Nun war’s wieder mal Herbst, und es zogen die Wildgänse. Vor einbrechender Dunkelheit kamen sie in keilförmigen Geschwadern über den weiten Kiefernforst. Auf den mit Wintersaat bestellten Äckern nördlich der Wuhlheide hatten sie tagsüber gegrast und kehrten abends zum Müggelsee zurück, um darauf zu übernachten. Da sie zu Hunderten dort schwammen und nicht viel Schlaf bedurften, so war in stillen Nächten ihr Geschnatter weithin vernehmbar. Im Morgengrauen ging es mit Geschrei wieder fliegend zur Weide. Beim Kommen und Gehen der Wandervögel hörte man das Gewehr des Försters knallen.

„Heute früh haben sie wieder arg auf Wildgänse gefeuert,“ sagte ich zu meiner Frau, als sie den Morgentee einschenkte. „Ja, nicht wahr?“ antwortete sie — „bei jedem Schuß gibt es mir einen Stich, und am liebsten möchte ich den Gänsen zurufen: Fliegt doch höher — daß euch die Schrotkörner nicht erreichen!“ — „So ist das Leben! Einer gönnts dem andern nicht. Haustier muß man sein, um geduldet zu werden. Eine zahme, dumme Watschelgans, die dem Herrn des Hofes ihre Federn ins Bett legt — ihre Jungen in die Bratpfanne. So was nennt sich Kultur! Regt sich aber irgendwo eine freie Schwinge, gleich geht’s piff paff.“ — „Ach, laß doch!“ wiederholte meine Frau — „der Morgen ist so unschuldig!“

„Das ist er eben nicht!“ entgegnete ich — und in diesem Moment, gleichsam wie gerufen, kam das Unheil — schrill ging die Flurklingel, und Schuftel, unser Terrier, der in der Küche war, begann ein grimmes Gekläff. „Der Briefträger!“ sagte meine Frau; Schuftel konnte ja keinen Uniform-Menschen leiden — eine Ausnahme machte nur der Geldbriefträger — und da behaupte einer, Tiere hätten keinen Verstand!

Gleich darauf trat Frau Pape zu uns ein, die haushälterische Stütze meiner Frau — sie meldete, der Amtsdiener Bolle wünsche mich zu sprechen. „Halten Sie den Hund in der Küche, machen Sie ihm zur Sicherheit den Maulkorb an — Herrn Bolle lassen Sie eintreten.“

Seinen Namen führte Bolle insofern mit Recht, als seine Statur, übrigens auch seine Nase, in die Breite geschwollen war wie jenes Knollengewächs. Gutmütig hätte man sein rundes Gesicht nennen können, wenn nicht das Mißtrauen des Philisters darin gezwinkert hätte. Als der Amtsdiener mit seiner schwarzen Aktenmappe eintrat, ließ seine verdrossene Miene erraten, daß er etwas Peinliches bringe. „Herr Dokta un Frau Doktan, nu is die Sache doch mies — Se wissen ja, von wejen den freireljeesen Unterricht — wo man die ville Strafe von Sie verlangt. Dadermit wird’s nu Ernst — un nu schickt mir der Herr Amtsvorsteha — un Se mechten so jut sind — un wenichstens mal wat zahlen. Ick soll zweedausend Märker infordern — wie det hier anjeordnet is. Aber der Herr Amtsvorsteher saacht: wenn’s ooch bloß hundert Märker wären, un Se zahlten die wenigstens — denn wäre doch der jute Wille erwiesen, un det jenüjte. Denn wissen Se, die Herren wollen bloß ihren Kopp durchsetzen — bloß ihren Kopp!“ — „Glaub’s schon,“ gab ich zur Antwort. „Ich habe aber auch einen Kopp — und Geld gibt’s keins — das habe ich doch schon längst mit aller Deutlichkeit erklärt.“

„Ja aber um Jottes Willen — denn soll ’ck Ihnen ja verhaften — saacht der Herr Amtsvorsteha — Jeld soll ’ck bringen oder Ihnen persönlich — saacht der Herr Amtsvorsteha.“ — „Ach so! Die Börse oder das Leben! Na also die Börse kriegen Se nich!“ — „Aber Herr Dokta, nee, nee! Kränken Se mir doch nich mit Ihre Ausdrucksweise. Ick bin doch keen Schinderhannes!“ — „Sie persönlich meine ich nicht, Herr Bolle, und natürlich auch nicht den Amtsvorsteher und die Herren Geheimräte vom Provinzial-Schulkollegium; das ganze System meine ich. Na, machen Se keine Leichenbittermiene, Bolle! Es handelt sich um keinen Beinbruch. Wenn Sie mich verhaften sollen, ich stehe zu Diensten. Aber erst lassen Sie mich in Ruhe meinen Tee trinken. Sie nehmen schon so lange Platz — wie? und frühstücken ein bißchen mit, Herr Bolle!“

Sein Gesicht wurde sonnig, da die Sache eine so gemütliche Wendung nahm. Meine Frau, die anfangs verdutzt dagestanden, zeigte Fassung. Und wie nun Frau Pape das Gedeck für den Amtsdiener aufgetragen hatte und jeder sich Tee mit Buttersemmel munden ließ, hatte die Szene bei aller Seltsamkeit etwas Anmutendes — zumal jetzt draußen das Kastanienlaub in der Morgensonne herbstgolden leuchtete. Zum Abschied küßte ich meine Frau und meinte zuversichtlich: „Ich werde mal mit dem Amtsvorsteher sprechen — vielleicht bin ich schon in einer Stunde wieder zurück.“

Tat also meinen Mantel um und ging mit Bolle aufs Amt. Der kluge Amtsvorsteher Kloß begrüßte mich mit seiner gewinnenden Höflichkeit. „Und nicht wahr, verehrter Herr Doktor? Sie schaffen den peinlichen Fall aus der Welt — und beweisen Ihren guten Willen .... Sollte Ihnen aber für heute oder morgen die Zahlung nicht passen — na gut, das macht nichts — ich berichte einfach an die Behörde, daß Sie willig sind — und wer weiß, ob sich damit nicht die ganze Geschichte in Wohlgefallen auflöst.“ Und die väterliche Güte, die aus dem Antlitz dieses Amtsvorstehers strahlte, war so verführerisch, daß ich an die Fabel vom Wanderer dachte, der sich seinen Mantel nicht vom Sturmwind abtrotzen, aber von der warmen Sonne abschmeicheln ließ.

Indessen bedeutete ich Herrn Kloß: „Sie meinen’s ja freundlich. Aber Sie könnten sich eigentlich selbst sagen, daß ich die Geschichte nicht angefangen habe, um bei der Entscheidung umzukippen. I bewahre! hier ist keine Spur von freiwilliger Unterwerfung. Nichts zahle ich, bin ganz und gar nicht willig.“ Mit einem Ausdruck von Fassungslosigkeit starrte er mich an, als zweifle er sacht an meinem Verstande. Nach einem Seufzer lächelte er süß, legte die Hand auf’s Herz und verbeugte sich: „Aber mein Verehrtester! Sie bringen mich in die peinlichste Verlegenheit — ich müßte Sie ja — bedenken Sie doch — verhaften müßte ich Sie! Tun Sie mir so was nicht an! Bedenken Sie auch, was Sie Ihrem Stande schuldig sind! Es geht doch nicht, daß Sie ins Gefängnis spazieren! So was macht man doch mit Geld ab! Und Sie haben ja nicht mal Kosten davon — die freireligiöse Gemeinde wird Sie schadlos halten, selbstverständlich! Also nicht wahr? machen wir’s so! Sie wollen nicht? wie? ab-so-lut — nicht? Ja, dann kann ich nicht helfen! nicht helfen!“ Und aufseufzend berührte er den Knopf der elektrischen Klingel.

Der Amtsdiener trat in strammer Haltung ein: „Bolle, der Herr ist Ihr Arrestant!“ Noch einen wehleidigen Blick gab mir der Amtsvorsteher mit auf den Weg und wimmerte: „Daß mir so was passieren muß — ausgerechnet mir!“ Ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren: „Sie tun ja, als wären Sie der Arrestant!“ — „Oh! Lachen Sie nicht! oh!“ stöhnte der Amtsvorsteher. „Kennen Sie unser Gefängnis? Zu meinem Leidwesen sei’s gestanden, das ist verflucht unbequem!“