Nun horch, da nahen hurtige Schläge

Von Rossehufen auf nächtigem Wege.

Vorüber stürmt galoppendes Reiten

Hinaus in geheimnishüllende Weiten ...

So lauscht ein heißes Haupt an der Mauer

Und kostet die Kühle mit süßem Schauer.

Nachtodem braust mit Regen und Schloßen

Und haucht herein durch die Kerkersprossen.

Ach, wer so fliegen könnte ins Schrankenlose — wie dieser Reiter! Und wie der wilde Novemberwind! Einmal war’s, da durft ich so ins Freie galoppieren: Um die Mitte meiner zwanziger Jahre begleitete ich den Geographen Kiepert auf einer Expedition durch Anatolien, und zu Pferde ging es Tag für Tag. Da gab es keinen Gram — jeder Laune meines Zügels, dem herrischen Druck meiner Schenkel gehorchte das zottige Pferdchen — und ich schaute in heiliger Heiterkeit; wie dem Auge des Äthers lag mir frei und offen das Wunderland Homers. Über Ilion reisten wir nach Pergamon. Als ich vom hochgelegenen Amphitheater eine Aussicht schaute, deren einfach große Formen die Inschrift bezeichnete: „Im Angesicht des Landes und des Meeres“, — empfand ich die selige Ruhe eines kraftvoll harmonischen Menschentums. Und fühlte innig, weshalb Faust, mittelalterlicher Enge und Dumpfheit entwachsen, sich nach Helenas Heimat sehnt und den Rücken jenes centaurischen Pferdemenschen Chiron besteigt, der einst sie trug und der mit seinem Saitenspiel Heroen erzog ...

Während ich so in meinem Gefängnis sann, hielt ich es für angebracht, das Gedicht vom freien Reiter aufzuschreiben, damit es nicht dem Gedächtnis entfalle. Ich wollte Licht machen; doch etwas lähmend Berauschendes hatten die Erinnerungen an Pergamon — noch ein Weilchen gab ich mich ihnen hin ... Da war mir, als rege sich jemand draußen am vergitterten Fenster, und es kam mir der Gedanke: Jetzt haben sich die Freunde besonnen und wollen dir wohl gar eine Serenade bringen! O diese Witzbolde! Aus trostloser Vereinsamung möchten sie den Gefangenen in ein Elysium von Wohllaut, von liebreicher Geselligkeit versetzen. Da lauern sie nun und kichern in Verstecken über meine Verblüffung. Gute Schelme! Also losgeschossen! Artig will ich auf euer Programm eingehen. — Ich lausche — nur den Wind höre ich und das Regenrieseln — irgendwo klappert ein offenes Fenster. Habe mich also wohl getäuscht! Wer wird denn auch solch eine Regennacht zum Ständchen aussuchen!