Das Protokoll, das der Igel nun aufsetzte, ging einfach dahin, daß ein schriftlicher Mietsvertrag nicht vorhanden und keinerlei Erklärung darüber erfolgt sei, wem das Mobiliar gehöre. Als ich unterschrieben hatte, bemerkte ich mein Bild, das an der Wand lehnte und sein Siegel zeigte. „Bei dieser Gelegenheit,“ sagte ich, „möchte ich Sie ersuchen, Herr Rat, daß mir das Bild da zurückgegeben wird. Das Amt hat kein Recht darauf; es ist Eigentum des Herrn Streitmüller, und ich habe es zur Verwahrung erhalten. Ich wünsche, daß das Bild baldigst wieder an die alte Stelle kommt — über meinen Schreibtisch; sonst komme ich nicht in Stimmung und bin bei der Arbeit gestört.“
Neugierig erhob sich der Igel: „Was Sie sagen! Lassen Se das Dings mal besehn!“ und lehnte das Bild an einen Stuhl, so daß es vom Fenster beleuchtet war. Beim Betrachten feixte er spöttisch: „P! Ein Atheist, un so’n Kirchenbild! Sie wollen mir einreden, daß Sie diese Schilderung des Abendmahls zu Ihrer Erbauung benötigen? Glauben Sie denn überhaupt an Christus, hä?“ — „Wenn Sie wieder ein Religionsgespräch belieben, so will ich Ihnen verraten: Wer den Christusgeist betätigt, der allein glaubt an ihn! Ob Christus der geschichtlichen Wirklichkeit angehört, kommt dabei nicht in Betracht ...“
Der Swinegel unterbrach mich mit staunender Heiterkeit: „Also Sie halten es für möglich, daß Christus gar nicht mal gelebt hat, hä?“ — „Für mich lebt er — ist das bessere Selbst, das Licht der Welt, die geistige Sonne in der Menschheit wie im All. Im Bilde der Sonne hat man ihn schon damals verehrt als die Mythe von den zwölf Jüngern entstand. Die Zwölf bedeuten die Himmelszonen, die der Sonnenlauf in den einzelnen Monaten berührt — die zwölf Tierzeichen des Kalenders.“ Hier lachte der Igel krähend: „Tierzeichen ist gut! Ein Tier also ist Sankt Peter, hä? ein Tier Sankt Johannes und so weiter! Ein Tier, wie’s im Kalender steht: Widder, Stier, Krebs, Skorpion ... hehehe! Diese Viecher empfehle ich ganz besonders Ihrer atheistischen Andacht. Und Sie können an Ihrem Schreibtisch nicht produzieren, nicht wahr, wenn Sie nicht Ihren Tierkreis betrachten, hihihi! Na ich fühle ein menschliches Rühren, Sie sollen Ihren Willen haben. Das Bild hat ja auch keinen Wert. Ich habe meinem Amtsdiener gleich gesagt: Da haben Se sich schön anschmieren lassen! Kommt der Mann angepustet mit einem Bild, das auf der Auktion nicht einen Taler bringt. Wer kauft denn bei uns Heiligenbilder un so ’n frommen Kram, hä? Also Ihren Tierkreis lasse ich Ihnen noch heute bringen! P! Zum Dank könnten Sie mir verraten, welche Tiere mit den einzelnen Jüngern Christi gemeint sind. Wer ist denn hier der Widder, hä? Wer ist der Stier? hihihi!“ Er glaubte mich vernichtet zu haben und lachte mir schadenfroh ins Gesicht.
„Wer mit den Tieren gemeint ist, müssen Sie sich schon selber herausdividieren, Herr Rechnungsrat — machen Sie sich nach Belieben Ihre Gedanken über den Widder und den Stier. Das sind übrigens respektable Wesen — wir haben Grund, bescheiden zu sein den Tieren gegenüber, die uns oft beschämen durch ihre Unschuld, Gutmütigkeit und Treue. Wissen Sie, was Schopenhauer zu seinem Pudel sagte, wenn er ihn schelten wollte? Nicht etwa: du Vieh! Sondern mit durchbohrender Überzeugung: Du Mensch! Dann kniff der Pudel den Schwanz ein und versteckte sich.“ — „Ach so! P!“ höhnte der Igel bösartig, „und unsereins hat sich eigentlich zu verstecken vor Ihrem verhimmelten Viehzeug, hä? Naturgemäß! Der Mensch stammt ja vom Affen ab — lehrt Ihr atheistischer Affenprofessor! P! Is vielleicht auch der Affe in Ihrem Tierkreis? hihihi!“ — „Der Affe? nein! Auch der Igel nicht! Dieser Duckmäuser paßt nicht in den Sonnenkreis.“ Wütend schlug der Igel auf den Tisch und keifte: „Beamtenbeleidigung!“
Ich ging. — Ein Stündchen später brachte mir der jüngste Leutnant das Bild zurück — da hing es wieder über meinem Schreibtisch. In dem Kreuzzug, den die preußische Behörde gegen einen Ketzer unternommen hatte, war die erste Heldentat die Pfändung eines Christusbildes.
Verhaftet
Dies neue Religionsgespräch war eine der letzten Amtshandlungen des Rates Hegel. Mochte er nun dem Aufschwunge des Ortes und den immer verwickelteren Geschäften nicht gewachsen sein, oder mochten die Fritzenwalder die Wichtigtuerei dieses jungen Fritzen peinlich empfinden — genug, am ersten Juli trat er als durchgefallener Kandidat schmollend wieder in den Stand der Ruhe. In seinem Boote saß er nun mit der Angelrute, abends in einem Tanzlokal, wo er seinen Lieblingen zulächelte, gelegentlich sogar das berühmte Tanzbein schwang.
Im Amte war an seine Stelle nicht etwa der Klempnermeister Kuhlicke getreten, sondern Herr Kloß, dessen ganze Art durchaus anders war, als die des Vorgängers. Suchte dieser seinem großen Friedrich gleichzukommen, so schwärmte Kloß für Bismarck — und an Gestalt war er ihm nicht unähnlich. Eins freilich hatte Kloß an Bismarck auszusetzen — zu barsch sei er immer aufgetreten, während der Diplomat schmiegsam sein müsse, um sich keine Feinde zu machen.
Mich hat der Amtsvorsteher Kloß stets nach diesem Grundsatze behandelt. Es fiel ihm nicht ein, mir mit Scherereien zu kommen, und so ließ er der Interventionsklage meiner Frau ihren glatten Verlauf, ohne irgendwelche Einrede zu tun. Nicht einmal, daß meine Frau nach Cöpenick zitiert wurde — den Schwur besorgte Freund Bartels; er konnte bestätigen, sie habe das Mobiliar in die Ehe eingebracht. So mußten die Siegel des Amtes Friedrichshagen wieder abgenommen werden. Begegnete ich nun auf der Straße Herrn Amtsvorsteher Kloß, so zog er tief den Hut und blinzelte augurenhaft mit dem grauen Auge, als wolle er anerkennend sagen: „Bist ein Filou!“