nicht gerade in jenes Rohrnest zu kriechen. Die Rahnsdorfer sind ja kein außergewöhnliches Völkchen — mit Rahnsdorfern, wie jener Bursch einer war, ist das Erdenrund bevölkert — und im deutschem Vaterlande haben wir deren sattsam: Das Drinkjeld regiert unsere frumbe Christenheit. Kein Wunder. Wird sie doch dressiert von Kindesbeinen an, einen Platz zu ergattern an der himmlischen Freudentafel.“ — Mit einem ernsten Blicke nickte der Altpfarrer: „Sonder Zwyfel! Und als junger Theolog hab ich selber dieser Lohnsucht Vorschub geleistet — meine Konfirmanden haben an den himmlischen Papa geglaubt, der in einer Hand die Zuckerdüte, in der andern die höllische Rute hält. Wenn ich persönlich auch anders dachte, so war ich doch befangen vom Geschwätz der Amtsbrüder. Die Religion Goethes, hieß es, sei bloß für die Gebildeten, das gemeine Volk bedürfe eines gröberen Glaubens, um in Zucht zu bleiben. Was diesen Christen fehlt, ist der Glaube an den Menschensohn, will sagen an die Menschenwürde. Man glaubt, nur einen göttlichen Menschen habe es gegeben, damit basta! Drum betrachtet die herrische Richtung — in der Religion wie in der Politik — das Volk als armselige Proles. Das Volk wiederum glaubt auch zu wenig an Menschenwürde. Ließe sich sonst nicht so viel gefallen. Jetzt wieder die Zustände in eurem Preußen! Dies Ministerium mit seinem Volksschulgesetzentwurf! Den Pfaffen möcht es die Jugend, unsere Zukunft, ausliefern. Sie wissen doch, Kollege Wille, daß dies politische Ereignis mich nach Berlin gezogen und mit Ihnen bekannt gemacht hat? Ich will die Bewegung studieren, durch die sich das preußische Volk gegen die einbrechende Reaktion wehrt. Nächsten Mittwoch besuch ich Ihren freireligiösen Jugendunterricht in der Rosenthalerstraße, gelt?“
„Die Kinder sind bereits gespannt auf Sie. Um so mehr, als uns vor drei Wochen eine wunderliche Geschichte passiert ist. Sie kennzeichnet die preußischen Zustände — geht übrigens auch Sie persönlich an. Sie haben nämlich einen Doppelgänger in Berlin. Er war neulich im freireligiösen Unterricht und ist für Sie gehalten worden. Vor drei Wochen bereits hatten Sie sich brieflich bei mir angemeldet — Sie erinnern sich ...“ — „Ja, mir kam damals was dazwischen, meine Fahrt nach Berlin verzögerte sich.“ — „Jedenfalls erwartete ich Sie schon damals und hatte meinen freireligiösen Zöglingen bei Beginn des Unterrichts gesagt: Heute kriegen wir Besuch, Herr Pfarrer Konrad kommt aus der Schweiz, um zu hören, was Ihr gelernt habt. Nun macht der Gemeinde Ehre! Antwortet besonnen, wenn Ihr gefragt werdet. Sobald der Besucher eintritt, erhebt sich die ganze Klasse artig von den Plätzen. Ebenso, wenn er geht. Verstanden, Kinder? Ein kleines Mädchen lächelte und scheint eine Frage auf dem Herzen zu haben. Na, Emma? Da meinte sie: Wie sieht denn der Herr aus? Ich antwortete: Gesehen habe ich ihn selber noch nicht — bloß aus Briefen kennen wir uns. Aber er soll ein guter Mann sein, und das ist die Hauptsache. — Die Kinder waren natürlich sehr gespannt, ich merkte das an der Unachtsamkeit und dem ewigen Getuschel. Auf einmal horch, sie stutzen, draußen nähern sich Schritte der Tür, sie geht auf — und prompt erhebt sich die Klasse. Herein tritt ein großer, starker Herr, und ich denke natürlich, Sie sind das. Überdies glaubte ich bei der Begrüßung deutlich zu hören: Mein Name ist Konrad! — Die Kinder erwarten Sie schon — sage ich — und wir alle freuen uns, daß Sie gekommen sind, nicht wahr, Kinder? Einstimmiges Ja! — Ihr Doppelgänger wird verlegen. Ich biete ihm einen Stuhl — er lehnt ab. Etwas schüchtern scheint dieser Konrad zu sein! Und sieht doch so militärisch aus! — Wissen Sie, fahre ich fort, eigentlich sieht man Ihnen gar nicht den Schweizer an! — Der Mann stammelt: Woher wissen Sie, daß ich Schweizer war? — Sie waren es? Haben Sie sich naturalisieren lassen? — Immer verwirrter wird der Mann: Ich bin allerdings mal Schweizer gewesen! Haben wir uns damals vielleicht gesehen? In Pommern, auf dem Rittergute Altfinow — aber das war schon vor meiner Militärzeit. — Ei, was ist das? Schweizer auf einem pommerschen Rittergut? Das wäre ja ein Kuh-Schweizer! Birgt dieser Konrad hinter seinem hölzernen Wesen Eulenspiegelei? Oder liegt hier eine Personen-Verwechselung vor? Von vornherein kam es mir nicht recht geheuer vor, daß der Altpfarrer aus der Schweiz nach preußischem Unteroffizier aussah. Nun fällt mir noch auf, daß er Kommißstiefel trägt; an ihnen konnte man damals den Polizeispitzel erkennen. — Wie? bemerke ich argwöhnisch, sagten Sie nicht, Ihr Name wäre Konrad? — Da antwortet der Mann: Nein, Grunert! — Ah Grunert! (in der freireligiösen Gemeinde gab es ein Mitglied dieses Namens). Ach, Sie sind Herr Grunert! Und wollen wohl Ihr Kind zum Jugendunterricht anmelden? — Nun, aber raten Sie, Kollege, was der Kerl entgegnet: Ich komme vom Königlichen Polizeipräsidium! Ich soll anfragen, ob Sie einen Unterrichts-Erlaubnis-Schein haben — dann möchten Sie den auf Zimmer sechsensiebzig bringen! — Stellen Sie sich mein Staunen vor, Kollege! Ich hatte geglaubt, Sie seien es, und nun auf einmal ist es ein Polizeimensch! Und verlangt von mir einen Unterrichts-Erlaubnis-Schein! Ich wußte nicht mal, was das für’n Dings ist. Dachte zunächst an ein Universitätsdiplom und entgegnete: Wenn ich nicht die Befugnis hätte, hier zu unterrichten, würde ich es nicht tun! Sagen Sie das Ihrem Vorgesetzten! Der Polizei irgendwelche Nachweise darüber beizubringen, bin ich nicht verpflichtet. — Der Mann zuckt die Achseln, steht ein Weilchen unschlüssig — und verabschiedet sich mit den Worten: Also nich wahr, Ihren Erlaubnisschein! Präsidium Zimmer sechsensiebzig! — Die Verlegenheit des Mannes trat besonders hervor, als bei seinem Hinausgehen die Kinder sich abermals von den Plätzen erhoben.“
„Haha! Dieser Doppelgänger ist nicht schmeichelhaft für mich; doch besteht seine ganze Ähnlichkeit mit mir darin, daß er dort erschien, wo ich erwartet wurde. Schweizer — nun ja, das war er auch; aber Schweizer von der Art dieses abgehalfterten Kuhschweizers, der nun auf den Pfaden der Reaktion den inneren Feind beschleicht, spielen in meinem Vaterlande keine Rolle. Bei euch, ihr Preußen mit eurer stolzen Schneidigkeit, mengt sich die Polizei in alles — der Kasernengeist dringt in die Religion.“ — „Widersprechen kann ich leider kaum; doch, mein biederer Eidgenosse, Kantönlifreiheit ist auch nicht das Höchste.“
Lächelnd setzte der Altpfarrer seinen antipreußischen Gedankengang fort: „Wissen Sie, wer der innere Feind ist? Ein Berliner Leutnant hat in der Instruktionsstunde seine Rekruten pflichtschuldigst vor dem inneren Feind gewarnt. Die ausgebildeten Soldaten sollen dem Regimentskommandeur vorgestellt werden, und der Leutnant will ein Paradestückli vorbringen. Wie teilt man den Feind ein? fragt er, und die Antwort erfolgt prompt: In den äußeren Feind und den inneren Feind! — Schön! sagt der Oberst. Aber Kinder, wißt ihr denn auch, wer das ist, der äußere Feind? — Das ist der Russ’! — Na meinetwegen, sagt der Oberst, der könnt’ es ja mal sein! Aber nun die Hauptsache: Wer ist der innere Feind? Das wißt ihr nicht? Na, ich werde euch darauf bringen: Der innere Feind muß einer sein, der in Deutschland wohnt. — Eisiges Schweigen, alle Lippen wie verrammelt. Ein Kerl schaut unternehmend drein, ein Pfälzer oder Wackes oder so einer aus der Gegend da. Nun, mein Sohn? — Der politische Rekrut antwortet zuversichtlich: Der innere Feind, das ist der Preuß!“
„In gewissem Sinne stimmt das, Kollege Konrad! Nur steckt diese Art Preußentum auch in anderen Ländern. Jeder Mensch hat was davon in sich; es ist der Kasernengeist, die Sucht, zu kommandieren, zu reglementieren. Besonders heillos ist der innere Feind auf religiösem Gebiete, wo doch alles auf Freiwilligkeit ankommt, auf Entfaltung der Menschlichkeit. Der wahre Kulturkampf muß im Innern ausgefochten werden. Da, Kultursoldat, ist dein Posten, da exerziere und ringe, da sei dein Siegesfeld! Siegen wirst du nur, wenn du glaubst an den freien Menschensohn in dir, wenn du aufhörst kleinmütig zu sein; sonst geht aller Fortschritt den duckmäuserischen Schneckengang. Sehen wir doch die Militärsoldaten an, die auf den Feind dressiert sind. Im Kriege mordet das einander, ohne daß einer dem andern vorher was getan hat. Dabei gibt alle Welt zu, friedliche Verständigung wäre wahre Kultur. Nun also, warum erfolgt denn keine Verständigung? Weil man sich nicht getraut, dem bessern Selbst zu folgen. Ich muß schießen, denkt der Soldat — sonst werde ich totgeschossen. Ja, wenn die anderen zur Besinnung kämen, wenn sie, mir voran, zur Friedfertigkeit übergingen! Aber man kann sich nicht auf die anderen verlassen. — Glaub’s schon! Doch warum kann man das nicht? Weil man sie hinter demselben Strauche sucht, wo man selber gesessen. An ihre Kraft zum bessern Selbst glaubt man einfach deshalb nicht, weil man nicht an die eigne glaubt. Wer sich selber nicht ernst nimmt, wie kann der andere ernst nehmen! Der kleinmütige Philister hört auf die Stimme der Wahrheit nicht anders, als ob da ein Pastor schöne Redensarten drechsele. Die Gemeinde findet die Predigt wieder mal sehr schön — man ist aber schließlich froh, wenn man die Erbauung wie den Sonntagsrock ausziehen kann, um dann gemütlich in Hemdsärmeln zu sitzen. Und also, lieber Kollege von der freien Andacht, worauf es ankommt: man muß den Philister abstreifen, diesen Angstmeier und Krämer, diesen ungläubigen Thomas, der nicht vertraut seinem Heiland Menschenwürde!“