Verrückte Welt! Warum sitze ich hier im Käfig, eingesperrt wie ein wildes Tier? Als ob nicht auch mein Atheismus lediglich darin bestände, daß ich meinen Verstand behalten will! Das ist doch so natürlich, so gesund, wie das Saugen der jungen Katze an der Mutterbrust. Und daß ich meine Überzeugung nicht aufgebe, darf nicht strafbar sein, ist vielmehr so rechtschaffen, wie die Anhänglichkeit der Mutterkatze an ihr Junges. Aber freilich, kaum werden die Bengels der Katzen ansichtig, so geht’s hinter ihr drein: „Hetz, hetz!“ Ihr blöden Tapse! Höret auf, einen heiligen Trieb zu stören!

Angenommen, meine Überzeugung wäre ein Irrtum. Dann bin ich immerhin ein Sucher der Wahrheit. Ist es recht, mich dafür zu bestrafen? Was soll dieser Appell an meine Scheu vor Unbequemlichkeit, an meinen Egoismus? Gesetzt, er habe den Erfolg, daß der Ketzer zu Kreuze kriecht, o pfui! dann erstickt man in ihm die Religion; die ist ja nichts anderes als Ehrfurcht vor der Überzeugung, vor dem nach Wahrheit strebenden Selbst! Ist aber solches Ersticken seiner Wahrhaftigkeit euer „Sieg“, ihr Perücken von Schilda, so habt ihr in der Person des Ketzers, der ja vom innern „Gott“ zu seiner Überzeugung bevollmächtigt wurde, Gott selber bestraft!

Lagen diese Zusammenhänge auch klar wie der sonnige Tag vor meinen Augen, so war doch zweifelhaft, ob die Volksgenossen denken würden wie ich. Die Regierung dachte nicht wie ich. Es fehlte am richtigen Unterscheidungsvermögen.

Doch halt! wie stand es mit meinem Unterscheidungsvermögen? Wenn ich nun hier Ideal mit Wirklichkeit verwechselte? Wenn ich Perlen vor die Säue würfe? Und mit Weltanschauung von Fichte, Schleiermacher, mit all der hohen Philosophie schließlich doch nur so etwas wäre wie ein Doktor fürs Vieh? O Kerker der Selbsttäuschung! Bin ich von dir umgittert? Ist mein Heiligstes Illusion? Das wäre die furchtbarste Gefangenschaft!

Ich, dem der Katechismusgott zur Fabel geworden, glaubte an die unmittelbare Macht des Rechts. Vertraute dem Feldgeschrei, von dem sich Leutehaufen hinreißen lassen — vertraute auch etwas dem Schlagwort, mit dem das seelische Beharrungsvermögen überwunden werden sollte. Beharrungsvermögen oder, wie es der Mechaniker ebenfalls nennt, Trägheitsmoment! Ein Menschenkenner hat das Wort geprägt: „Öffentliche Meinungen — private Faulheiten.“ Und ich — rief die öffentliche Meinung an!

Aufs Papier hatte ich noch das Schlagwort geworfen: Sibirien in Preußen. Nun ja, es stimmte. Wehmütig bekennt freilich der Chronist neuerdings: Das Feuer der Märzrevolution, das damals in mir aufloderte, hat außen nur die Friedrichshagener Handlaterne zu entzünden vermocht, mit der ein Menschensucher, für manchen komisch wie Diogenes, in allerlei staubigen Kram hineinleuchtete.

Hier hätte auch das Schlagwort gepaßt: Preußen in Schilda. Und es paßt noch immer; heute noch ist in Preußen möglich, was damals geschah!

Die Grille im Käfig

Eine noch unverblichene Laubkrone hob der Akazienbaum des Nachbarhofes in den Sonnenschein. Reglos träumten die Zweige in der stillen Luft, und wenn am Nachmittag die Sonne rötlich schimmerte, hoben sich vom Dunkelgrün der schattigen Massen die verklärten Blättergruppen ab, deren gefiederte Laubform hervortrat. Auf dem Baume zirpte noch immer die Grille. In ihre wunschlose Beschaulichkeit zu versinken, war mir wehmütiges Glück.