„Sei klug und neige die Nase
Nicht nieder zum Erdenkot!
O färb’ im duftigen Glase
Sie lieber burgunderrot!“
Benno Streitmüller, als Biedermeier gekleidet, widmete mir eine alte Ausgabe von Kants Schrift „Religion in den Grenzen bloßer Vernunft“. Aufsehen erregte seine Versicherung, eine beigeklebte Haarlocke sei auf dem Haupte jenes preußischen Ministers Wöllner gewachsen, der dem Königsberger Philosophen verbot, die Schrift drucken zu lassen, weil sie gewisse Grundlehren der Bibel und des Christentums herabwürdige. „Sei dir die Locke Amulett! Wenn in der Homöopathie ein brauchbarer Kern steckt, so mag das eine Ministerübel das andere verscheuchen!“
Unter Halloh langte ein Haufen Gäste an — es waren die Berliner, von meinem Friedrichshagener Freund Bartels hergeleitet. Außer dessen Frau waren da noch ein paar Damen, besondere Verehrerinnen des Dichters Marcus Fischlen, mit dem sie gekommen. Otto Erich Hartleben fehlte nicht — sein Nerogesicht mit dem Doppelkinn fahl, durch das dunkle Glas des Schildpattkneifers lugte mürrische Schwermut, wie Beileid machte sich sein Händedruck. „Nanu?“ fragte ich, „du wärst der erste, der mein Gefängnis tragisch nimmt.“ — „Wieso?“ meinte er finster. „Na, du siehst so elegisch aus.“ — „Doch nicht deinethalben!“ gab er patzig zurück — „ich bin immer elegisch, solange ich noch nüchtern bin.“ — „Dies aufrichtige Wort sei uns Signal, mit schäumendem Trunk die Festlichkeit zu beginnen!“ Meine Klause musternd, trat die Gesellschaft ein und staunte belustigt: „Ah!“ Als geschickter Regisseur zapfte Bartels die Gläser voll, mit guten Wünschen trank man die Blume und verteilte sich unter Geschwätz. Kichernd kam Frau Martha zur meinigen: „Denke dir, Paulchen Scharbock hält das für eure richtige Wohnung.“
Wir drängten uns in Scharbocks Nähe. Diesen Dichter habe ich noch nicht beschrieben. Einer aus Keenichsbarch, der mit seinem phantastischen und schwelgerischen Polackentum die tiefsinnige Schwärmerei des Deutschen verband, eine gewisse Mystik — die sich humoristisch gab, weil die ganze Art den spielerischen Launen eines gutmütigen Kindskopfes gehorchte. Dabei sah er wunderlich ernsthaft aus: Unter der breiten Grüblerstirn loderten hinter dem Kneifer blaue Augen, schmachtend groß, und der blonde Vollbart, niederwallend und zugespitzt, vervollständigte den Eindruck eines Zauberers. Scharbock wäre dem Wüstenprediger Johannes ähnlich, hätte dieser nicht mit Wasser getauft, sondern eine stärkere, mehr innerlich wirkende Flüssigkeit beliebt. Dieser Dichterprophet wandte sich mit Begeisterung mir zu: „Häil, mäin Liebä! Du housest janz idyllisch, Mansch! Aber Frou Leeschen! Wo is dann die Küche, wo so köstlich für uns sorcht? Un noch äins — antschuldigt! Wo habt Ihr öier Schlafjemach? Ach woll oben! Ich sah droußen so was wie’ne Trappe. Da jeht es also, met Erloubnes zu sagen, zu öiren Batten?“ Kopfschüttelnd starrte alles den Poeten an. „Aber Scharbockchen!“ gab ich zur Antwort, „das ist doch mein Gefängnis!“ Das Auge aufgerissen, spähte er stutzig im Kreise umher: „Was bedöitet das?“ Staunend entgegnete Marcus Fischlen: „Aber Mensch! Woischt denn Du wirkli net? Unterwegs han i dir doch gsagt, was los isch. Den Bruno Wille hät der Minischter ei’glocht! Dees da isch sei Gfängnis! Scharböckle! bisch goischtesabwesend?“ In der Tat blickte Scharbock fast einfältig: „Ich höre da ümmä was von Jefängnis — aber wir sind doch nech in Moabit!“ — „Dee’scht ja grahdezu badologisch!“ — „Ech tröüme doch nech!“ trumpfte Scharbock auf — „wir sind doch zur italienischen Nacht jeladen — und das sind Lampions — das is doch rechtijes Bier — un wir knäipen in Willes Jartenhous — wir sind fräie Manschen!“
Brüllendes Gelächter — und der weltfremde Träumer, der nicht mal Zeitungen las, wurde zum Fasse geführt. Nun boten die Damen Imbiß an. Von Hartleben war eine gewaltige Blechdose mit Hummermajonnaise gestiftet. Dazu wurde Chartreuse gereicht, man schlürfte auch Bölsches alten Burgunder.
Erneuter Tumult. Der Setzerlehrling brachte die Flugblätter. Man riß sich drum. Bei der Flurampel las Bartels vor. Er kam freilich nicht weit — Zwischenrufe platzten los, aufgeregt debattierte alles durcheinander. „Ein Pantheist oder Atheist darf in Preußen keinen Jugendunterricht erteilen!“ „Darauf läuft die Maßregelung hinaus.“ „Pantheist is antschieden jedä Poet! Saacht nicht Schiller: Jott un Natur send äins? Un Joethe ...“
„Chaja natürlich Choethe und so weiter!“ sprühte Julius, der Westfale. „Stellen wir uns vor, Choethe möchte seinen Knaben in seine Weltanschauung und so weiter einführen. Und Choethe hätte das Pech, preußischer Untertan zu sein. Dann müßte der Kultusminister Bosse einwenden: Bei aller Verehrung für Ihre Dichtung, Herr Choethe, verbiete ich Ihren Chuchendunterricht. Sie haben dazu nicht die erforderliche Sittlichkeit und Korrektheit der Chesinnung — denn Sie sind Pantheist — chaja natürlich Choethe!“ — Hohl deklamierte Scharbock: „Wer darf ihn nannen — und wer bekannen: Ich jloub ihn?“ — Doch Hartleben machte Gretchens Einrede geltend: „Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen — steht aber doch schief darum — denn du hast kein Christentum.“ — „Ja zum Teufel, welcher Gott gilt denn in Preußen? Muß man, um Kinder unterrichten zu dürfen, an den Greis mit dem langen Bart glauben? Oder ...“ — „Hier kommt er ja mit seinem langen Bart!“ rief Hartleben — „Jehovah, wie er im Garten Eden wandelte, in der Kutte aus Kamelshaar ... Doch nein, unser Peter sieht eher dem Wotan ähnlich, zumal wenn er seinen Schlapphut aufhat.“ —