Der Ankömmling war der Dichter Peter Hille. Weltfremd stand er vor dem Eingang meiner Zelle, eine hagere Gestalt in braunem Havelock. Unter dem breiten Hut wallten braune Locken, und vom wachsbleichen Gesicht, in dem nur das Auge Leben hatte, floß der weiche Bart nieder. Verlegen nahm Peter den Hut ab und bot den Gruß, mit dem er sich gern an sein Vagabundieren in Italien erinnerte: „Bona sera!“ Bartels nahm ihn sofort zum Büffet; Speis und Trank waren immer angebracht bei diesem Literaturzigeuner, der von den Gaben seiner Verehrer lebte.

Auf einmal im Hof ein Zischen und Knattern — Funken sprühn. Wir stürmen auf den Hof — da wirbelt vor meinem Fenster eine Funkenspirale, ein sogenanntes Feuerrad, befestigt an der Holzschranke, die den Müllhaufen umhegt. Und es hüpfen knatternde Frösche. „Bist du toll?“ fahre ich Bartels an, der um die Feuerwerkskörper bemüht ist — er antwortet trocken: „Im Programm heißt es doch: Anzünden der Volksbegeisterung!“ — „Den Unwillen des Amtes wirst du mir anzünden! Du alarmierst die Leute!“

Und in der Tat! Nicht bloß, daß Frau Bolle und Onkel Pofke zeterten, auch ein ältlicher Mann war auf dem Hof erschienen, er trug ein dütenförmiges Rohr aus Leder. Als stiller Beobachter lungerte er herum. Der Kuhhirt Kuschel war’s, der den Giebel des Nachbarhauses bewohnte. Er hatte die Funken gesehn und war sofort mit seinem „Feuerkalb“ gekommen, wie man das Tuterohr zum Alarmieren nannte. Ich trat ihm entgegen: „Nicht blasen! ja nicht!“ Begütigend winkte Kuschel: „Ick wollte man bloß sehn, ob hier nich ’ne Mark locka is — wer fix tuten tut, kricht bei uns Feiertutas ’ne Extrawurscht!“ — „Hier is Ihre Extrawurscht!“ Und Bartels drückte ihm Geld in die Hand. „Was ist dann das für äin Dings?“ fragte Paulchen Scharbock und nahm dem Alten das Tuterohr ab. „Det is ’n Feierkalb!“ — „Was für’n Kalb? Wird das Kalb jeschlachtet? Dazu schäint es mir etwas zu zäh! Ach so, Fäiäkalb sagen Sie! Se mäinen, es paßt zu unsrer Fäiä? Es wird woll hinäinjetutet? Hier oben bäi dä Schnouze?“ Und ehe man ihn hindern konnte, hatte der Unselige aus voller Lunge ins Tuterohr gestoßen: „Puh!“ Mich verblüffte nicht bloß dieser schnöde Mißbrauch des Fritzenwalder Feuerkalbs, sondern noch mehr die Kraft der Scharbockschen Lunge; dann aber die verheerende Wirkung, die von ihr ausging. Kaum eine halbe Minute später antwortete es von einer nahen Straße: „Puh!“ — dann mehr entfernt: „Puh!“ Schließlich scholl es nah und fern: „Puh!“ — „Puh!“ — „Puh!“ Das Feuerkalb war dem Attentäter entrissen; mit kindischem Lachen hob er die Hand und deklamierte: „Unhäil! du bist em Zuge! nemm walchen Louf du wellst!“

„Meinen Sie mich?“ sagte der Kreispfiffikus, der plötzlich in unsrer Mitte stand. „Man nennt mich Heilkünstler, doch bin ich ehrlich genug, mich getroffen zu fühlen, wenn es hier heißt: Unheil, du bist im Zuge. Gegen Zugluft bin ich allerdings kaum empfindlich.“ — „Um Jotteswillen, Herr Dokta!“ kam Frau Bolle händeringend — „helfen Se! Mit’s Feierkalb hat eena jetutet, aus Jebamut, eena von die Jäste!“ — „Aus Übermut?“ versetzte Doktor Jacoby und schnüffelte: „Aber hier riecht es doch nach Rauch. Ich spiele nicht auf die anwesenden Herren Raucher an, sondern meine etwas minder Edles. Es riecht nach angebrannter Müllgrube. Ich ahne, da hat jemand einen Zigarrenstummel reingeworfen. Was starren Se mich an, Herrschaften? Bin ich’s etwa gewesen? Dann entschuldigen Se!“ Und der Kreispfiffikus lief zur Hoftür, die eben aufgerissen wurde. „Wech da!“ herrschte er die Eindringenden an. „Blinder Lärm! Hier hat keener wat zu suchen, Bengels! Ihr sollt euch lieber nützlich machen! Lauft mal jleich de Feuerwehr entjejen. Schönen Jruß von mir, un es wäre blinder Lärm — sie sollen sich den Weg sparen — das Tuten muß aufhören, schleunigst aufhören!“ — Die eifrige Dorfjugend verfuhr nach der Weisung des beliebten Mannes, und nicht lange, so kam ein Junge gehastet, um stolz zu melden, er habe die Feuerwehr zurückgeschickt. Dann verstummte das Tuten.

Doch nun kam eine neue Verwickelung: Der Biedermaxe stand plötzlich unter uns und schnüffelte mit Polizeiblicken herum: „Was geht hier vor?“ — „Was wollen Sie denn hier?“ wandte sich der Kreispfiffikus an ihn — „gehen Sie lieber nach Haus — ich habe jemand für Ihr Grundstück interessiert. Der wird gleich kommen. Oder war er etwa schon da?“ — Der Biedermaxe stutzte: „Wegen meines Grundstücks?“ — „Na ja doch — und ich vermittle den Kauf. Ich erwähne das, um mir die Provision zu sichern. Ich nehme doch an, — wie?“ — „Aber mit Kußhand!“ erwiderte der Biedermaxe wie umgewandelt. — „Na denn jehn Se man fix! Sonst verpassen Se den Koof! Hier is ja doch nischt weiter los, als daß ick ne Ziehjarre in de Mülljrube jeworfen habe.“ Und der Kreispfiffikus schob den Biedermaxe ab. Als ihm das gelungen war, wandte er sich zu uns: „Nun aber, meine Herren, muß einer die Rolle des Kauflustigen übernehmen und zu dem Biedermaxe hin. Das ist sonst ein gefährlicher Kunde — der zeigt an, was hier für ne Bescherung war. Den müssen wir engagieren.“ — „Paulchen!“ sagte Hartleben zu Scharbock, „geh du mit Petern hin! Peter Hille soll den Kauflustigen mimen — muß sich das Grundstück dieses Biedermaxen besehn.“ — „Also los, Kinder!“ sagte Bartels — „ich bringe euch hin und instruiere euch des Näheren. Übrigens, Onkel Pofke, legen Sie doch ein Achtel Freibier auf, für die Feuerwehr.“

Mit schelmischer Liebenswürdigkeit reichte der Kreispfiffikus zwei Damen den Arm: „Aber Herrschaften, hier verkühlt man sich. Rinn ins Verjnüjen!“ Und lachend kehrten wir ins Gefängnis zurück. Einen hübschen Einfall hatte Frau Martha: wir machten uns Kränze aus dem geröteten Laube des Wilden Weins und aus Epheu, der bei der Kegellaube rankte. Bald saß alles bekränzt, wie Griechen beim Symposion, lauter frohe Gesichter, es duftete aus den Pokalen. Passend zur italienischen Nacht klimperte meine Zither die Sicilianerweise Santa Lucia, und wir sangen Fischlens Lied:

„Sind es nicht Toren,

Die da stets zittern

Und sich das fröhliche

Leben verbittern?