Wer in dieser rauhen Novembernacht das Gesicht des schlafenden Einsamen beobachtet hätte, wäre inne geworden, wie nicht bloß über dem Nachtgewölk, sondern auch hinter Gefängnisgittern Sterne blühn, sehnsüchtige Träume, die das Reich vollenden ...

Als mich andern Tages Bölsche besuchte, erzählte ich meinen Traum. „Die Verse, die ich im Traum gedichtet, vom Olymp und vom Maulwurf, habe ich gleich nach meinem Erwachen zu Papier gebracht. In voller Genauigkeit ließen sie sich nicht erfassen und verkümmerten bei der Niederschrift — unsere Vernünftigkeit scheint unzulänglich, wo das Wundersamste aus unserer Tiefe hervor soll.“ — „So bleibt alles Schöne schließlich Mystik“, antwortete Bölsche. Dann zergliederte er meinen Traum: „Mit Hölderlins Liebe zum Griechentum fühlt sich dein Humanismus verwandt. Auch du sehnst dich nach Menschen, die in Freiheit schön und stark sind.“ — „Aber nicht bloß sehnen soll man sich, auch handeln, praktisch arbeiten!“ — „Schon recht!“ lächelte Bölsche — „na, du hast ja auch praktisch gearbeitet an der Volkserziehung, so praktisch, daß du ins Gefängnis gekommen bist! In einsamer Zelle spinnst du nun wehmütige Vergleiche zwischen preußischen Barbaren und den alten Griechen. Übrigens ist deine klassische Walpurgisnacht ein Gegenstück zu jenem andern Traum, den du mir neulich erzählt hast — ich meine den Traum von der ollen Konservenkiste. Während dieser das Gespenst der Vergangenheit zeigt, wie es unheimlich in der modernen Zeit herumspukt, hat dich jetzt jene Sehnsucht nach der Vergangenheit gepackt, der süße Traum von entschwundener Jugend, von Helden lobebären, vom goldenen Zeitalter. Aber hast du nicht aus Goethes Faust gelernt, daß die schöne Helena ein Gespenst bleibt, das kein Totenbeschwörer zu leibhaftiger Gegenwart zwingen kann? Du hast des öftern reflektiert über mancherlei Gefängnisse, in die man sich eingesperrt fühlt. Zähle dazu auch das Gefängnis Zeitlichkeit! Klüfte im Raum lassen sich überbrücken — unüberwindlich bleiben Schranken, mit denen das Jetzt uns vom Ehedem absperrt.“

„Schon recht! Aber kennst du das Bild von Schwind: der Traum des Gefangenen? Im Kerker liegt ein bärtige Mann. Sehnsüchtig verfolgt sein Auge, wie ein Zwergenkönig von seinen Heinzelmännchen das Fenstergitter durchfeilen läßt. Dieser Zwergenkönig existiert — erlösen kann er aus dem Kerker Gegenwart, eine Brücke schlagen über Klüfte der Zeitlichkeit. Die Vergangenheit ist eben doch nicht eigentlich tot.“ — „Tot — und auch wieder lebendig! Ich habe mal die Vermutung ausgesprochen: Was wir Erinnerung nennen, ist ein Sinn neben den fünf Sinnen, eine Art Schauen: es dringt in eine heimliche Welt, entdeckt aufs neue eine Existenz, die wir entschwunden nennen — alles Vergangene existiert noch irgendwo.“ — „Und darum ist das Erlösende, was uns aus diesem Kerker der Zeitlichkeit erlöst, die Ewigkeit“, folgerte ich mit Bestimmtheit.

„Wann denn aber? Muß man erst zum Nirwana eingegangen sein?“ — „Das wäre radikale Erlösung. Sokrates, der den Giftbecher trinkt, freut sich auf die Gespräche, die er mit den Weisen der Vorzeit führen wird. Weil aber die Heinzelmännchen die Sprossen unseres Kerkers noch nicht zerbrochen haben, nehmen wir vorlieb mit einem Durchblick durch unsere Kerkersprossen. Idealismus heißt der Durchblick.

O selig, wer dorthin schwebt,

Wo Träume, hier noch Spott der Leute,

Könige sind und das Reich vollenden!“

Italienische Nacht

Die Ausgabe meines Flugblattes soll im Rahmen eines Festes erfolgen. Auch muß meine Bude eingeweiht werden. Übermorgen abend acht Uhr! Aber schleppt nicht zu viel Leute her, sonst gibt’s Krach mit dem Hotelier.“