In diesen Tagen des ersten Frühlings wurde unsere Unruhe durch Stimmungen geheilt, wie sie der Natur eines märkischen Dörfchens eigen sind. Über den Kiefernforst kam lauer Brausewind geflogen, und die Sonne schien auf die sprießende Wintersaat der schmalen Feldstücke, auf die Obst- und Blumengärtchen, wo an molliger Stelle Veilchen blühten. Drüben im verwilderten Laubpark schlüpfte die schwarze Amsel am Erdboden hin, Nahrung mit dem gelben Schnabel pickend. Zufrieden saß sie abends auf der Spitze einer Pappel, von wo sie das Frühlingsreich überschaute, ihre Pfiffe in den gelben Himmel jauchzend. Wenn wir über die Feldlandschaft spazierten, so sahen wir hin und wieder einen Kleinbürger, der nach getaner Berufsarbeit seinen Kartoffelacker umgrub.
Bei dieser Tätigkeit fanden wir am ersten April nach Feierabend unsern Hauswirt Krause. In dem Häuschen, wo er wohnte (die zwei anderen Häuser, die er besaß, dienten ihm lediglich zum Vermieten), hatte ich ihn nicht angetroffen, als ich die Miete zahlen wollte. „N’Abend, Herr Krause! Ich möchte bei Ihnen mein Geld los werden.“ Mit latschigen Schritten kam Krause heran und reichte mir schweigend die Arbeitshand. Ohne den kalten Zigarrenstummel von den Lippen zu tun, nuschelte er: „Jeben Sie det Jeld man meine Frau!“ — „Die ist nicht zu Hause. Und was man doch zahlen muß, wird man gern rasch los; sonst kommt wohl gar über Nacht ein Spitzbube.“ — „Zu Sie kommt keener,“ lächelte Krause. — „Aber vielleicht wieder mal der Amtsdiener!“ — „Ach so! Denn man her mit den Draht!“
Ich zählte das Geld auf das Quittungsbuch, er sackte ein, ich reichte ihm den Tintenstift zum Unterschreiben. Er machte drei seltsam gekritzelte Kreuze. „Soll das Krause heißen?“ — „Anders ha’k nich jelernt; aber die Kreize haben et in sich. Ibrijens brauchen ma nischt Schriftlichet! Wat wir zwee beede sinn, da heest et eenfach: Topp!“
Daß Mangel an Schulbildung das Heil der Seele nicht immer beeinträchtigt, dafür bildet mein Hauswirt ein leuchtendes Beispiel. Sein bienenhafter Fleiß, seine Rechtschaffenheit und Friedfertigkeit waren jedem Kenner wert. Obwohl sein Vermögen mit sechs Ziffern geschrieben wurde, war seine Lebenshaltung die eines Tagelöhners. Beifall verdient sein Verhalten in meiner Pfändungsangelegenheit.
Wie prophezeit war, erschien am zweiten April vormittags bei mir ein Amtsdiener — diesmal war es der Jüngste Leutnant. Nicht exekutieren wollte er — brachte bloß eine Vorladung aufs Amt, wo ich vernommen werden sollte. Als ich hinging und an Krauses Häuschen vorüberkam, trat dieser heraus. Sonst wie der ärmlichste Landarbeiter gekleidet, trug er diesmal seinen schwarzen Sonntagsanzug und einen altmodischen Zylinder. Den lüftete er in seiner gemessenen Art: „Moo—arn!“ — „Na, Herr Krause?“ fragte ich munter, „wo soll es denn hingehn?“ — „Nach de Breestpromenade,“ antwortete er kurz. „Doch nicht etwa aufs Amt?“ Schweigend nickte er. Mir schwante, er werde in meiner Angelegenheit vorgeladen sein. Und richtig! Als mich nach dem üblichen Warten im Vorderbüro der Schreiber ins Budoar des Herrn Rat lud, fügte er hinzu: „Un Sie, Herr Krause, jehn Se man jleich mit!“
Rat Hegel empfing uns mit kühlem Kopfnicken, ohne sich vom Sessel zu erheben. Dann zwinkerte er mit den Igelaugen: „Zu diesem Verhör, Herr Dokter, habe ich Ihren Hauswirt geladen, um Sie beide zu konfrontieren.“ — „Nanu?“ gab ich zurück. — „Und jetzt, Herr Krause (dabei blickte er gebieterisch), sagen Sie frei heraus: Gehört das Mobiliar in der Wohnung des Herrn Dokter ihm — oder seiner Frau?“ Krause hielt den Amtsblick aus und zuckte die Achsel: „Weeß ’k nich!“
Um Igels schmale Lippen huschte spöttische Pfiffigkeit: „Das wissen Sie nicht? P! Denn geben Sie mal den Mietskontrakt her! Sie haben ihn doch mitgebracht, hä?“ Krause schüttelte den Kopf. „Nicht mit? P! Das ist stark! Ich habe Ihnen doch sagen lassen, Sie sollen ihn vorlegen. Was steht denn drin? Sie haben doch wohl das Formular des Hausbesitzervereins? Darin heißt es: Mieter versichert, daß die von ihm eingebrachten Möbel sein ausschließliches Eigentum sind. Wer hat denn nu Ihren Mietsvertrag unterzeichnet hä? Etwa die Frau Doktor Wille? Er doch natürlich! hä? Raus mit der Sprache!“
Krause blickte mit unerschütterlicher Gelassenheit. Als er schweigend den Kopf schüttelte, krähte Rat Hegel voreilig: „Aha! Also nicht Ihre Frau, Herr Doktor! Sie haben unterschrieben! Haben sich also als Eigentümer des Mobiliars bekannt. Ihre Frau kann gegen die Exekution nichts machen, basta! Oder wollen Sie etwa leugnen, daß Sie den Kontrakt unterschrieben haben? Ich könnte ja sofort eine Haussuchung anordnen, damit der Kontrakt beschafft wird. Also nu, was sagen Sie nu, hä?“
Ich war etwas verwirrt, wußte nicht, was im Mietskontrakt stand. „Kontrakt hebben ma ieberhaupt keenen!“ wandte Krause mit Seelenruhe ein. Der Igel stutzte und knurrte mißtrauisch: „Überhaupt keinen? Na, das wäre eine dolle Wirtschaft! Sie, Eigentümer zweier Mietshäuser, wollen mir einreden, daß Ihr Mieter nichts Schriftliches mit Ihnen ausgemacht hat, hä?“ — „Det is so!“ nickte Krause. Jetzt wurde der Igel wild und fuchtelte mit den Armen: „Aber Mann! was machen Sie für Streiche! Sie vermieten an den Herrn da — und haben nichts Schriftliches von ihm, hä? wissen nicht mal, ob die Möbel ihm gehören oder wem sonst, hä? Das ist ein Unrecht! ein Unrecht gegen Ihr Kapital — gegen die guten Sitten!“ Mein Hauswirt, bockig geworden, trumpfte auf: „Det jeht Ihnen jar nischt an! Se wollen mich woll’n Loch in’n Kopp reden?“ — „Das heißt,“ gab der Igel streng zurück, „Sie dürfen nicht vergessen, daß ich Sie amtlich vernehme. Also geht mich die Sache wohl an! Hier liegt bei Ihnen ein gewisser Leichtsinn vor. Wenn Ihnen nun dieser Mieter keine Miete zahlt? Sein Mobiliar liegt bereits unter Siegel. Da ist er Ihnen ja nicht mehr sicher!“ — „Der is mich sicher! Bei uns zwee beede heeßt et: Topp, een Mann, een Wort! Un nu will ’ck man jehn! Ick habe keine Zeit for hier mit Sie zu brabbeln!“ Und er stand auf, nahm den Zigarrenstummel und nickte seinen Gruß. „Halt!“ rief der Igel, in seiner höhnischen Kälte an den Landvogt Geßler gemahnend, „erst müssen Sie Protokollchen unterschreiben, hä?“ — „Nischt unterschreib’ ick — hechstens mach ’ck drei Kreize!“ — „Ah so!“ staunte Rat Hegel und lächelte hochmütig. „Sie also sind der letzte Analphabet in der Kolonie des großen Friedrich? Na, denn gehn Se man! Wir kommen zurecht auch ohne Kreuzelschreiber.“ So rief er ihm nach und bemerkte unter spöttischem Zwinkern seiner Schweineritzen: „Wer ohne Kopf geboren is, bleibt zeitlebens ein Krüppel — hä?“