„Hier ist es ja stockfinster,“ meinte Spornreutter, „passen Sie auf, wir sind vom Wege ab, hier sind gar Dornen.“ Gleich darauf rief Anton: „Aua! Et piekt mir!“ Und der Amtsdiener: „Au Backe! Ick habe mir verheddert — der Kinderwagen sitzt feste, mang de Brombeean! Streichhelza hea!“ — „Ich habe keine!“ versetzte Spornreutter, „nu sitze ich selber fest. Wille, wo sind Sie?“ Ich war einige Schritte weiter gegangen und blieb stehen, da auch ich Dornranken spürte. Frau Spornreutter rief: „Wat is ’n los, Mann?“ — „Ick wollte, ick wäre los!“ — Der Einjährig-Freiwillige brüllte. Ich kicherte. Nun wurde Bolles Stimme mißtrauisch: „Herr Dokta? Sind Se auch noch da?“ Offenbar war er bange, ich könne mich fortgemacht haben. Der Zeitpunkt wäre ja famos gewählt gewesen. Rings finsterer Wald und hilflos verheddert die Polizei. Jetzt gerade schwieg ich; auch ich wollte mal schadenfroh sein. Harmlos freilich war die Rache, die ich an der Menschennatur nahm. Nur Bolle war das Opfer, seine Stimme drückte Angst aus: „Herr Dokta? mein Jott, wo sin Se denn? Antworten Se doch! Herr Spornreutta, wo is mein Arrestant? Is det der Lohn fier meine Jutmietigkeet? Frau! det is een Unjlicksdag, un du bis schuld! Du hast zujeredt zu diese Landpartie. Mich schwante schon so wat. Nu is mein Arrestant futsch, un ick lieje in’ Wurschtkessel!“ — „Ach Unsinn!“ antwortete Spornreutter, dann rief er in den Wald: „Wille! wo stecken Sie denn?“ Auch meine Frau beteiligte sich an dem Rufen: „Bruno! mach keine Witze!“

Damit nun des grausamen Spiels genug sei, antwortete ich barsch: „Wozu das Geschrei? Ich bin doch hier, — habe selber mit den verflixten Dornen zu tun. Zurück, Herr Bolle, in der Richtung, woher Sie gekommen sind, Sie verheddern sich sonst noch mehr.“ — „Ick bin schon wieda los,“ antwortete er; „aber mein Jott, wie ick mir verschrocken habe! In sone Finsternis kricht selbst ein Polizeimann grauliche Jedanken.“ Als wir den Weg wiedergefunden hatten, ging es vorsichtig durch die Dunkelheit. Auf einmal wich der Nebel, auf der Moorwiese lag er nur.

Spornreutter kam auf eine Gefängnisstrafe zu sprechen, die er selber durchgemacht hatte. Am Himmelfahrtstage war in einer Arbeiterversammlung ein Geistlicher erschienen und hatte in der Diskussion auf die Frage, wie Christi Himmelfahrt zu verstehen sei, die Antwort erteilt: „Wörtlich, wie die Bibel es beschreibt — leibhaftig ist unser Heiland aufgefahren, sitzet zur Rechten Gottes.“ Durch solche Glaubensstarrheit gereizt, hatte Spornreutter erwidert: Der Sternenraum ist so unermeßlich, daß vom Nebelfleck der Andromeda das Licht eine Million Jahre braucht, um zur Erde zu gelangen. Wenn also die Fahrt gen Himmel mit der größten uns bekannten Schnelligkeit, mit der des Lichts, stattgefunden hat, so ist sie zurzeit noch lange nicht über den Sternenraum hinaus; erst in neunhundertachtundneunzig Jahrtausenden, von heute an, wird der Himmelsfahrer beim Nebelfleck der Andromeda angelangt sein — und wer weiß, wie lange er dann noch zu fliegen hat, bis die Welt mit Brettern vernagelt ist und das übernatürliche Reich anfängt! Der Gendarm, der die Versammlung überwachte, mißdeutete die Heiterkeit, die auf diese Ausführung laut wurde, und die Folge war Spornreutters Verurteilung zu acht Wochen Gefängnis wegen sogenannter Gotteslästerung.

Mein Gefängnis war nicht so fidel, wie das Ihre,“ erzählte er, „dennoch möchte ich es nicht missen in meiner Lebensgeschichte, schon deshalb nicht, weil ich so schöne Ruhe zum Lesen und Schreiben hatte. Ich habe im Gefängnis neugriechisch gelernt und Werke des Dichterphilosophen Polytropos übersetzt. Wissen Sie, was der zum Beispiel sagt? Ein Gott, der sich schämen muß über den Zustand seiner Anbeter, ist kein Gott! Der Gott eines Volkes in Lumpen ist kein Gott!“ — „Und erst recht nicht, wenn’s ein Volk von Lumpen ist,“ fügte ich hinzu; „doch lassen wir die Bosheiten! Erzählen Sie von Ihrem Gefängnis! Besuch war Ihnen wohl selten gestattet?“ Spornreutter erwiderte: „Ich fühlte mich nicht einsam — habe soviel mit Gefangenen geplaudert, daß es mir oft zuviel wurde. Kennen Sie die Klopfsprache? Mit ihr verständigt man sich durch die Kerkerwände. Besonders eignen sich hierzu die Heizungsröhren. Wenn unten, oben oder nebenan ein Gefangener daran klopft, so hört man’s in den Nachbarzellen. Das Abc wird so abgeklopft, daß Worte rauskommen. Das ist zwar etwas umständlich, aber bald geht die Unterhaltung ziemlich flott, zumal angefangene Sätze oft erraten werden. Was haben wir uns nicht alles auf diese Weise erzählt!“

Schweigend schritten wir den Waldpfad dahin. Sterne leuchteten. Ein Käuzchen schrie. Dann kam wieder das aufstöhnende Sausen der Kiefern. „Wissen Sie, woran mich Ihre Geschichte in Verbindung mit dem Biedermaxentum gemahnt?“ fragte ich. „Der Mensch ist in die Ichform eingesperrt wie in ein Gefängnis. Wohl ihm, wenn er wenigstens Klopflaute findet zur Verständigung mit seinesgleichen. Aber es gibt auch Isolierzellen — gibt isolierte Ichlinge, die gar nicht aus ihrem dicken Fell herauswollen. Am besten hat es ein Gefangener, der über den Kerkerschlüssel verfügt, beliebig aufschließen, sogar Sparziergänge ins Freie machen kann. Reizt euch das nicht, ihr Gefängnishocker? Wann werdet Ihr Lust zur Freiheit kriegen? Sehn Sie mal, Spornreutter, da oben ist Ihr Sternenbild Andromeda — mit dem Nebelfleck, dessen ketzerische Betrachtung Sie ins Gefängnis brachte. Wissen Sie, was Sie den Leuten über die Himmelfahrt auch hätten sagen können? Jeder Mensch steckt in einer Höhle, soll aber gen Himmel fahren. Wie man das macht? Dazu braucht man nicht den Flug des äußern Lichts, sondern den Gedanken, der die Trennungen überwindet. Heute im Walde sind wir aus uns herausgegangen. War’s nicht köstlich, wie wir uns in die Landschaft vertieften? So soll man sich in die Mitmenschen einfühlen, soll kein Gemütskrüppel sein wie der Biedermaxe. Wie aus seiner Puppenhülse der Schmetterling, soll aus dem Ichgefängnis ein besserer Mensch hervorgehen. Wenn wir einander verstehen, dann ist das Friedensreich da, wo das Lamm neben dem Löwen schlummert.“ — „Aber nun der Biedermaxe! Sollen wir auch ihn duldsam verstehen? Und nicht lieber zum Kuckuck jagen?“ — „Tun Sie Beides! Schwingen Sie die Geißel wie Christus, als er das Gesindel aus dem Tempel trieb. Tun Sie’s aber ohne Haß — tun Sie’s lachend! Mit Humor!“

Einsamkeit

Auf sein Bett gestreckt, fühlte sich der Gefangene vereinsamt, der graue November weinte ihm etwas vor. Kalter Wind schnob — der Regen rann, mit Schnee und Schloßen untermischt. Die Blechrinne schluchzte, in die untergestellte Tonne plätscherte das Naß. Um noch verlorener zu erscheinen, war dieser Tag ein Sonntag. Alle Welt sucht sich feiertags eine besondere Freude, mit der Geselligkeit wird dann geradezu ein Kultus getrieben. Der Gefangene blieb heute ganz allein. Seine Frau war erkältet und hütete das Zimmer; kein Freund ließ sich sehen, kein Hund, keine Katz. Na ja, verständlich war’s; bei dem unwirtlichen Wetter hockte jeder gern zwischen seinen gemütlichen Pfählen, Kaffee schlürfend bei der Hausfrau oder bei seiner Freundschaft. Die Gefährten der literarischen Kolonie schwatzten gewiß, wie gewöhnlich, bei Streitmüllers, und ihnen ging der Humor nicht aus. Vielleicht hatte einer den Vorschlag geäußert: „Besuchen wir Bruno!“ Aber dann war eingewendet: „Ach wir sitzen so gemütlich beisammen — und bei Bruno war ich erst vor einer Woche. Dem wird’s ja auch nicht fehlen an Besuch — heut’ am Sonntag ist seine Zelle selbstverständlich voll wie eine Heringstonne! Bleiben wir also hier — Prosit!“

Ich hörte mich seufzen — immerfort wimmerte draußen die Rinne, der Abend dämmerte schon, und ich blieb allein.

Es kam mir in den Sinn, daß der gutmütige Eckehart zu Beginn meiner Gefangenschaft angedeutet hatte, mit Diotima wolle er mir ein Ständchen bringen. Der wimmernde Wind war nun mein Ständchen.