Obwohl meine verbotene Jugendunterweisung mir keineswegs als konzessionspflichtiger Unterricht erschien, stellte ich sie doch in ihrer bisherigen Form ein und begnügte mich, die freireligiösen Anschauungen durch Erbauungsvorträge zu verbreiten. Da kam eine neue Verfügung vom Provinzial-Schulkollegium: „Nach Auskunft des Kgl. Polizei-Präsidiums sammeln Sie allsonntäglich vormittags die Kinder von Mitgliedern der hiesigen freireligiösen Gemeinde, halten denselben Vorträge über die Grundsätze der letzteren, lesen aus dem Lehrbuche für den Jugendunterricht freireligiöser Gemeinden einzelne Sprüche und Fabeln vor, erläutern dieselben und fordern die Kinder auf, die besprochenen Stellen zu Hause nachzulesen. Wir machen Ihnen hiermit bemerklich, daß diese Kinderversammlungen nicht etwa deswegen, weil sie Sonntags abgehalten werden, als gottesdienstliche Versammlungen angesehen werden können, da die hiesige freireligiöse Gemeinde, deren Grundsätze den Kindern gelehrt werden, infolge ihrer Gottesleugnung eine Religion nicht hat und somit Anhänger dieser Grundsätze Gottesdienst gar nicht halten können. Ihre obenbeschriebene Tätigkeit fällt daher lediglich unter den Begriff der Unterrichtserteilung, die Ihnen durch unsere Verfügung unter Strafandrohung verboten worden ist. Jede weitere Zuwiderhandlung gegen dies Verbot wird nach Maßgabe unserer Verfügung geahndet werden.“

Den Widerstand gegen solche behördliche Unterdrückungstaktik fortzusetzen, war für die freireligiöse Bewegung ein Gebot der Selbsterhaltung. Auch im Interesse des Volkes überhaupt, dessen Rechts- und Freiheitssinn bei allen Gelegenheiten belebt werden muß, schien es mir erforderlich, nicht widerstandslos die Waffen zu strecken. Deswegen hielt ich im Einverständnis mit meiner Gemeinde die Vorträge weiter. Die Folgen blieben nicht aus. Das Provinzial-Schulkollegium diktierte mir eine Strafe nach der anderen zu, und schon kam eine Summe von zweitausendvierhundert Mark oder zweihundertvierzig Tagen heraus — abgesehen von den Strafen, die ich durch meine frühere Tätigkeit nach Art des Konfirmandenunterrichts verwirkt hatte. —

Als nach meinem Traum die Morgensonne zum offenen Kammerfenster hereinflutete und das Pfeifen der Stare, des Hühnervolkes Gackern, das Summen geschäftiger Insekten, der Säuselwind in den Apfelbäumen zu einem einzigen Jubel verschmolz — da ließ sich „der Weise im Innern“ über meinen Traum von der ollen Konservenkiste aus: „Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern! Ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, die auswendig hübsch scheinen; aber inwendig sind sie voller Totenbein und Unflat. Den Heiland hat man in eine Konservenkiste gelegt, hat einen Stein davorgewälzt — und da modert der Lebendige für jene, so das Engelwort nicht begreifen: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“

Pfändung der Habe

Tolstoi hat bemerkt, ein Mensch, der Verse macht, komme ihm vor wie ein Bauer, der mit Tanzschritten hinter seinem Pfluge hergeht. Aber es gibt nun mal solche versfüßelnden Käuze, auch ich gehöre dazu. Besonders in jungen Jahren hielt ich was vom Versemachen — kam mir vor wie ein Fischer, der aus vorbeirauschender Strömung Perlen fischen möchte. Bunt schillert’s in der Flut, eine Perle scheint dem Poeten manches, dem sein Kinderauge Verklärung leiht. „Sollen all diese Schätze verloren gehn?“ denkt er mit Wehmut. „Nein! du mußt sie festhalten — in eine künstlerische Fassung bringen — deinen Mitmenschen zur Erquickung darbieten!“ Mit anderen Worten: der junge Dichter hält es für heiligen Beruf, seine Verse der Unsterblichkeit zu vermachen. Sein Gedichtbuch soll eine neue Epoche der Literatur einleiten.

Doch ich will mich nicht einfältiger hinstellen, als ich vor einem Vierteljahrhundert war. Immerhin hegte ich den heißen Wunsch, mich als Lyriker gedruckt zu sehen. Da ein paar Verlagsbuchhändler, mit denen ich verhandelte, nichts als kühle Bedenken vorbrachten und dann sogar das Ansinnen stellten, ich solle die Druckkosten zahlen, so wandte ich mich grollend von der ganzen Verlegersippe ab. Eine Unterhaltung hierüber hatte ich in einem Nachtcafé mit Richard Dehmel, der damals noch zu den Ungedruckten gehörte. Düster hörte er mir zu. Struppig war ihm Vollbart und Haarschopf, zergrübelt die Stirn mit der Studentenschmarre, durch den Kneifer loderte das wilde Auge: „Zum Kuckuck! Wenn man schon die Druckkosten selber tragen soll, so möchte man wenigstens dafür den Reinertrag ungeschmälert ernten. Selbstverlag ist immer noch das beste. Wenn nur die Kritiker nicht gleich mißtrauisch würden! Lesen sie auf dem Titel: Im Selbstverlage des Verfassers, Kommissionsbuchhandlung Leipzig, so denken sie: Aha! wieder so ein grüner Dilettant, der sich seine Eitelkeit etwas kosten läßt.“ Ich brütete mürrisch — da kam mir ein Aufleuchten: „Heureka! Gründen wir einen genossenschaftlichen Selbstverlag; er soll Freie Verlagsanstalt heißen. Zur Genossenschaft werden Verfasser zugelassen, die ihre Druckkosten zahlen und natürlich einen literarischen Wert haben.“

Die Freie Verlagsanstalt wäre nicht zustande gekommen, hätte ich nicht einen Buchdrucker gekannt, der ebenso gutmütig wie rund und massiv war. Wegen seiner Statur nannten wir ihn den Elephantenwillem, wobei wir aber auch an den treuen Eifer und die Intelligenz des Elefanten dachten. Seine schwere Hand hatte der Elefantenwillem auf meine Schulter gelegt und mit einem freimütigen Blick seiner blauen Augen das Geständnis getan: „Ick schätze Ihnen, Wille — Sie sind ’n Aas uf de Jeije — un ick stunde Sie de Druckkosten.“ So wurde es möglich, daß ich wenige Wochen später das berauschende Erlebnis durchkostete, meine Verse für den Druck herzurichten. Eines schönen Tages kam das Paket Bücher — da lag das Werk wie ein neugebackener Kuchen: „Einsiedler und Genosse ... Freie Verlagsanstalt, Berlin.“

Für meine Chronik kommt der vorliegende Fall insofern in Betracht, als er bei der Pfändung meines Mobiliars mitspielte. Nachdem mir die Geldstrafe seit geraumer Zeit aufgebrummt war, ohne daß ich Zahlung leistete, konnte jeden Tag das Zwangsverfahren eintreten, und ich hatte mit meiner Frau bereits überlegt, wie wir uns verhalten wollten.

Es klingelte, und gleich dachten wir: „Der Exekutor!“ Es war aber mein Freund Benno Streitmüller. Sein gutmütiges Lächeln war nicht ohne Schelmerei, als er seinem Portefeuille ein Schriftstück entnahm und auf den Frühstückstisch breitete. Da las ich, daß der Elephantenwillem den Rest seiner Forderung für Druck meines Gedichtbuches an Benno abgetreten hatte. „Sieh mich an!“ sprach Benno, „ich bin jetzt dein Gläubiger — Junge, Junge! Zahl mal sofort vierhundertachtzig Mark. Ich schicke dir sonst den Gerichtsvollzieher. Mensch, ich presse dich aus wie eine Zitrone.“ Dabei faßte er mich bei den Schultern. Meine Frau starrte ihn an, den Mund geöffnet. „Keine Witze!“ stammelte ich. Benno lächelte grausam: „Witze? Das Fell zieh ich dir über die Ohren.“ — „Du weißt doch, daß die Wohnungseinrichtung meiner Frau gehört.“ — „Nicht gänzlich! Zum Beispiel das Gemälde über deinem Schreibtisch ist dein Eigentum. Diese köstliche Kopie des Abendmahls von Leonardo hat dir der Maler geschenkt, wie du mir mal erzählt hast. Auf dies Stück hab ich’s besonders abgesehen. Das lasse ich durch den Gerichtsvollzieher versiegeln und dazu noch die goldene Uhr, die du in Bukarest zum Andenken bekommen hast. Das Gemälde ist gut und gern zweihundert Mark wert, die Uhr ebensoviel. Den Hauptteil meiner Forderung hab ich dann sicher; sonst kommt mir das Amt Friedrichshagen zuvor und pfändet Bild und Uhr — was du leichtsinniger Mensch wohl nicht bedacht hast — ja ha ha!“ — „Ich verstehe dich, Freundchen.“ Lächelnd schüttelten wir einander die Hände, und meine Frau, die jetzt begriff, meinte kopfschüttelnd: „Hätte ich je gedacht, daß Benno so grausam pfiffig ist?“