Erst als wir auf dem üblichen Wege nach Rawenstein waren, wo noch andere Leute spazierten, kamen wir ins Geplauder. Ich erzählte von dem sonderbaren Gast, der heute den Gefängnishof besucht hatte, und dann blieben wir stehn, um Bolle darüber zu befragen. Gar nicht erbaut von meinem Bericht, wiegte er den Kopf: „Au Backe, det war der Biedamaxe!“ Wir lachten über den Namen. „Erzählen Se, Bolle, was für einer das ist!“ — „Kommissionär schimpft e’ sich, un eene Baustelle hat er am See, wo die Holzbaracke steht. Dadrinne lauert e’ uff Kooflustije, wo e’ rinlejen kann. Leben dut e’ von’t Jeldjeschäft. Wissen Se, meine Herren, wenn ick heite, un hätte Kapetal, ick machte ooch Jeldjeschäfte. Det Jeldjeschäft ...“ — „Schon gut! Aber weshalb nennen Sie Ihren Kommissionär Biedermaxe?“ — „Den Namen hat e’, weil er immer den Biedermann rausbeißen dut. Wie se mal Kaisers Jeburtstach in de Brauerei jefeiert haben, erhebt sich unsa Maxe un redet uff de deitsche Treie, un zum Schluß hebt e’ drei Finger der rechten Hand zum Schwur, rollte seine Jlotzoogen un jröblt:
„Der Schwur erschallt, de Woge rinnt,
De Fahnens flattahn hoch im Wind,
Der Deitsche, bieda, fromm un stark,
Beschirmt de heilje Landesmark.“
Wir lachten: „Aha, seitdem nennen Sie ihn Biedermaxe.“ — „Ja, un wer ihm kennt, hat nich jern wat zu dun mit ihn. Wenn er heite unsan Hof inspiziert hat, is det bloß, weil e’ wat ausschniffeln will, um Ihnen zu denungzian oder mir. Im Denungzian is der Biedamaxe stark. Den Briefdräjer hat er denungziat, weil der den Briefkasten mal etwas zu frieh abjeholen hat; un eenen Bahnschaffner, weil der vajessen hatte, ihn det Billet abzunehmen. Dabei jeheert sich doch Nachsicht fier Beamte, wo ohnehin ihr Dienst schwer jenuch is. Un wissen Se, wat der Biedamaxe saacht, wenn man ihm zur Rede stellt? Denn wirft e’ sich in de Brust un schnauzt: Jeder deitsche Mann von Bildung hat darieber zu wachen, det die unterjeordneten Orjane in jebührende Ordnung funksjenian.“ — „Und ist das aufrichtig gemeint?“ — Bolle antwortete: „Bei seine Jeldgeschäfte sind die jebührende Ordnung zwanzig Prozent. Selbstmurmelnd!“
Eine Moorwiese durchquerte den Kiefernforst. Einst mußte hier ein See gewesen sein, der Wasserrest schlich als Fließ durch ein schwarzes Bett. Zum Teiche gestaut, hatte das Wasser die Rawensteiner Mühle getrieben; seit aber das Mühlrad nichts mehr einbrachte, hatte sich der Pächter auf die Gastwirtschaft verlegt. Ein Garten mit alten Erlen, Kuhställe, eine Scheune mit Storchnest, Taubenhaus und gurrende Tauben, Hühner und Enten, schilfumkränzt der Mühlteich, ein Ausblick auf Moorwiesen und Kiefern.
Da es bei dem aufsteigenden Abenddunst nicht ratsam schien, im Freien zu sitzen, begaben wir uns in die große Gaststube. Nur noch ein Mitteltisch war frei, und hier nahmen wir Platz, obwohl es nicht angenehm war, so auf dem Präsentierteller zu sitzen. Bald stand vor uns eine gewaltige Kaffeekanne und eine Schüssel mit Pfannkuchen. Meine Frau füllte die Tassen und lud ein, zuzugreifen. War nun das nicht ein gemütliches Bild? Der Gefangene mit seinem Kerkermeister Kaffee schlürfend im ländlichen Wirtshause? Die Frauen schmausen Kuchen, der Polizeisprößling im Kinderwagen saugt an seiner Milchflasche. Wir plaudern harmlos, als ob es in der Welt nichts Schlimmes gäbe, nichts Verbotenes und keine Strafen! Als wäre das Friedensreich gekommen, wo neben dem Löwen das Lamm ruht.
Je argloser wir uns gaben, desto mehr wurden die Blicke der übrigen Gäste kalt und finster. Die Frau eines Drogenhändlers, nebst Töchtern und Schwiegersöhnen wie eine Gluckhenne, musterte entrüstet unsern Tisch und war im Einvernehmen mit einem Sattlermeister, der den Kopf schüttelte, als wolle er mit Hebbels Meister Anton sagen: „Ich verstehe die Welt nicht mehr!“ Wäre die spiritistische Lehre, daß konzentrierte Seelenkräfte auch im Schweigen die Menschen bestimmen und sogar Tische rücken können, zutreffend gewesen, das einmütige Aufbegehren der Spießergesellschaft hätte den frechen Gefangenen und seinen frivolen Kerkermeister nebst dem ganzen Mitteltische jählings hinausbefördert. So aber blieben wir mit der Seßhaftigkeit materieller Wesen, bis all das Unsere verzehrt war. Als dann Frau Bolle den Kinderwagen hinausschob und ihr Mann, die Hand an den blanken Helm gelegt, seinen Schutzbefohlenen den Vortritt ließ, brach die verhaltene Empörung hinter uns los: „Nee, so wat! Haste Worte?“ — „Haben Sie gehört?“ meinte Spornreutter, und ich entgegnete: „Der Biedermaxe geht um!“
Draußen war es dunkel und die Gegend des Moors derart nebelig, daß kaum noch Dämmerlicht vom Himmel kam. Der Knabe Anton hatte die Führung, hinter ihm schob der Amtsdiener den Kinderwagen. Ich verbiß mich mit Spornreutter in ein grimmes Gespräch: „Haben diese Bürgersleute denn nicht die mindeste Solidarität mit mir? Ich bin doch nicht gefangen, weil ich ihr Eigentum oder sonst ihre Lebensinteressen geschädigt habe.“ Spornreutter unterbrach: „Erstens haben Sie das doch! Ungläubigkeit ärgert die Leute. Zweitens ist es ihnen schnuppe, aus welchem Grunde Sie dem Gefängnis verfallen sind. Sie sind jedenfalls ein polizeiwidriges Subjekt, Sie müssen sitzen — das genügt! Da Sie also hinter Schloß und Riegel gehören, so geraten diese Spießer aus dem Häuschen über das Schauspiel, das sich eben unter ihren Augen abgespielt hat. Statt im Kerker zu büßen, macht der Gefangene gemütliche Waldspaziergänge nach einem öffentlichen Lokal, und die Polizei geht mit als Vergnügungsmeister und Lakai. Bezahlt man dafür seine Steuern, he?“ — „Aber haben diese Leute denn gar keinen Sinn für die lustige Seite meines Gefängnisses? Warum hat kein einziger geschmunzelt? Was hat ihre Herzen der Mitfreude so verschlossen?“ — „Unschuldswurm!“ meinte Spornreutter, „trauen Sie diesen Leuten solche Mitfreude zu? Schadenfreude ist ihnen eigen! Das haben Sie am Biedermaxe erlebt, der höhnisch über Sie lachte.“