Ich sah ihn fest an: „Was ich Ihnen jetzt sage, Herr Bolle, gilt dem Amtsvorsteher. Wenn Sie sich einbilden, ich werde mir dies Loch gefallen lassen, das weder auf Gesundheit noch auf Anstand Rücksicht nimmt ... Hier fehlt der vorschriftsmäßige Luftgehalt — fehlt rechte Ventilation — fehlt ein anständiger Hof zum Spazierengehen. Dann diese Senkgrube unmittelbar vor meinem Fenster — diese Zeichnungen und Inschriften, — der Toback ist mir denn doch zu ruppig! Und wenn nicht umgehend für Anständigkeit meines Gefängnisses gesorgt wird, richte ich ein Flugblatt an die Öffentlichkeit.“
Und Bolle kleinlaut: „En feinet Jefängnis is et ja nich — aber nu sagen Se selbst, wat soll denn hier jescheh’n?“ — „Das hätten Sie sich früher überlegen sollen. Warum hat mich das Amt in Haft genommen, wenn es keine Vorsorge getroffen hat, und dies Lokal in einem so saumäßigen ...“ — „Ach nee, Herr Dokta! Keene Amtsbeleidejung!“ — „Beleidigend sind Ihre Zumutungen.“ — „Det is ja zum Piepen! Sollen wir etwa frisch kalken lassen? Un wat fangen ma derweile mit Sie an? Nebenan die beeden Zellen sinn ooch keene Sakristei nich — un haben nicht mal Heizung. Also wat —?“
„Will ich Ihnen sagen. Auf dem Wagen draußen sind Teppiche, Decken — damit werden die Wände bekleidet.“ Bolle machte ein bedenkliches Gesicht. „Ferner verlange ich Bewegung in freier Luft, täglich zwei Stunden.“ — „Hier uff disen Hof? Wat mechten Se denn da anstellen?“ — „Na zum Beispiel Kegelschieben!“ Schweigend kratzte sich Bolle am Kinn. „Dann verlange ich, daß Besucher jederzeit eingelassen werden.“ — „Na ja, scheeneken! Machen Se man een Jesuch an Ihre jemietlichen Provinzial-Schulkollejen von wejen de Kegelbahne un de Teppiche ...“ — „Gesuch? Es geht ohne Gesuch, und zwar sofort!“ Und ich ging an ihm vorbei auf den Hof — begrüßte meine Frau und sagte zu Frau Pape: „Danke schön! Nun wollen wir mal gleich die Teppiche anmachen.“ — „Die Ringe zum Anhängen haben wir schon angenäht,“ sagte meine Frau. Wir trugen Teppiche und Decken ins Gefängnis, und los ging das Hantieren. Bolle schlich hinweg wie ein begossener Pudel.
„Aber Mann!“ wandte meine Frau vorwurfsvoll ein. „Nicht so hastig! Das Essen wird ja kalt!“ Und wie sie aus dem Korbe auspackte, stieg mir der Duft von Gebratenem in die Nase.
Nach dem Essen fand ich Anlaß, in einen Winkel des Menschenherzens hineinzuleuchten: Wir geraten in Verlegenheit, wo wir glauben, die Achtung der Leute vor uns könne sich verringern, wenn wir uns nicht nach ihnen richten. Ungezählte Keime tüchtigen Lebens, Wahrheiten und Reformen, werden erdrosselt durch die Formel: So was sagt man nicht! so was schickt sich nicht! Und mancher Geist, der sonst selbständig, gebildet, ja erleuchtet ist, weiß sich nicht freizuhalten von der Autorität des Üblichen. Besuch’ doch mal eine Abendgesellschaft, wo alle Herren Frack tragen, während du Gehrock anhast. Oder du willst ein Kaffeehaus betreten — und da bemerkst du, daß du den Schlips vergessen hast — und kehrst um, wagst nicht einzutreten. Es gibt Träume, die es darauf abgesehen haben, uns in Verlegenheit zu bringen; hemdärmelig treten wir zur Prüfung vor das Professorenkollegium; in Unterhosen müssen wir über die Straße. Wie sich die Leute genieren, wo sie sich in ihrem Ansehen gefährdet fühlen, kannst du experimentell feststellen: Hast du in einer Kleinstadt jemand besucht und willst abreisen, und die Familie oder der Freund hat dich auf den Bahnsteig begleitet, so steige doch mal, Spaßes halber, in die vierte Klasse ein! Während deine Begleiter bis zur Abfahrt auf dem Bahnsteig harren, mußt du vergnügt und recht auffällig zum Fenster raussehen und ein Gespräch durchhalten. Da kannst du was beobachten! Schamrot wie am Pranger steht man — oder man drückt sich schleunigst. Mit einem Menschen, der vierter Klasse fährt, zu verkehren, ist blamabel! Niedlich ist auch die Wirkung, wenn du in „guter“ Gesellschaft zu erzählen anhebst: „Es war im Jahre — na, ich kam gerade aus dem Gefängnis ...“ Bei diesem Wort, ich wette, geht ein Engel durchs Zimmer, man räuspert sich und lenkt rasch von dem heiklen Thema ab — hem, hem! Frau Pape gehörte nicht Kreisen an, wo der Reserveoffizier den Ton angibt, ihr Vater war ein biederer Handwerker. Und doch, im Benehmen dieser Witwe zeigte sich jene Verlegenheit, deren Art ich geschildert habe. Beim Einrichten meines neuen Heims vermied diese treue Schafferin, mir gerade ins Gesicht zu seh’n. Sie schämte sich! Daß ein Mann, in dessen Haushalt sie Stütze war, im Gefängnis saß, war ein fataler Schein. Was ein anständiger Mensch sein will, darf sich eben nie so benehmen, daß die Frau Postsekretär sagen kann: aber so was! Beileibe nicht darf man irgendwelche Schererei mit der Polizei kriegen! Und wenn einem die Leute erst nachsagen können, man habe „gesessen“, so gehört man fast schon zum Abschaum der Gesellschaft.
Während mir das Essen mundete, stand Frau Pape nachdenklich vor einem Bilde, das ich herbestellt hatte; es war Böcklins Einsiedler, der nachts in seiner Klause geigt, von Engelchen belauscht. In meinem Haushalte hatte die gute Frau sich kaum abgegeben mit Nachdenken über ein Bild. Nun war, durch meine Verhaftung, ihre Ideenwelt aufgerüttelt. „Na Frau Pape? Was interessiert Sie denn an dem Einsiedler?“ — „Ach ’n Einsiedler is det?“ — „Was dachten Sie denn?“ — „Na, ick dachte Sankt Peter.“ — „Wieso?“ — „Ick habe in de Schule jelernt, den Sankt Peter hätten se int Jefängnis injestochen.“ — „Ach so! Die Eremitenklause haben Sie für ein Gefängnis angesehen?“ — „Na ja, eng jenuch is se schon, un drin is ooch nischt.“ — „So wie hier!“ — Frau Pape nickte bedeutsam: „Un da ha’k mich jesaacht: Wenn se jar den heiligen Sankt Peter injespunnt haben, ... aber nu is et jar keen Sankt Peter!“ — „Ich verstehe, Frau Pape! Wie Sie das Wägelchen mit meinen Sachen herbrachten, haben die Nachbarinnen getuschelt: ‚De Papen is bei Dokter Willes, wo se doch den Mann injespunnt haben — un kiek mal, jetzt holen se die Betten int Jefängnis!‘ War’s nich so, Frau Pape? Sie werden ja rot wie’n junges Mädchen. Sie haben sich geniert! Aber das Geschwätz soll Ihnen nicht nahe gehn. Die Leute halten sich ans Äußerliche — denken nicht darüber nach, daß man auch wegen einer gerechten Sache ins Gefängnis kommen kann.“ Frau Pape nickte bewegt: „Det ha’ck de Kunzen ooch jesaacht!“ — „Ach so, die Kunzen war’s; die Betschwester?“ — „Ja woll, eene olle Betschwester is se! Die wohnt an ’n Katholschen Bahnhoff jleich links — un wenn Ochsigkeit weh dähte, ihr hörte man brillen bis Potsdam!“ — „Der erzählen Se man vom Gefängnis Sankt Peters — Sie können auch daran erinnern, daß Christus einer war, den sie ins Gefängnis steckten.“ — „Hurrejott, det is ooch wahr! Sojar der hat jesessen!“ — „Weil er nicht glaubte, was die Pfaffen sagten, und weil er nicht mundtot leben wollte! Hätte die Kunzen im alten Zion gelebt, die wäre unter der verblendeten Rotte gewesen, die einen Gerechten anspie. Ach ja, Frau Pape! Die Erde zwar dreht sich vorwärts. Nur mit dem Fortschritt der Erdenkinder hapert’s — sie trauen sich nicht recht vorwärts, wo sie mal aus dem Herkommen raus sollen. Es gibt zu viel fromme Verlegenheit in der Welt! Gefängnis von Schilda, dein Bolle heißt Angstmeier!“
Der Kreispfiffikus
Drüben am Vorderhause gellte die Glocke. Wie ich trotz der einbrechenden Dämmerung erkannte, stand da eine mir willkommene Persönlichkeit: der Arzt des Ortes. In Friedrichshagen, wo jetzt mindestens ein halbes Dutzend Jünger Äskulaps wetteifern, praktizierten damals zwei Ärzte, einer immer besser als der andere. Doch eben aus diesem Grunde gab es für meinen Freundeskreis nur diesen einen; sintemalen wir keinen Geschmack fanden an Apothekerei, desto mehr aber an den Geistes- und Herzensvorzügen des Herrn Doktor Jacoby.
Gern hatten wir seine Freimütigkeit, die er unter Spießern mit Derbheit und Spott behauptete. Auch schätzten wir seine stete Bereitschaft, in seine harte, oft grämliche Berufsarbeit ein Viertelstündchen Scherz einzuschalten. Wenn er Patientenbesuche machte und sein Wagen im Sande der Dorfstraße einem von uns begegnete, schwenkte er grüßend seinen Schlapphut und ließ anhalten, um dem willigen Opfer einen Kalauer zu versetzen. „Hurra, da kommt der Kurierzug!“ sagte mal ein Freund, als der Doktorwagen nahte. In anderer Weise uns zu kurieren, war kaum Gelegenheit — die literarische Kolonie bestand damals aus lauter blühenden Männern und Frauen, und wohl nur, wo Elternfreuden in Aussicht standen oder das bereits vorhandene Kleine Leibschmerzen hatte, wurde Jacoby zitiert. Nicht als ärztliche Autorität trat er dann auf, sondern als ein Naturdeuter und freundschaftlicher Seelsorger. Eine Beruhigung, die schon etwas Heilendes hatte, ging von ihm aus, wenn er beim Fühlen des Pulses gemütlich vor sich hinlächelte, so daß man erraten konnte: Jetzt wird er kein Gift, sondern einen Trunk aus dem Humorquell reichen, der schon zu Zeiten des lachenden Demokrit als ein ebenso wirksames wie angenehmes Mittel galt, üble Dämonen aus Leib und Seele zu scheuchen. In allerlei Verhältnisse hatte dieser Physikus des Kreises Niederbarnim hineingeleuchtet — weswegen wir ihn den Kreispfiffikus nannten — und mephistophelisch dürfte man seine Kenntnis der Männlein und Weiblein nennen, wäre nicht Güte dabei gewesen! Er belachte menschliche Schwächen, weil er sie verstand; wo aber Entschuldigung nicht am Platze schien, hielt er sein Strafgericht bloß als Spötter, nie als Eiferer: „Menschen, Menschen sein mir alle“ — dies geflügelte Karnevalswort trällerte er gern, wenn er mit schalkhaftem Blinzeln und diskreter Dämpfung der Stimme ein Stückchen aus dem Schatze seiner Lebenskunde zum besten gegeben. Was unsere literarische Kolonie mit ihrem sozialen Sinn an Jacoby besonders verehrte, war eben die gütige Menschlichkeit. Aus dem Herzen kam ihm sein Beruf, und so widmete er ihn weniger den zahlungsfähigen Kreisen der Bürgerressource, als denen, die für Arzt und Apotheker nichts andres haben als ihre Bedürftigkeit. Nicht bloß, daß er unbemittelte Patienten unentgeltlich behandelte, er schenkte ihnen auch noch Binden und Pflaster und stärkenden Rotwein. Seine Gutmütigkeit suchte er in verschämter Weise zu rechtfertigen, indem er auf die Apothekerpreise schimpfte. „So ’ne Pulle, für die man zwei Mark zahlen soll, is keene drei Sechser wert. Un diese Jiftmischer sollen wir noch reicher machen?“