Doch horch, ist das nicht Flötenmusik? Und sieh, da glüht es rot! Wahrhaftig, nun kommen sie! Gar mit einem Fackelzug! Ein Mummenschanz, eine dramatische Szene. Lauter Griechenvolk — famose Gestalten. Im Halbkreis gruppiert um mein Gitterfenster. Ich erkenne sie alle — Willi Bölsche, am Arme hängt ihm eine Mänade, Julius Hart mit einer flotten Schauspielerin vom Residenztheater — Heinrich Hart, die Eulenspiegelkappe über den Kopf gezogen. In der Mitte der taumelnde Hartleben als Gott Dionys, mit Epheu umkränzt, einen Pokal in der Hand, sucht er Halt an einem Greis — das ist Sokrates. Und es winkt der olympische Schlemmer mit dem Thyrsosstab, alles lauscht: „Pfahlbürger! Zu Ehren unseres Bruno Wille, den wir wegen seines freiwilligen Kerkers hier zum Ehrenpfahlbürger ernennen, lasset die Serenade höhern Stumpfsinns erschallen, den mit Recht so beliebten Pfahlbürger-Reigen!“ Sich in den Hüften wiegend, hebt nun Hartleben Thyrsosstab und Pokal und beginnt im Baß:
„Ra—ria—rulla! Ra—ria—rulla!
Dreck—Speck—Zweck überhaupt!
Reia, reia, reia, humpa, humpa ...“
Dröhnend schwillt der Gesang, unter Lachen und Stampfen ordnet man sich zur Fackelpolonäse. „Nicht zu laut, Kinder!“ rufe ich — „sonst blasen die Feuerkälber, und die Fritzenwalder Feuerwehr kommt uns mit kalten Wasserstrahlen über den Brausekopf. Ihr dürft nicht vergessen, daß hier ein Gefängnis ist!“ — „Dummes Zeug!“ schilt der dionysische Hartleben. „Ich schwinge hier das Skeptron der Freude und Freiheit. Du bist zur Stunde frei und kommst mit! Vernimm, erhabener Volkserzieher, Gründer der freien Volksbühne, wir überstrahlen dein Verdienst. Haben etwas gegründet, das all der Muffigkeit heutzutage ein Ventilator ist: die freie Luftbühne! Wir führen dich hin, wohlan!“ — „Aber ich bin ja eingesperrt.“ — „Dieser Weise wird deine Kerkertür sofort entriegeln“, entgegnet Hartleben würdevoll. Auf seinen Wink tritt Sokrates vor; wie der ein wohlbekanntes Schlüsselbund emporhält, geht mir ein Licht auf: „Der Tausend! Das ist ja unser Jacoby!“ Schlagfertig kalauert er:
„Ich Greis
Und Metaphysikus,
Bin hier vom Kreis
Der Pfiffikus.“
Beifallsgelächter. Nun rasselt er mit den Schlüsseln und kommt mir aufzutun. Wie ich eben das Gefängnis verlassen will, rufen die Versammelten: „Platz da! Der freie Reiter kommt!“ Indem sie eine Gasse öffnen, vernehme ich den geheimnisvollen Hufschlag. Näher stampft es, und auf einmal galoppiert ein Centaur in den Hof, bäumt sich und steht nun schnaubend. „Chiron!“ ruft man, und Hartleben-Dionys: „Bravstes Vieh der klassischen Walburgisnacht! Nimm diesen Fritzenwalder Faust auf deinen Rücken, dann fort mit ihm zum alten Griechenland, wo du mit deiner Musik-Magisterei Helden und Halbgötter erzogen hast.“ Von etlichen Händen gepackt, sitze ich auf dem Rücken des Pferdemannes, halte mich an seiner Mähne fest, und los geht die wilde Jagd ...