Weil aber Schwermut bitter, Bitterkeit mißtrauisch macht, so kamen mir argwöhnische Gedanken. Im Geiste sah ich den Freundeskreis, hörte einen Witz über mich, der mir boshaft vorkam — und alles lachte. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Und die Krähen hacken drauf los, wo eine anders aussieht als die andern. Manchem ist es nicht völlig ernst, wenn er mir die Hand drückt: „Wacker!“ Sitzt er dann mit andern zusammen, so kommt der Herdensinn heraus, und nun heißt es von oben herab: „Kurios, was Wille da auf sich nimmt! Mein Geschmack wär’s nicht, den Märtyrer zu spielen.“ Ein anderer meint superklug: „Ein Märtyrer für seine Überzeugung — wie Sokrates, der den Giftbecher trank — à la bonheur! Das war ein Kerl! Aber Fritzenwalde ist kein Athen — nicht mal ein Abdera — und Bruno Wille kein Sokrates.“ — „Nicht Schierling trinkt er, sondern Grog!“ rief jemand — alles lachte, und dann hieß es: „Ein fideles Gefängnis! Solch ein Martyrium ist ja ein wahres Vergnügen, ein Studentenulk!“ Zwar machte ich mir selber dies Gerede vor, doch ich glaubte daran. Ich tat, was man vom Hasen sagt, ich schlief mit offenen Augen, und meine innerlichen Gesichte hatten eigenes Leben ...
Im Lehnstuhl thronend, genehmigt Otto Erich Hartleben einen Schluck und meint blasiert: „Ich wußte mir von je bessere Studentenulke. Daß Wille ins Gefängnis ging, finde ich einfach geschmacklos.“ Gereizt entgegnet Paul Streitmüller, der ältere der Brüder: „So’n einseitiger Ästhet wie du will natürlich immer genießen; aber sind wir denn dem tätigen Leben nicht auch was schuldig?“ — Hochtrabend Hartleben: „Meinen Gläubigern bin ich was schuldig, das muß ich schon anerkennen, sie schicken mir ja den Gerichtsvollzieher. Aber das Leben soll mir nicht kommen mit idealen Forderungen! Um die bessere Zukunft zu düngen, euren sozialen Staat, dazu bin ich mir denn doch zu gut!“
„Prosit“ stimmt ein anderer Gast bei, ein Nietzscheaner und Individualist — „mögen sich die Sozialisten oder Christen — das ist ja im Grunde ein und dasselbe — verbrauchen lassen von ihren Genossen oder Nächsten, — ich lasse mich nicht vom Leben verbrauchen, sondern ich verbrauche das Leben — wie es mir beliebt!“ — „Weißt du, guter Streitmüller, was mein Ästhetentum bedeutet?“ fuhr Hartleben fort — „ein ganzer Künstler will ich sein!“ — „In Schönheit sterben!“ ulkt Streitmüller — „und Cerevisia von Pilsen heißt Otto Erichs vornehme Schönheit, Prost Kinder!“
Hartleben läßt sich nicht aus seiner Sicherheit bringen und blickt herausfordernd im Kreise umher: „Cerevisia von Pilsen, so heißt allerdings meine Dame — daß Otto Erich ihr Ritter ist, weiß also selbst der Adel von Berlin-Ost und die Fritzenwalder Ritterschaft vom Geiste. Aber noch nicht scheint sie zu wissen, daß ich diese Dame nur aus dem Grunde liebe, weil sie meiner Königin aufwartet. Die Königin heißt Träumerei. Cerevisia, der goldige Stoff aus Pilsen, dient meiner Träumerei. Nach meinem Geschmack träumen will ich, das ist mein wahres Leben. Ihr Banausen begreift nicht, warum ich saufe. Die Wirklichkeit ist mir zu pöbelhaft — das ist mein tiefer Grund! Heil!“ — „Heil!“ echoen die Spezialjünger und schlucken eifrig. Einer intoniert:
„Meine Mus’ ist gegangen
In des Schänken sein Haus ...“
„Haltet die Mäuler, Füchse!“ ruft Paul Streitmüller — „die Diskussion ist noch nicht zu Ende. Was Otto Erich Träumerei nennt, ist eigentlich Schlemmerei. Ich gönne euch allen ja etwas davon und ihm noch seinen Extrakübel mit dem prickelnden Labequell von Pilsen. Wenn aber der flotte Jenenser Bursch zum Riechfläschchen greift und sich in den Artistendusel der Nurkünstler hineinschwindelt — dann freilich wird Goethe zum Bierjungen — und Stephan George zum Schönheitspapst! Ein ganzer Kerl soll im Dichter stecken, einer der Menschentum offenbart, höheres ...“ — „Mein lieber Genosse!“ entgegnet Hartleben von oben herab — „schreibe du über die Gewerkschaft der Steinträger und andere Sozifragen — auch über Ethik und so was Höheres — davon verstehst du was. Von klingender Traumkunst aber ...“ — „Versteh ich allerdings nicht die Bohne!“ pariert Streitmüller. Hartleben setzt nun erst recht die Meistermiene auf — herausfordernd blickt er im Kreise umher: „Sind hier etwa noch mehr solcher Barbaren, die ein lyrisches Gedicht verstehen wollen?“ — Streitmüller läßt sich nicht verblüffen: „Kokettiere nicht! Wer ein Drama in philistros geschrieben, braucht sich nicht darüber aufzuhalten, daß Wille die Philister auf seine Art bekämpft — indem er unter den gegebenen Verhältnissen ein Karzer auf sich nimmt, das allerdings kein Tempel der Schönheit ist. Aber das war euer Jenenser Karzer auch nicht! Und dahin ließet ihr euch sperren wegen einer besoffenen Lappalie. Wille hingegen ...“ — „Ist Giordano Bruno redivivus — foltern läßt er sich — bei lebendigem Leibe verbrennen“ — spottet Hartleben, dem es willkommen sein mag, einen Blitzableiter gegen Streitmüllers Donnerwetter zu haben. — „Na gut! Aber wenn unser Bruno sich mit Bravour hineingestürzt hat, so kann ich nur sagen: Er kommt mir ein wenig wie Fritzchen vor, als der sich bei Hundekälte die Pfoten erfrieren ließ, um anklagend zu heulen: Geschieht meiner Mutter ganz recht! Warum läßt sie ihren Jungen ohne Handschuh! Wille hat sein Ideal, na ja! Idealismus heißt das wunderlichste Menschengefängnis — freiwillig begibt sich der gute Schwärmer hinein — und mag gar nicht mehr ’raus, vor lauter Verachtung für das Gesindel, das sich draußen wohl sein läßt ...“ — „Spuk und Sparren!“ ruft ein Jünger Stirners und ein Ibsenide: „Lebenslüge!“ — Aber Paul Streitmüller: „Mancher scheint die Lebenslüge nötig zu haben, sein Ich sei etwas einzig Kostbares, erhaben über die dämlichen Sozialpflichten. Sein Gefängnis ist wie eine Schachtel voll Watte, drauf er als Perle ruht — ist faule Gewohnheit!“ — Otto Erich tut, als habe er nichts gehört, und spottet weiter: „Heine erzählt von einem wunderlichen Matrosen, der plötzlich vom Gipfel des Mastes schrie: Ich sterbe für den General Jackson! drauf kopfüber aufs Deck sprang und — prompt das Genick brach. Wie dem General mit solchem Sterben gedient sei, hat niemand begriffen, man wußte nicht mal, wer der General Jackson war.“ — Allgemeines Gelächter, in das auch meine Freunde einstimmen.
So ging das Spiel meiner Phantasie, und alles war, als ob es sich wirklich so zutrüge. Beim Spott der Gefährten blutete mir das Herz. Und was das Peinlichste war, meinen eigenen Zweifel liehen sie Worte — ich stöhnte. Und in einem fort das Regenplätschern draußen — und niemand kam, mich zu trösten — ich blieb mutterseelenallein.
Nicht weil ich im Gefängnis war, fühlte ich Vereinsamung, sondern weil jedes Ichwesen eigentlich in Einzelhaft gebannt ist, mag es sich auch darüber hinwegtäuschen durch Geselligkeit. Was innerlich im Einzelnen vorgeht — sein Fühlen und Begehren, sein Träumen und Sinnen — erlebt in unmittelbarer Weise nur er selbst, der Vereinzelte! Oft ist er sogar sich selbst ein Rätsel. Um wieviel mehr den anderen, die ihn doch nur äußerlich beobachten! Seine Mienen und Geberden sehen sie, seine Stimme hören sie — und das heißt: rein äußerliche Wirkungen empfangen sie von ihm, nichts unmittelbar Geistiges! Nur Wellenzüge des Äthers und der Luft! Zugegeben natürlich, daß ich die Mienen meines Mitmenschen seelisch deute. Doch schließlich nur aus meinem eigenen Ich schöpfe ich diesen Sinn, lege mir das Benehmen des Mitmenschen nach meinem Muster zurecht, finde immer nur mich selbst im Mitmenschen wieder; nichts anderes weiß ich von seinem Innern, als was ich von mir selbst hineinspiegele. Niemals kann ich der Schlange gleichen, die sich häutet. Kann nie aus der Haut meiner Subjektivität schlüpfen. Mit mir allein bin ich immerdar — und eben darin besteht meine tiefste Vereinsamung. Als der Weltgeist die Kreatur aus dem Garten Eden trieb, da hat er sie verbannt in die Einzelzelle „Ich“. Nun seufzen wir und sehnen uns zurück nach der verlorenen All-Gemeinschaft. Und schmachten nach fremden Seelen, — bleiben aber im Grunde isoliert.
Es war längst Nacht — doch ich mochte die Lampe nicht anzünden — lieber im Dunkeln weiter träumen. Auskosten bis auf den Grund den Kelch der Vereinsamung — um dann einmal ganz fertig zu sein mit dieser Bitternis. Ich ahnte, daß in allem Leid ein Durchbruch gelingen müsse zu Schatzkammern der Seele. Meine heiße Schläfe lehnte ich an die Gefängniswand, der Novemberwind schnob lauter, immer noch wimmerte die Regentraufe ... Und horch, auf einmal kam ein Laut aus einer geheimnisvollen Welt — ein Gruß vom ersehnten Reiche freier Geister: Dumpfer Hufschlag — das war er ja wieder, der rätselhafte Reiter, den ich manche Nacht belauscht. Und er galoppierte dunkle Wege dahin — stürmte in die Weite — während ich im Gefängnis einsam seufzte.