Die Amtsdienerin ging also, ohne zuzuschließen. „Nu kannst du auch noch ’n Weilchen liegen bleiben, sonst störst du die Katzen. Ich mache Tee und leiste dir ein Viertelstündchen Gesellschaft. Dann muß ich die Katzen wieder nach Hause bringen. Ich habe unterwegs mit ihnen meine liebe Not gehabt. Füchschen war ja artig im Korbe, aber Henneken etwas schwierig — nicht auf meinem Arm zu halten. Da hab ich sie frei laufen lassen — ich dachte: wenn sie schon ihrem Frauchen auf der Straße nachläuft, so tut sie das erst recht, wo ihr Kleines getragen wird. Und richtig, sie trottet mit. An der Ecke der Müggelstraße aber spielen Jungens — die sehen kaum die Katze, so kommt einer gelaufen — — du weißt ja wie solche Bengels sind. Und Henneken geht an mir hoch wie an einem Baumstamm — hier am Arm hat sie durchgekrallt. Und wie sie auf meiner Schulter sitzt, faucht sie den Bengel an. Ich denke: zanken macht die Sache bloß schlimmer. Da hab ich freundlich gesagt: Kinderchen, die Katze hat ein Kleines, seht mal hier im Korb! Und habe Füchschen gezeigt. Da sind die Kinder ganz kirre geworden — bei denen hab ich nu gewonnenes Spiel. Wären bloß die Hunde nich!“ — „Das ist ja ein ganzer Roman. Auf all den Schrecken mußt du dem guten Hennecken Milch geben. Weißt du übrigens wie ich mir mit dem anhänglichen Viehzeug vorkomme. Wie’n Doktor fürs Vieh.“ Und ich erzählte meiner Frau von der Meinung der Amtsdienerin. — „Hü-ihi!“

Dann nahmen die gestreichelten Katzen dankbar schnurrend Abschied, Füchschen kam wieder in den Korb, und meine Frau zog los. Die Mutterkatze zögerte ein Weilchen und spähte geduckt umher; dann trollte sie meiner Frau mauzend nach, zur geöffneten Hoftür hinaus.

Das Flugblatt

Nun aber aus den Federn! Es war an der Zeit, was Ernstes zu tun! Mein Gefängnis ließ sich ja ziemlich fidel an, doch blieb es immer ein Gefängnis, und ich saß ohne Richterspruch! Dagegen galt es aufzutreten!

Als ich Toilette gemacht, kam die Amtsdienerin mit der vom Briefträger gebrachten Post. Übrigens wollte Frau Bolle mein Gefängnis in Ordnung bringen. Während sie säuberte und frische Luft durch Zelle und Flur ziehen ließ, ging ich im Hof umher und besah die Post — es waren Zeitungen, auffallend viel Karten und Briefe. Auch eine Broschüre war dabei: Fichtes Appellation an das Publikum gegen die Anklage des Atheismus.

Auf der Kegelbahn spazierend, vertiefte ich mich in die Schrift, die vom Herausgeber mit interessanten Anmerkungen über den Gottglauben versehen war. Fichte, eine tief religiöse Natur, versteht unter der Gottheit kein persönliches Wesen, hält den Glauben an seine Persönlichkeit vielmehr für eine Verengung Gottes. Gott ist die sittliche Weltordnung. Fichte wurde deshalb von einer rückschrittlichen Regierungspartei des Atheismus beschuldigt. In seiner Verteidigungsschrift führt er aus: In seiner unmittelbaren Beziehung auf die Welt des Guten hat der Mensch Gott; wozu soll er ein Sein Gottes noch außer dieser Beziehung annehmen? Von seinen Anklägern, die sich Gott als den Geber alles Genusses und Verhänger des Unglückes, als Belohner und Bestrafer denken, sagt er: „Wer Genuß will, ist ein fleischlicher Mensch, der keine Religion hat, ja keiner Religion fähig ist. Die erste wahrhaft religiöse Empfindung tötet in uns die egoistische Begierde. Ein Gott, der dem Egoismus dienen soll, ist ein verächtliches Wesen; denn er unterstützt, er verewigt das menschliche Verderben und die Herabwürdigung der Vernunft. Ein solcher Gott ist ganz eigentlich der Fürst dieser Welt, der schon längst durch den Mund der Wahrheit gerichtet ist. Was sie Gott nennen, ist mir ein Götze; sie sind die wahren Atheisten ... Mein Atheismus besteht lediglich darin, daß ich meinen Verstand behalten will.“

Während ich philosophierte, von Hühnern umgackert, fühlte ich den Drang, die Arme zu regen, die Fäuste. Dazu war ja nun die Kegelbahn gut. Ich stellte die Kegel auf und packte eine Kugel. Zuerst schob ich einen Versager, dann forsch alle Neune. Als ich abermals aufstellte, kam Frau Bolle: das Gefängnis wäre fertig. „Un Sie beklagen Ihnen noch ieber disen Hof? Aber lassen Se man lieber det Kejeln! Von wejen de Nachbarsleite! Die klatschen un kujenieren zu ville — und wat so’n Amtsdiena is, uff den hacken se alle los.“ Ich sah mir die Nachbarschaft an. „Wer wohnt denn drüben in der kleinen Giebelstube?“ — „Ach, der tut nischt! Det is der olle Kuschel, wo morjens immer de Kiehe zusammentuten tut.“ — „Von Ansehen kenne ich ihn, natürlich auch von seiner Tuterei. Wie ich noch neu in Friedrichshagen war, dachte ich, Soldaten wären hier einquartiert.“ — „Der Kuschel war bei’s Milletär Hornist, ebens dadrum tut er immer det Signal tuten: Habt ihr denn noch nich jenuch jeschlaa—feen! Un denn kommen de Kiehe heidi von selber aus’n Stall; un abends trotten se wieda rinn ... Aber nu, Herr Dokta, nu hat et jeschnappt, und Sie missen ooch wieder rinn!“

Im Gefängnis nahm ich meine Post vor. Eine Reihe von Freunden und Gesinnungsgenossen drückte Teilnahme aus, sowie Empörung über das Vorgehen der Behörde. Ich beschloß, aus meinem Gefängnis die öffentliche Meinung anzurufen — ein Flugblatt wollte ich loslassen. Und schrieb folgende Notizen in mein Tagebuch:

„Das Rechtsgefühl unseres Volkes verlangt, daß jede vom Staate verhängte Strafe einen Richterspruch zur Grundlage hat. Wo man sich herausnimmt, zu bestrafen, ohne dem Angeklagten ein über den Parteien stehendes Gericht einzuräumen, da liegt für unser Fühlen und Denken eine Ungeheuerlichkeit vor. Mit Entrüstung lesen wir von jener unumschränkten Fürstenherrschaft, die einen Schubart, einen Trenck und andere im Kerker verschwinden ließ, ohne daß ein Gericht entschieden hatte. Und der Inbegriff des Knutenregiments liegt in der Formel: Auf administrativem Weg nach Sibirien verschickt.