Andern Tages brachte der Briefträger nebst der Flugblattkorrektur ein Schreiben, das meine Freunde als Einladung an die Gäste versandt hatten. Ein Fries von Karikaturen, ein echter Bölsche, deutete vielversprechend an, wie die „Italienische Nacht im Kerker der Inquisition“ verlaufen sollte: Ich sitze lächelnd auf einem Scheiterhaufen, in der Linken eine Wurst, den schäumenden Krug zur Ministerloge erhoben, wo besternte Würdenträger durch Monokel und Opernglas die Szene bestaunen. Mitglieder meines Freundeskreises tanzen um den Scheiterhaufen, den Hartleben aus einer Flasche Aquavit tränkt. Ein Kerl in Ballonmütze verteilt das „Flugblatt an die Menschheit“, ein Kater kaut an einem Hering. „Illumination des Kerkers und Pickenick, unter Verwendung mitgebrachter Liebesgaben. Ausgabe des Flugblatts, Anzünden der Volksbegeisterung.“
Die unheimliche Großartigkeit dieses Festplans ließ mein Herz höher schlagen — nur daß mich eine Gänsehaut überlief, wenn ich die Platzfrage erwog. „Frau Bolle, seien Sie ein rettender Engel!“ — „Wat is’n los?“ — „Ich habe heute Geburtstag!“ — „Na also! Warum machen Se denn da so’n schiefet Jesichte?“ — „Ach Frau Bolle! Ich möchte doch gern ein bißchen feiern, und nun wollen so’n Stücker zehn oder zwanzig Freunde auf den Abend kommen — wo soll ich die alle unterbringen?“ — Die Amtsdienerin prüfte den Raum: „Drei uff’s Bett — zwee bis drei uff Stiehle — also sechse zur Not lassen sich rin quetschen. Die andern missen schon in den Flur bleiben — det heeßt, mehr wie sechse finden da ooch nich Platz.“ — „O jehmineh, Flur! Der ist gar zu öde! Und da wollte ich das Bierfaß auflegen!“ Nun kam der Amtsdienerin der Einfall: „Die Zellen hier neben sinn ja frei — da kennte man eene uffmachen.“ — „Beide!“ sagte ich entzückt — „gute Frau Bolle, ach schließen Sie doch mal auf!“ Der Raum dieser Zellen übertraf meine Erwartung, da sie keinen Ofen hatten. „Nun aber, Frau Bolle, sorgen Sie dafür, daß unser Amtsdiener kein Störenfried ist.“ — „Der weeß von nischt! Ik wer’ schon machen — der verduftet heite Abend.“
Es würde zu weit führen, wollte ich schildern, was alle zu besorgen war und mit welcher Hingabe meine Frau, Frau Pape, selbst Frau Bolle sich den Vorbereitungen des Festes widmeten. Genug, um acht Uhr abends sah das Gefängnis aus, als wäre ein verwunschenes Schloß entzaubert. In allen Winkeln hatte es geknackt; lockender Flitter verhüllte die graue Öde.
Wacholderbüsche flankierten den Gefängniseingang wie Ehrenposten. Oben hing umkränzt das Transparent:
„Willkommen, Kerkergäste,
Zum flammenden Freiheitsfeste!“
Den Flur, wo neben Blumenschmuck ein schwungvoller Karton von Fidus angebracht war, durchsprühte rotes Licht von einer Papierlaterne. Hinten das bekränzte Bierfaß in Eis gebettet, Gläser in Reih und Glied auf weißgedecktem Wandbrett. Da gab es Schüsseln und Teller, Messer und Gabeln. Die Nebenzellen mit Ampeln, Girlanden und Bildern geschmückt, die Pritschen von Plüschdecken verhüllt.
Der Eingang meiner Mittelzelle drapiert mit rotem Fahnenstoff, gegenüber der Fenstervorhang von gleichem Knallrot. Nach außen mußten die Eisenstäbe auf dem flammenden Grund wirken, als sei hier eine Abteilung der Hölle. Doch war innen alles gemütlich und nett. Mein Bett durch die übergebreitete Plüschdecke und etliche Sofakissen zum Pfühle hergerichtet. Von oben strahlte eine bunte Japanlaterne. An der Wand ein Tierfell und Böcklins Einsiedler, daneben ein Wandbrett mit Büchern. Die gegenüberliegende Wand hüllte ein Perserteppich. Der Leuchter mit den drei Kerzen neben der Tür hatte etwas Feierliches. Die Zither auf dem Tischchen beim Fenster schien zu sagen: „Mein Stimmchen ist dünn, doch fröhlich wird es mit Fröhlichen singen.“
Ich weiß nicht, ob ich von meiner Hantierung heiß geworden oder ob der Ofen es zu gut meinte — genug, ich suchte durch Aufhalten der Gefängnistüren etlichen Durchzug herzustellen. Jetzt erschien meine Frau nebst Frau Pape. Aus Körben holten sie einen Napf Heringsalat, Platten mit belegten Brötchen, auch Pfannkuchen und eine Kaffeemaschine. Als meine Frau ihr Festgewand enthüllte, war kein Platz zum Ablegen der Garderobe. Wohin nun mit den Wintermänteln und Hüten all der Gäste? „Uff de Kejelbahne! Aus det Restaurang hol’n ma een’ Jarderobenstända un Stiehle in de Kejellaube.“ Und die treuen Helferinnen gingen ans Werk; in ihren weißen Schürzen machten sie sich blitzsauber.
Kaum war die Garderobe hergerichtet, so erschienen Gäste. Julius Hart mit seiner Gattin und seinem Bruder Heinrich. Mit ihrem stillen Lächeln händigte mir die zartschöne Frau Martha eine Chrysanthemumstaude mit weißlodernden Blüten ein, Julius unter Bücklingen eine Papierdüte mit Zigarren. Heinrich hielt es für angebracht, den vereinsamten Katzenfreund durch eine Porzellankatze zu trösten. Willi Bölsche hielt mir eine Flasche Burgunder vor die Nase und las lächelnd das Etikett: