In Sammet und Seide gehüllt — —

Meinen Namen, den darf ich nicht nennen,

Denn ich bin nur ein Mädchen für Geld.

Die übrigen Kritzeleien waren garstig, für die Dauer unerträglich; schon die Kalkflächen hatten etwas Quälendes. An diesem ersten Gefängnistage habe ich empfunden, was es heißt, in öden vier Wänden zu hausen — ohne Bild, ohne Farbigkeit.

So darf das hier nicht bleiben! Ein Häftling hat doch gewisse Rechte — die lasse ich mir nicht schmälern! Mein Entschluß stand fest, ich überlegte, wie sich am zweckmäßigsten vorgehen ließe. Ich wollte nicht bloß mein eigenes Bett und Selbstbeköstigung fordern, sondern auch tägliche Spaziergänge und die Erlaubnis, beliebig Besuch zu empfangen. Und wie Robinson, auf die wilde Insel verschlagen, seine Höhle traulich ausstattete, indem er vom Wrack des gescheiterten Schiffes allerlei Kulturdinge einheimste, so wollte ich dies Gefängnis zur fidelen Klause gestalten. Aus meiner Häuslichkeit sollte meine Frau ...

Ach ja, meine Frau! Aber die wußte ja nicht mal, was aus mir geworden! Ich mußte sie benachrichtigen. Sah nach der Uhr ... Himmel, waren die Stunden verflogen! Ich spürte Hunger und Durst. Ob ich mir vom Gasthause was bringen ließe? Es kam mir wie eine Demütigung vor, was auszubitten. Zudem hegte ich den Verdacht, Bolle halte sich geflissentlich fern und werde, im Einverständnis mit dem Amtsvorsteher, alles aufbieten, mich am ersten Tage mürbe zu machen, damit ich in Geld die Strafe entrichte. Na wartet, ihr Schlauberger! Ihr verrechnet euch in mir!

Wieder auf der Pritsche, nahm ich mein Notizbuch und schrieb an meine Frau: „Nun doch in Haft! Im Hinterhaus des Gasthofs zum Preußischen Adler, Müggelstraße. Bitte laß auf einem Handwagen folgende Sachen herschaffen: Mein Bett nebst Matratze. Schreibzeug und Papier. Goethes Gedichte. Das allgemeine Landrecht, links im Oberfache des Bücherschranks. Böcklins Bild: Der Einsiedler. Das Ziegenfell aus meinem Schreibzimmer. Die rote Plüschdecke. Chamissos Gedichte. Den Wandteppich, mit dem wir mal die Flurtür verkleidet hatten. Nagelkasten, kleine Eisenringe für den Wandteppich. Bindfaden, Nadel und Zwirn. Ein Quadratmeter Stoff zu einem Fenstervorhang, recht bunt. Ein Beefsteak mit Bratkartoffeln und Gemüse. Eine Flasche Weißbier. Das Tischchen aus Bambusrohr. Meine Zither nebst Noten. Blumentopf vom Gärtner. Papierampel aus Japan. Eine Flasche Wermut di Torino! Nun sieh, daß ich bald was zu essen kriege!! Übrigens geht es mir gut.“

Die Blätter, auf die ich den Brief geschrieben, riß ich aus dem Notizbuch und hüllte sie in ein Zeitungsblatt. Gelegen kam soeben von der Straße ein Knabe mit einem Schulranzen. Durch die Fensterklappe rief ich ihn her: „Heda, Junge! Wie heißt du?“ — „Anton Bolle.“ — „Ich gebe dir zwei Groschen, wenn du einen Brief zu meiner Frau bringst.“ — „Erst muß ’ck zu Mittach essen!“ — Und Anton verschwand im Vorderhause. Mit noch kauenden Backen kehrte er zurück und erhielt den Brief. Kaum war er weg, so fielen mir weitere Wünsche ein, und ich notierte: „Dringlicher Nachtrag: Meine grüne Studierlampe!!! Tee nebst Spirituskocher!! Teller, Tassen, Gläser! Grimms Kinder- und Hausmärchen. Hausschuh und Hausanzug. Handkoffer mit Wäsche. Reisetoilette, Seife ...“ Ach, was hat der Kulturmensch doch alles nötig!

Nicht lange und Anton Bolle war zurück. „Na, was sagte meine Frau?“ — „Et wäre jut!“ Ich gab ihm seine Groschen. „Du kriegst aber noch zwei, wenn du nochmals zur Kastanienallee läufst; willst du?“ — Anton nickte und bekam den zweiten Brief. Die Stunde, die ich zu warten hatte, bis meine Frau erschien, dehnte sich, mein Magen auch. Wer hat nicht schon eine Hyäne bedauert, wenn sie die paar Schritte trottet, die der knappe Käfig zuläßt, sich dreht, zurücktrottet — und so fortfährt, ruhelos. Ähnlich suchte ich meine Ungeduld auszutoben. Schließlich hatte ich eine Vorstellung von jener Drehwurmkrankheit, die Schafen so scheußlich wird; schwitzend saß ich auf meiner Pritsche.

Die Hoftür ließ sich vernehmen — endlich! Meine Frau, einen Korb am Arm. An der Bretterplanke tat Frau Pape einen Riegel weg, es öffnete sich eine breite Pforte nach der Straße. Da stand der Handwagen mit den begehrten Sachen. Durch die Fensterklappe rief ich meiner Frau einen Gruß zu — sie erwiderte wehmütig, versunken in den Anblick meines Gefängnisses. „Drüben klingeln!“ rief ich. Frau Pape zog die Glocke. Als Bolle den bepackten Wagen sah, war er stutzig. Dann kam er, das Gefängnis aufzuschließen. Er sah mich groß an. „Ick denke schon, det wir Ihnen entlassen kennen — un Sie ... ja wat wird denn nu?“ — „Entlassen?“ — „Na Se werden doch endlich zahlen! Oder nee? Himmelkaldaunen! Se wollen Ihnen heislich inrichten?“