Gerührt schüttelte ich dem Kreispfiffikus die Hand. Mein stiller Plan war so gut wie gelungen, da dieser Gönner die Rolle, die ich ihm zugedacht, mit dem Instinkt seiner Menschenfreundlichkeit übernommen hatte. „Menschen, Menschen sein mir alle!“ — — —
Viele Jahre sind seit dieser Szene verflossen, und Jacoby, oder, wie er in seinen letzten Lebensjahren hieß, der Sanitätsrat, hat noch manche brave Tat verrichtet, bevor er zum Orkus fuhr. Wenn der Stil des Chronisten, sonst nicht elegisch, nun etwas Nekrologstimmung annimmt, so bringt das die Verehrung für diesen Mann mit sich, der wie ein gutes Pferd in den Sielen starb. Ein hoher Sechziger war er bereits, als er noch mit eigensinniger Treue seinen Beruf ausübte. Es galt, die Todesart einer Selbstmörderin festzustellen. Ermüdet und durch den traurigen Schicksalsfall erschüttert, legte sich Jacoby, um nicht wieder aufzustehen. Nur aufgerichtet hat er sich noch einmal, als er spürte, daß es zu Ende gehe. „Halte dir feste, Herr Jacoby!“ scherzte er — und röchelnd sank er zurück.
Bevor er seine letzte Reise antrat, um durch die Flamme bestattet zu werden, hallte an seiner Bahre glockentief der Akkord dieses tüchtigen Lebens. Eine Begebenheit, die ihn kennzeichnet, wurde erzählt. Der schon bejahrte Jacoby wurde in einer Winternacht herausgeklingelt. Ein Mann aus Rahnsdorf war zu Schlitten über den gefrorenen Müggelsee gekommen; seine Frau drohte im Wochenbett zu verbluten. Ohne Zögern machte sich der Arzt fertig, bestieg den Schlitten und wagte die Fahrt übers Eis. Die Pferde gerieten auf eine Fläche so spiegelblank, daß die Hufeisen fortwährend ausglitten. Ein Verzug von Minuten konnte der Wöchnerin den Tod bringen! Doch der treue Arzt ließ sich Schlittschuhe, die er vorsorglich mitgenommen, an seine Füße schnallen, die doch nicht mehr die Elastizität der Jugend hatten. Und wagte den einsamen Lauf durch Nacht und schneidenden Ost. Über glattes Eis, das sich noch weit erstreckte — und in der Rahnsdorfer Gegend hatte es, wie gewöhnlich, offene Stellen. Der Menschenfreund kam knapp zurecht, um die Gattin und Mutter zu retten.
Diese Tat funkelt als ein Stern in einem ganzen Gewimmel. Wenn es nachtet, erglimmen die Sterne: So sieht man die Tugenden eines Menschen in voller Pracht, wenn er gestorben — am Himmel seiner Verewigung. — Im Kurpark zu Friedrichshagen hat Jacoby ein Denkmal — das erzene Antlitz verschmilzt die humorvolle Schelmerei Eulenspiegels mit der Güte und Seelenruhe jenes weisen Nathan, der von den drei Ringen erzählt.
Doktor fürs Vieh
Im Traum war ich Robinson — aus dem Versteck belauschte ich die Mahlzeit der Kannibalen — dicht bei mir briet ein Wilder etwas über prasselndem Feuer. Ich blinzelte — und sah nun, daß jemand vor dem Ofen kniete. Es war die Frau Amtsdienerin, und das Ofenfeuer strahlte über die Diele meines Gefängnisses. Daß Frau Bolle — ein gemütlich rundes, munteres Weibchen — beflissen war, leise zu hantieren, berührte mich angenehm; ich fühlte mich wie in meiner Knabenzeit, wenn in winterlicher Frühe unser Dienstmädchen Feuer machte, während ich mich in den Kissen noch mal zurechtlegte, weil Ferien waren. Ferien!
Ein Weilchen gab ich mich der Stimmung hin, dann begann ich: „Guten Morgen, Frau Bolle!“ — „Scheen juten Morjen, Herr Dokta! Nu ha’k Ihnen doch woll jesteert? Un ha’m Se denn ooch jut jeschlafen de erste Nacht?“ — „Wie’n Stück Holz.“ — „Det is man scheene!“ Die Amtsdienerin erhob sich. — „Ist es denn überhaupt nötig, daß heute geheizt wird, Frau Bolle? Bei dem milden Wetter, das wir all diese Tage haben? Ist der Himmel wieder so klar?“ — „Der Morjenstern hät scheen jeleicht’, un jetzt is wieder so’n richtijer Olleweibersommer.“ — „Frau Bolle, heute geht’s aber spazieren! Sagen Sie doch Ihrem Mann, ich lasse den Amtsvorsteher dringend ersuchen!“ — „Hm!“ meinte Frau Bolle — „un wo soll’t denn hinjehn?“ — „In den Wald natürlich! Ich werde Grünlinge suchen und Ziegenlippen.“ — „Wa? Ziejenlippen, wat is’n det?“ — „Gelbgraue Pilze, wirklich zart wie Ziegenlippen. Haben Sie Pilze gern?“ — „Bloß Feffalinge. Aber ooch mang de Feffalinge jibt et falsche, wo jiftig sinn. Unsereens kann se nich sicher unterscheiden. Aber Sie haben woll druf studiert? Und kennen alle det Jiftzeich? Da machen Se woll Medezin draus?“ — „Wieso Medizin? Davon verstehe ich nichts!“ — „Na, aber Se sind doch’n Dokta!“ — „Kein Doktor der Medizin!“ — „Ach so, drum ebens! Denn jibt et woll so’ne Doktas und solche Doktas? Ick wundere mer jestern, wie der Dokta Jacoby Ihnen untersuchen kommt, wo Se doch selber’n Dokta sind. Denn sind Se also ’ne andere Sorte Dokta? Wat denn fier eener?“ — „Ich bin Doktor der Philosophie!“ — „Ach so, Dokta fiers Vieh! Det ist ooch’n janz jutet Doktajeschäft!“ — „Hü-ihi-hih!“
Frau Bolle war gegangen, und ich wollte mich erheben, als sich draußen die Stimme meiner Frau vernehmen ließ, und dann sagte Frau Bolle: „Wie niedlich! So’n kleenet Viehzeich!“ Was für Viehzeug sie meinte, verriet ein helles Stimmchen. Mein Kätzchen mußte das sein! Richtig, meine Frau trat ein, begleitet von der Mutterkatze Henneken, die erhobenen Schweifes an ihr empormauzte — das Katzenkind, unser Füchschen, hatte meine Frau im Korbe. Sie setzte es mir auf die Bettdecke, Henneken sprang herzu, und schnurrend vor Behagen räkelten sich Mutter und Kind auf dem Pfühl. Das Kleine begann zu saugen, die beiden Frauen sahen zärtlich zu. Bei dieser Szene kam sich der Gefangene vor, als sei er nicht in Eisen gelegt, sondern in Watte.
Frau Bolle schwankte, ob sie das Gefängnis auflassen dürfe, und meine Frau erwiderte naiv: „Die Katze läuft nicht weg!“ — „Ick frage bloß von wejen den Herrn Dokta, weil doch der innjespunnt is!“ — „Läuft auch nicht weg!“ versicherte ich und meine Frau: „Is ja nich mal angezogen!“