Als wir beim Backofen waren, trat der Förster von Krummendamm hinter Akazienbüschen vor. Nicht weidmännisch gerüstet, sondern eine Wagenpeitsche in der Hand. Sein schwitzendes Gesicht hatte etwas Unsicheres. Pustend stand er vor uns, fuhr mit dem roten Taschentuch über seine Stirn und meinte kleinlaut: „Haben Se meinen Jänter nich jesehn?“ Fragend blickte ich auf den Onkel: „Jänter? Was ist das?“ Der erfahrene Onkel versetzte: „Seinen Jänserich meint er! Wat is denn mit Ihren Jänter, Forstmeester?“ — „Wechjelaufen is das Biest! Das is so seine Manier — allemal entwischt er über de Moorwiese rüber und pussiert mit de Heidemühlschen Jänse. Nu such ich schon eine jeschlagene Stunde, aber nischt zu finden. Keene Katze hat’n jesehn. Bei Heidemühle sind bloß’n paar Kinder un olle Weibsleite — da weiß keener wat von mein’ Jänter. Haben Sie denn nischt jesehn?“ — „Keen Watschelbeen!“ erwiderte der Onkel, und ich fügte hinzu: „Bloß Enten!“ — „Na, entschullijen die Herren!“ Und weiter suchte der sorgenvolle Grünrock nach seinem Federvieh.

Wir überquerten einen brachen Sandacker, wo Unkraut stand, struppige Königskerzen mit Samenkolben, betraten dann den moosbedeckten Waldboden. Kiefern von Mittelwuchs, streckenweise niedrige Schonungen. Das Netz, das ich zum Einsammeln der Pilze mitgenommen, befestigte ich am Rockknopf, mein Taschenmesser klappte ich auf. Schon sah ich die erste Beute — bückte mich und stach einen speckigen Grünling los. Von der graugrünen Kappe hob sich grell das Grüngelb der Fächer ab. Dem Onkel zeigte ich das schöne Exemplar, ihn zum Mitsuchen zu reizen.

„Fier unsereens paßt besser ’ne Ziehjarre!“ — „Ich will Ihnen eine geben. Verboten ist das Rauchen hier allerdings. Sogar das Betreten dieses Forstes. Doch bewährt ist die Losung: Tun darf man’s — darf sich bloß nicht erwischen lassen!“ Mit Seelenruhe steckte sich der Onkel den Glimmstengel ins Gesicht und qualmte: „Heite bin ick uff Landpartie — un der Beeskowsche Forstmeester, wenn er nu wirklich käme, der sieht nischt — ick bin doch schließlich ooch ’n Uniformkolleje.“ — „Sie meinen, eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus? Aber wenn nu Herr von Beeskow in eigener Person käme? Er reitet hier öfter.“ — „Ick bin heite amtlich — bejleite eenen Staatsjefangenen.“ — „Bei Herrn von Beeskow kommen Sie damit nicht durch, der ist schneidig. Wissen Sie, wie er gegen die Weibsleute verfährt, die sein Förster beim Holzsammeln abfaßt? Die müssen die Strafe abarbeiten. Nu denken Sie mal, wenn er uns fischte, und wir müßten dann Forstarbeit tun.“ — „Ick bin schon zu steif fier Forstarbeet!“ meinte der Onkel mit Seelenruhe; „un ieberhaupt, Herr Dokta, ick habe det Marschieren nu dicke! Ick strecke mer hier zu Mutter Jrien — un passe Achtung, det keen Beeskow kommt. Un Sie stechen derweile Ihre Jrienlinge ab.“ Und der Leichtsinn warf seine Amtsmütze hin und saß im Moose, den Rücken an eine Kiefer gelehnt. Behaglich qualmte er.

Eine Schonung von doppelter Manneshöhe. „Da ist gute Jagd, und da bin ich auch verborgen.“ Und ich schlüpfte hinein. Die armdicken Kiefern standen so gedrängt, daß ich mühsam zwischendurch konnte. Weiterhin wurde das Dickicht gangbar, obwohl ich nur geduckt vorwärts kam. Spinnefäden umwoben mich, eine Kreuzspinne kroch über mein Gesicht. Es knackten dürre Äste, die ich von den Bäumen streifte. Fernes Schnarren ziehender Wildgänse. Eine Gruppe von Grünlingen! Ich kauerte nieder und sammelte ein. Dann fand ich Kremplinge — mit ihrer schmutzig braunen Hutkrempe sehen sie reizlos aus, machen auch die Finger braun, als hätte man Nüsse ausgepahlt — aber würzig sind sie. Rehpilze waren auch da, oben borkig, unten wie Rehfell.

Schwer bereits von Beute war mein Netz, doch mit immer neuem Eifer strichen die Blicke durch die schmalen Gassen zwischen den braunen Stämmen. Der ganze Mensch war verloren in den Reiz des Suchens. Da mahnte Onkel Pofkes Stimme: „Herr — Dok — ta? Et is Zeit!“ — Noch dies eine Grünlingsvolk wollte ich einheimsen und kauerte nieder. „Herr — Dok — ta?“ Ich schwieg und lächelte vor mich hin, aus Jägerglück. Wie ein Wilderer kam ich mir vor, einer von jenen Söhnen der Einöde, die nicht dulden, daß sich zwischen sie und ihren geliebten Wald eine Papierverordnung schiebe. Hier kauerte ich, umwoben von Bäumen, unter leuchtendem Äther, ein Freibeuter, ein gottverlassener Ketzer, verdonnert vom Minister. Und er nebst seinen Geheimräten glaubte mich hinter Schloß und Riegel. Auf meine Hand blickte ich, die das Messer hielt — ihre fünf Finger waren fünf Sünden. Erstens sammelte ich Pilze, ohne durch Sammelschein berechtigt zu sein. Zweitens war ich in verbotener Schonung. Drittens war ich Staatsgefangener und sollte eigentlich hinter Schloß und Riegel hocken. Viertens hatte ich meinen Aufseher zur Mitschuld verleitet. Fünftens ihn mit der gefährlichen Zigarre traktiert. Die hergezählten Sünden kostete ich, als wären es lachende Äpfel vom verbotenen Baum. Endlich steckte ich mein Messer ein, zog das Netz zu — es war prall und schwer, und nahm die Richtung zum Onkel, von dem ich nichts weiter vernommen hatte. Eben wollte ich aus der Schonung schlüpfen, als ich sah, wie hinter Onkel Pofke, der noch immer qualmend im Moose saß, ein Mann in Jägertracht geschlichen kam. Kuckuck, war das nicht Herr von Beeskow? Wenn man vom Teufel spricht, dann kommt er!

Jetzt hatte auch Onkel Pofke was gemerkt und sprang auf. Die Erinnerung an seine Soldatenzeit beherrschte ihn automatisch, daß er seine Amtsmütze aufstülpte und stramm stand vor Herrn von Beeskow, der eine Jagdflinte hielt, während sein Hund den Onkel verächtlich beschnupperte. „Wer sind Sie?“ fragte streng der Herr des Waldes. „Ick heiße Pofke, Jastwirt zur Preißischen Krone — un heite vatret ick den Amtsdiena Bolle von’t Amt Friedrichshagen.“ — „Und was machen Sie in meinem Forst?“ fuhr scharf der Herr fort — „was? Sie qualmen gar? Das kann ja Waldbrand stiften!“ — „Enschullejen Herr Baron! Aus Jesundheitsricksichten — ick neije zu Fieba, wenn mir die Micken stechen!“ — „Dummes Zeug! Wie kommen Sie mir vor? Was führt Sie hierher?“ — „Ick habe eenen Staatsjefangenen!“ — „Wo denn?“ — Verlegen sah sich der Onkel um, und wie ihn der Grundherr anfuhr: „Keine Flausen!“, rief er kläglich zur Schonung herüber: „Herr — Dok — ta?“

Zwischen Farnen und Kuscheln hielt ich mich gut versteckt. „Wo haben Sie Ihren Staatsgefangenen?“ — „Ach, der sucht sich bloß een Jericht Jrienlinge — die eßt er so jerne.“ — „Mensch, Sie sind wohl nicht ganz richtig, wie?“ — Und von neuem rief der Onkel: „Herr — Dok — ta? Ein Herr — fracht — nach Sie!“ — „Warum rufen Sie immer nach dem Doktor?“ meinte Herr von Beeskow; und etwas milder: „Fühlen Sie sich krank?“ — „Det is keen Dokta fier Krankheiten,“ belehrte der Onkel — „det is ’n Villesoff!“ — „Sie scheinen mir ein Villesoff zu sein!“ — „Nee doch, Herr Baron! Et hat allens seine Richtigkeet — wat meine Dochta is, die meent freilich, et wäre een Dokta fier’s Vieh — aber det stimmt nich — er is ’n Doktavillesoff von die freie Jemeinde — det sollen allens Rote sind.“ — „Na und weshalb ist er Staatsgefangener?“ — „Uff Befehl des Herrn Kultesministas fier Medizinanjelejenheeten.“ — „Ach, quatschen Se nich!“ — „Jewiß doch, Herr Baron! Der Doktavillesoff jloobt an keen’ dreieinichten Jott nich!“ — Herr von Beeskow war fassungslos: „Ja was bedeutet das alles? Treiben sich hier in meinem Wald entsprungene Narrenhäusler rum, was? Holen Sie mal Ihren Doktorphilosophen! Ist hier wirklich jemand versteckt? Doch nicht in der Schonung? Na das fehlte noch!“

Jetzt durfte ich nicht mehr in der Nähe bleiben — der Hund hätte mich ausgespürt. Ich tat einige Schritte rückwärts, ging dann geschwinder, das Knacken von Ästen vermeidend. Als ich die Schonung durchquert hatte, wandte ich mich nach Heidemühle und war, den Kiefernforst verlassend, wieder auf dem brachen Acker mit den Königskerzen.

Da auf einmal Peitschenknall und Gänseschrei. Ich dachte gleich: der Förster hat seinen Jänter! Und richtig! Bei Gänsen, die unter Flügelschlagen enteilten, balgte sich der Förster mit dem Gänserich. Die Linke hielt einen Jänterflügel an den äußersten Federn, die Rechte schwang die Peitsche. Der starke Jänter schlug kreischend mit dem andern Flügel, und die Aufgeregten drehten sich umeinander wie ein tanzendes Paar. „Helfen Sie!“ schrie der Förster, als ich herzulief. „Den andern Flügel packen!“ Ich bekam einen Hieb ans Bein, packte aber zu und hielt nun den andern Flügel. Der Förster schimpfte: „Kreatur! Karnalje! Komm du bloß nach Haus! Halten Se feste, Herr!“ Der Jänter rannte und suchte uns die Fittiche zu entreißen. Wir aber hielten fest, als ob wir einen störrischen Gassenjungen, der ausgerissen, heim zu transportieren hätten. Mit empörtem Gickgack schwebte der Widerspenstige zwischen uns beiden, die wir seine ausgebreiteten Fittiche straff zogen. So schleiften wir den Verhafteten im Eilschritt nach Heidemühle.

Ein wunderliches Bild. Und das zog nun auf einmal vor Herrn von Beeskow vorüber und vor dem Onkel. Am Waldessaum standen sie, Pofke riß Mund und Augen auf, Herr von Beeskow krümmte sich vor Lachen. Unbeirrt deichselten wir das Federvieh an der Mühle und am Wehr vorbei. Wie wir auf der Moorwiese waren, sagte der Förster: „Nu lassen Se man los, Herr! Nu kann er nich mehr entwischen, un mürbe is er ooch!“ Ja, mürbe waren wir alle drei; schnaufend blieben wir Männer stehen und wischten den Schweiß. Der losgelassene Jänter torkelte verwirrt. „Nu haben wir jewonnen — nu folcht er schon de Peitsche! Un nu kommen Se man mit int Forsthaus, Herr! Trinken wir ne Weiße auf die dolle Jachd.“ Den nunmehr kirren Gänserich trieb er vor sich her — ich ging mit.