Eine Strecke hinter mir kam Onkel Pofke — Herr von Beeskow war zurückgeblieben. „Herr Dok — — ta!“ Ich erwartete ihn. Mit dem Ausdruck der Bestürzung sah er mich an: „Wat nu?“ — „Wieso denn? Das ist doch kein Beinbruch, und schön war’s über alle Maßen — sehn Sie mal meine Grünlinge!“ — „Teier sinn die erkooft!“ seufzte der Onkel — „meine Schank-Konzession steht uffs Spiel!“ — „Ach was! Wegen der Zigarre stellt dieser konservative Mann keinen Träger einer Amtsmütze bloß.
Sie haben hoffentlich nicht eingestanden, daß ich in der Schonung war?“ — „Ick habe bloß jesacht, det Se so’ne Art Naturdokta sinn uff Jrienlinge. Nu meente er, Se seien woll nich janz richtich in’n Kopp.“ — „Recht liebenswürdig! Ihnen hat er übrigens dasselbe zugetraut — ich habe alles gehört, kauerte ja dicht bei Ihnen, bis er die Schonung ins Auge faßte. Da freilich dachte ich: jetzt marsch marsch! er hetzt den Hund!“ — „Wollt’ er ooch! Un ick hatte bandijen Bammel, wie der Baron saachte: Wenn Se den Mann in meine Schonung gelassen haben, denn zeige ick Ihnen an, denn hat’t geschnappt!“ — „Es hat aber nicht geschnappt. Die Jäntergeschichte hat ihm doch mein Alibi nachgewiesen.“ — „Na ja, det stimmt! Un da war er ja ooch versehnt. Un wissen Se, weshalb? Weil er vor Lachen bald de Platze jekricht hat — wie Sie mit den Jänter anjesaust kamen. Ick rufe: det is e’ — det is mein Dokta-Villosoff! Der Baron zeicht bloß mit den Finger uff Ihnen — wie Se den Jänter so bei’s Schlafittchen halten, un det Vieh hippt so zappelig zwischen Sie Beede, un trötet so albern durch seine lange Jurgel, un der Ferster knallt mit de olle Peitsche, un det Netz mit de Jrienlinge bammelt vor Ihre Beene. Un der Baron wiehert: Dokta fier’s Vieh! Doktavillesoff ... Et war aber ooch zum Piepen!“
„Na also!“ sagte ich, „da muß der Baron eigentlich noch was ausgeben für den Spaß. Jedenfalls ist die Geschichte allerseits befriedigend abgelaufen. Ich habe die prächtige Wilderei — sehn Sie mal die schwere Masse! Der Förster hat seinen Jänter! Der Baron den unbezahlbaren Spaß ...“ — „Un ick?“ meinte Onkel Pofke mit wehmütigem Vorwurf. — „Sie haben das schöne Bewußtsein, einem Gefangenen ein paar glückliche Stunden verschafft zu haben. Das dankt er Ihnen — und sorgt schon dafür, daß kein peinliches Nachspiel kommt. Das Nachspiel wird nichts andres sein, als ein köstlich duftendes Abendessen. Zunächst aber ein guter Trunk beim Krummendammer Förster. Der hat auf all den komischen Schrecken zu Weißbier eingeladen — ich lechze schon nach diesem märkischen Sekt — und nun heißt es nicht: Sibirien in Preußen, sondern: Champagne in der Mark.“
Das Preußenherz
Der anbrechende Sonntag versprach wieder Sonnenwetter, und ich nahm mir vor, heute in Begleitung meiner Frau und womöglich eines Freundes zu spazieren.
Aus dem Gasthof kam Onkel Pofke und trug einen Stuhl. Neben die Pumpe setzte er ihn, nahm Platz und knüpfte ein Tischtuch vor seinen Hals. „Pechhengst!“ rief er zur Penne herauf. Der Bursche mit der hohen Stimme, den ich gestern auf der Kegelbahn beobachtet, kam herunter und machte vor Onkeln einen scherzhaften Bückling. Dann seifte er ihm das untere Gesicht ein, schwang wie ein Bartkünstler das Rasiermesser, hielt mit der Linken leicht die Nase des Onkels und schabte Oberlippe und Wangen. Schließlich wurde Wasser in eine Schüssel gepumpt und der Rasierte abgewaschen.
Bald nach diesem Genrebilde sah ich Pofken im Sonntagsstaat und überlegte, aus welchem Anlaß er zum schwarzen Bratenrock noch die weiße Binde angetan habe und gar seinen Zylinder glätte. Auch der Amtsdiener erschien im vollen Wichs. Mit dem burgunderroten Kragen, den funkelnden Knöpfen und dem lackierten Extrahelm sah er wie ein Hauptmann außer Dienst aus, der zu Kaisers Geburtstag den bunten Rock hervorgeholt hat.
„Na, Herr Hauptmann von Bolle?“ sagte ich, wie er schneidig in meine Zelle trat, „Sie wollen wohl in die Kirche?“ — „I wo! Nach Balin! Un ick wollte Ihnen bloß fragen, wann heite Ihr Besuch kommt. Die Sache is nämlich die: ma missen zu meine Baliner Tante, Jeburtstach hat se — un denn will se immer de janze Familie um sich haben, die jute Seele. Meine Frau muß ooch mit — un die Kindabagage. Sojar wat der Eenjährich-Freiwillije is.“ — So nannte Bolle den „kleenen Matz“, weil er ein Jahr zählte und — nach des Vaters mysteriöser Behauptung — freiwillig gekommen war.
„Na und? Sie lassen Ihren Gefangenen doch nicht hilflos allein? Ihr Onkel scheint ja auch Ausgehtag zu haben.“ Der Amtsdiener nickte: „Onkel kommt mit! Um Uhre zehne ziehn ma los. Onkel will in Balin wat koofen, da muß ick bei sind ...“ — „Kaufen?“ fragte ich nicht ohne Neugier. — „Na ja! Et is nämlich ein Jeldschrank ..“ „Unsinn! Was braucht ein kleiner Gastwirt einen Geldschrank?“ — „Onkel is nich bloß Jastwirt, ooch Pfandleiha un Althändla. Un det Jeschäft floriert so sachteken. Wat aber Wertsachen sinn, die missen feiasicha vawahrt werden. Ibrigens is der Jeldschrank een Jelegenheitskoof. Wat der kost’, kricht Onkel alle Dage mit Kußhand retur.“