Ich wehrte mit der Hand ab: „Als ich Militärsoldat war, hab ich auf der Wachtstube eine harte Holzpritsche zum Schlummern gehabt — hab auf Manöver in Scheunen und Ställen gepennt — und beim nächtlichen Biwakieren war’s kalt und naß, war auch verflucht unangenehm. Und doch hab ich’s mit guter Laune hingenommen. Jetzt bin ich abermals Soldat und auf dem Manöver — es handelt sich gar um einen Dienst, den ich mir selbst, meinem Gewissen leiste — also los, Herr Bolle!“
„Noch eins, Herr Doktor! Sie können jederzeit wieder raus — sobald Sie mir erklären, daß Sie Zahlung leisten ... Nicht wahr, Sie kommen recht bald!“ Mich verbeugend, begegnete ich noch einmal seinem flehenden Blick; dann sagte er achselzuckend, verdrossen kalt: „Also, Bolle! Der Herr Doktor ist Ihr Arrestant — führen Sie ihn ab!“
Als ich mit dem Amtsdiener an der Kirche vorbeiging — damals war sie noch das altmodische Dorfkirchlein — und als wir in die Müggelstraße einbogen, war mir leicht zu Sinn. Die Sache war ja nun endlich entschieden und im reinen. Ich empfand etwas von der Neugierde eines Kindes, das vor dem Theatervorhang sitzt und sich ausmalt, was jetzt für seltsame Bilder und Geschicke kommen sollen. Als ich halblaut vor mich hinlachte, warf mir Bolle von der Seite einen verdutzten Blick zu. „Nu sagen Se bloß, Herr Dokta, wat soll nu werden! Ick muß Ihnen int Hotel inhaftieren. Wenn’t wenijstens int Vordahaus jinge, bei Onkel Pofken — aber nee, daderzu will der Herr Amtsvorsteha keene Erlaubnis nich erteilen — det kennte man ihn iebel nehmen.“ — „Was für ein Hotel und Vorderhaus meinen Sie denn?“ — „Na aber! Sie haben Ihnen noch nicht mal informiert über det Lokal, wo wir Ihnen unterbringen duhn? Nee so wat!“ — „Keine Ahnung!“ — „Und kennen woll noch nich mal den Preißischen Adler? Ach du meine Jiete! Det is doch der Jasthof von Onkel Pofken. Int Vordahaus is de Kneipe un der Jasthof jarnie — wenn mal Loschierjäste kommen. Ick un Onkel, wir wohnen selbstmurmelnd ooch int Vordahaus. Wat nu aber der Hof is, da ha’ mer so’n kleenen Bau — erst war et Waschkiche un Heiboden — aus die Waschkiche hat man die drei Arrestzellen jemacht — un det nennen se nu spaßhaft det Hotel. Oben uf’n Heiboden is de Herberje — wissen Se, fier reisende Sonnenbrieder un wat sonst keene bessere Penne berappen kann.“
„Ich komme also in eine der Arrestzellen? Und wer haust in den andern?“ — „Momentan keene Katze! Iberhaupt ha’ mer selten Arrestanten — meist bloß so’n Fechtbruda oder ne Tippelschickse, wo sich von den Schandarm hat fischen lassen.“ — „So! hm! Aber ich — Sie wissen doch, daß ich Anspruch auf Selbstbeköstigung habe?“ — „Aber feste! Mein Onkel, der Hoteljeh, liefert Sie, wat Küche un Keller halten.“ — „À la bonheur! Das Essen wird mir natürlich von meiner Frau geliefert — die gewohnte Hausmannskost, wissen Sie, ist immer das Bekömmlichste. Tee und Kaffee bereite ich mir auf dem Spirituskocher — na, und wenn ich dann erst gemütlich bei meinen Büchern sitze ...“ — „Sie wollen sich also richtig heislich inrichten?“ Und er schüttelte sorgenvoll sein Haupt mit der Amtsdienermütze.
„Gasthof zum Preußischen Adler“ stand an einem Häuschen, das im Erdgeschoß Kneipe war und darüber noch ein Stockwerk hatte. Vorn hinein gingen wir nicht, sondern durch die Tür eines Bretterzauns unmittelbar in den Hof. Zur Linken befand sich eine Kegelbahn, das Hinterhaus war offenbar besagtes „Hotel“, denn die drei Fenster des Erdgeschosses hatten Kerkersprossen. Davor lag ein ländlicher Düngerhaufen in einer Senkgrube, wo Hühner scharrten.
Bolle rasselte mit Schlüsseln, die er aus seiner Uniform geholt hatte, und öffnete die Gefängnistür. Wir traten in den schmalen Flur; rechter Hand lagen die drei Zellen, die mittelste schloß Bolle auf. Da war nun mein Heim: Ein weißgetünchter Raum, sehr unfreundlich, dumpfig und dunkel, dazu von ungewöhnlicher Enge — neben dem Backsteinofen hatte eine Pritsche nebst einem Stuhle noch eben Platz. Bolle sah die Unzufriedenheit in meiner Miene. „Ha’ck Ihnen nich jesaacht? Wat dise drei Zellen sin, uf die war nich det Bibelwort jeminzt: Hier is jut sind, hier laßt uns Hütten baun. Un ick bleibe dabei, Herr Dokta — duhn Se, wat der Herr Amtsvorsteha Sie jeraten hat — zahlen Se den Schwindel, fort mit Schaden! un wir sin die faule Jeschichte los. Sonst nimmt die keen jutet Ende nich.“ — „Wieso?“ fragte ich verdutzt. — „Aber, Herr Dokter, selbstmurmelnd! Die Politik liecht doch nah — uf so ne Sache sin mir doch nich injericht — dafier is doch unser Hotel nich komfortabel! Det liecht ebens dadran, det wir hier ne andre Art von Vapackung haben!“ — „Das sehe ich,“ bemerkte ich unwirsch — „aber diese Verpackung lasse ich mir nicht zumuten!“
Nun sah Bolle vollends ratlos aus: „Na da ha’ mer ja de Bescherung! Nu wird’s Tach in de Bodenluke! Aber, Herr Dokta, duhn Se mich bloß den eenzichsten Jefallen un — un — schlagen Se keenen Lärm nich von wejen de Lokalletät! Schließlich kommt et noch dahin, det unser Jemeindeamt een neiet Jefängnis bauen muß.“ — „Muß es auch!“ trotzte ich — „hier fehlt ja jede sanitäre Fürsorge!“ — Bolle’s Mienenspiel drückte hilflosen Mißmut aus: „Ja Sie, det sagen Sie! Aber ick jebe Sie den juten Rat: wenn Se sich hier durchaus heislich niederlassen wollen, jut! Wir werden Sie die Haft so behaachlich wie meechlich machen. Aber man bloß keenen effentlichen Lärm nich schlagen — bloß nischt in de Presse bringen! saacht der Amtsvorsteha! — Ick muß Ihnen jetzt einsam lassen, Herr Dokta! Aber nu vasprechen Se mich det — nehmen Se Rücksicht, un so weiter!“
Seine Eröffnungen kamen mir gelegen, diese Verhältnisse ließen sich dazu benutzen, meine Haft zu erleichtern. „Will mir’s überlegen,“ antwortete ich. — „Ja, duhn Se det! ick vertraue uf Ihre Bildung! Na, un wenn Se wat winschen — oder wenn Se in Freiheit jelangen mechten — denn rufen Se man aus et Fenster — int Vordahaus is immer wer, wo Ihnen heert.“ — „Gibt es hier keine Klingel?“ Er lächelte über meine Naivetät. — „Aber wenn nu bei Nacht ... wenn zum Beispiel Feuer ausbricht ...“ — „Hier bricht keen Feia aus! Zu Ihre Sicherheit aber bleibt Ihre Türe nach’n Korridor uff — un draußen steht ’n Emmer — un fier det Feia ’n jroßer Kruch mit Wassa ... Haben Se man keene Bange! Ma sin’ ja nich in Rußland! Aber nu muß ’ck fiers erste jehn — adchee also, Herr Dokta, adchee!“
Er ging, klappte die Tür zum Korridor zu — dann hörte ich, wie die rasselnden Schlüssel die Haupttür verschlossen. Ich war allein — nachdenklich saß ich auf meiner Pritsche.