Im Halbschlummer kam es mir vor, als wäre unter den Männerstimmen noch eine weibliche, und dann rief man: „Schmalzjuste!“ Wie ich später erfuhr, war das eine junge Tippelschickse, die wegen Bettelei aufgegriffen und fürder dem Onkel in der Gastwirtschaft behilflich war. Schließlich hörte ich die Pennbrüder über mir im Dachraum trampeln, zur Ruhe begaben sie sich. Und dann krähten die Hähne. Traulich war mir der Gedanke, es seien dies dieselben Hähne, die ich daheim in der Kastanienallee nachts belauschte.
Der Gefangene wildert Grünlinge
Unerhörte Bummelei! Jetzt aber mucke ich auf! Da hockt man nun in dieser Enge schon den vierten Tag! Und immerfort das goldigste Herbstwetter draußen! Ich sehne mich ins Freie — aber mein Antrag, Spaziergänge machen zu dürfen, ist immer noch unerledigt. Bitte, geh’ doch mal zum Kreispfiffikus und melde, daß ich schon anfange, dahinzusiechen.“ In dieser klagenden Weise hatte ich soeben mein Herz ausgeschüttet, als meine Frau sagte: „Da kommt ja Bolle — stell ihn doch zur Rede.“
Man sah dem Amtsdiener an, daß er etwas Angenehmes bringe. „Mahlzeit, Herr Dokta un Frau Doktan! Na scheeneken! det jeht hier allens wie jeschmiert. Ihr Jesuch, Herr Dokta, is nu ooch jenehmigt!“ — „Ich kann also spazieren gehn?“ — „Der Herr Amtsvorsteha is keen Spielverderber nich. Ick muß natierlich dabei sind.“ — „Wieviel Stunden?“ — „Na, sagen wir mal een bis zwee Stunden!“ — „Zwei bis drei Stunden mindestens muß man bei sitzender Lebensweise laufen, um nicht krank zu werden. Schon den vierten Tag bin ich ohne Bewegung. Warum hat man mich so lange warten lassen?“ — „Aber Herr Dokta! Der Herr Amtsvorsteher mußte doch erst an Herrn Landrat berichten — und der bei die Provinzial-Schulkollejen anfragen — un die wieder kriejen Bescheid von den jeistlichen un Medezin-Minister. Hinter den Rücken des Staates kann det Amt Friedrichshagen doch nich erlauben, det Sie als Staatsjefangena hier in de Müjjelhaide den Freischitz spielen — durch die Wälder, durch die Auen .... Allens mit Takt!“ — „Wieso mit Takt?“ — „Sie sollen mit Takt spazieren gehen — un ooch Besuche sollen Se immer mit Takt empfangen. Dadruf ha’k zu halten!“ — „Sie sollen auf Takt halten? Sind Sie Musikus gewesen beim Militär, Tambourmajor oder so was?“ — Pikiert gab Bolle zurück: „Se brauchen mir nich zu vakohlen. Der Herr Amtsvorsteha saacht: Machen ma den Dokta seine Haft leicht — seien ma menschlich. Bolle, saacht e’, jenehmigen Se nach Menschenmeechlichkeit jede Vajinstijung — aber bloß det wir keene Nackenschläge nich riskieren. Ma wer’n beobachtet, Herr Dokta! Janz Balin hält de Oogen uf Friedrichshagen jeheftet. Ick sage Sie, den janzen Tach bimmelt unser Tellefong uffs Amt. Bald frächt ne Zeitung, bald ’n Reporta, bald ’n Neijierijer: Wie jeht’s Ihren Jefangenen? Stimmt et, Herr Amtsvorsteha, det er in een Hotel unterjebracht is? Weil ma nu so umlauat sinn, heeßt et hier: Takt halten! Tu du mich nischt, ick tue dich ooch nischt! Aber haust du meinem Juden, denn hau ick deinem erst recht! Solange wie Se keenen Radau in de Presse schlagen, Herr Dokta, über det hiesige Jefängniswesen, drücken ma jern een Ooge zu.“ — „Habe ich keinen Anlaß, so brauche ich meine Zuflucht nicht zur Presse nehmen. Bloß ein Flugblatt gegen die Verfügungen des Kultusministers lasse ich los — hab’s eben fertig geschrieben, da liegt es!“ Mit einem scheuen Seitenblick auf das Manuskript schrak Bolle zusammen: „Haste Töne? Det is jejen meinem Takt! Ick habe nischt jeheert — ick weeß von nischt!“
„Also gut, Sie wissen von nichts, Ihr Name is Hase! Übrigens geht Sie gar nichts an, was ich hier schreibe! Sie sind ein Philister, Bolle! Aber das geht wieder mich nichts an. Nur ein Punkt interessiert mich noch, den Sie erwähnt haben: Ich soll mit Takt Besuche empfangen? Wie ist das gemeint? Wenn Besucher kommen — oft in wichtiger Angelegenheit — na, so müssen Sie doch zu mir herein!“ — „Selbstmurmelnd! Nu aber versetzen Se Ihnen mal in mein Amt! Ick muß Ihnen doch inschließen! Na also! Nu aber, wie soll ’ck det mit Ihre Besuchers halten? Soll ’ck etwa jedesmal warten, bis die fertig sinn mit ihr Anliejen? Meine Zeit ha’k ooch nich jestohlen! Oder soll ’ck det Jefängnis ufflassen? ohne jede Uffsicht? Oder aber soll ick Ihre Besuchers mit Sie inschließen? Un denn denungziert mir een Besucher von wejen Freiheitsberaubijung! Na ick danke! Wat sagen Se nu? Wat is hier Takt?“ — „Wenn Sie mir nicht trauen, können Sie meine Besucher ruhig mit mir einschließen. Keiner wird was dagegen einwenden. Und das sollen Sie sogar schriftlich haben. Ich verfasse eine Urkunde: Die gehorsamst Unterzeichneten erklären hiermit, daß sie auf ihr ausdrückliches Verlangen in das Amtsgefängnis zu Friedrichshagen eingeschlossen sind, daß also in bezug auf ihre Person keine Freiheitsberaubung vorliegt. Das muß jeder Besucher unterschreiben. Das sichert Sie, Bolle! Seh’n Sie, das nenne ich Takt!“ — Der Amtsdiener war es zufrieden. — „Abgemacht, Bolle! Wir werden uns schon vertragen. Und nicht wahr, heute Nachmittag ziehn wir mitsammen in den Wald!“ — „Heite schon? Heite kann ick bei’n besten Willen nich — Amtsjeschäfte!“ — „Ich muß spazieren!“ — Nun eiferte auch meine Frau: „Ja wahrhaftig, Herr Bolle! Er kränkelt schon! Ich laufe sofort zu Doktor Jacoby — der wird auftrumpfen.“ — „Und ich schlage Radau in der Presse!“ drohte ich, — „morgen früh steht’s im Tageblatt und gar im Vorwärts.“ Bolle schlug die Hände zusammen: „Heeren Se uff! Die Sache is erledigt: Wenn ick heite nich mit Sie jehe, denn muß mir Onkel Pofke vatreten. Der kann mit Sie in de Heide.“ — „Sie meinen den Gastwirt drüben?“ — „Jewiß doch! Frieher is er ooch Amtsdiener gewesen — un seine Dienstmitze hat er noch, die kann er uffsetzen, denn sieht die Kiste doch amtlich aus. Iebrigens duhn Se jut, einsame Waldweje zu jehn ...“ — „Das eben will ich ja! Ich möchte mit meiner Frau Pilze suchen ...“ Meine Frau unterbrach mich: „Heute? Ich habe ja die Schneiderin!“ — „Nu fang du auch noch an!“ gab ich vorwurfsvoll zurück. „Aber natürlich, wenn’s nicht anders ist. Herr Pofke soll mir recht sein. Hauptsache, daß ich in den Wald komme. Pilze will ich suchen, Grünlinge, Kremplinge.“ — „Abends brate ich sie dir!“ begütigte meine Frau.
Mögen Schützen und Angler ihre Weidmannslust preisen, die einzige Jagd, für die mein Herz schlägt, ist die Pilzjagd. Gemeinsam mit aller Jägerei hat sie die versunkene Hingabe an das heimliche Weben im Freien, die Reize des Umherstreifens, Suchens, Erbeutens. Dabei ist meine Jagd unschuldig — weh tut sie den Pilzen schwerlich — die bluten nicht, mit Ausnahme des Blutreizkers — schreien oder zucken tun sie erst gar nicht. Das Unrecht, das der Pilzjäger begeht, beschränkt sich höchstens darauf, daß er unterlassen hat, einen Sammelschein zu lösen — oder daß er durch eine Schonung streift — wo es notabene die allerbesten Pilze gibt!
Aus der Müggelstraße unbeobachtet in den Wald gelangt, ging ich mit Onkel Pofke über Moos und Adlerfarn. Er hatte richtig seine alte Dienstmütze auf und sah komisch aus. Auf meine Frage, ob er Bolles richtiger Onkel sei, gab er den Bescheid: „Von die Frau bin’k der Onkel — ha! det Bolle ihr jenommen, war for ihm een feinet Jeschäft: weil se eene Waise war, hat er seine Schwiejereltern kalt jenossen. Onkel Pofke aber is keen Unmensch — det werden ooch Sie schonstens wittern, wah’ Herr Dokta?“
In einer Lichtung des Forstes liegt die Försterei Krummendamm, eine Wagenspur leitet durch feuchtes Wiesenland. An schwarzen Wasseradern kauern Weiden, Haselbüsche; vergilbte Blätter rieseln nieder, während an hohen Erlen das Laub noch dunkelgrün hängt. Vereinzelte Kiefern auf Wiesenhügeln. Ausladend das Astwerk, buschig die Nadelwipfel. Mit ihrem Goldschimmer leiht ihnen die Nachmittags-Sonne ein braunes Grün, indessen Borke und Zweige erglühen. Wolkenlos darüber der mattblaue Himmel. Einförmig zirpen letzte Grillen. Wie Träumen alles, die Zeit steht still.
Nun kommt das Wehr, von dem das Fließ zu einem Mühlteich gestaut wird. Mit leisem Rauschen schießt das überlaufende Wasser ins untere Bett. Der Teich, auf dem die breiten Blätter der Seerose schwimmen, ist von dunklen Binsen und verblichenem Rohr umkränzt. Es schläft die alte Wassermühle. Dahinter andere Wirtschaftsgebäude, zum Rittergut des Herrn von Beeskow gehörig. Um bäuerische Häuschen trippeln Hühner und Enten, aus Stallungen muhen Kühe. Ein Storchnest krönt das Strohdach der großen Scheune. Vor dem Verwalterhaus, das an einer Uhr zu erkennen ist, prangt die Goldgrube aller Landwirtschaft, der Misthaufen.