Diotimas Augen sind geweitet, aus ihrer Rätseltiefe leuchtet die Vision der Seherin. Tausend Blicke bohren sich glühend hinein — und wie fragend sind der Versammelten Lippen halb geöffnet, schmachtend nach dem Wasser des Lebens. Und sieh, während Hölderlins Flötenhauche zitternd ersterben als verglimme Abendgold, hebt Diotima ihr Antlitz und breitet seufzend die Arme empor ...

Da hat ein Zauber alles verwandelt. Nur noch eine Ruine das Amphitheater. Öde, von allem Leben verlassen. Und Finsternis hält alles umfangen, mit riesigen Fledermausflügeln. Ein Glied der dumpfigen Erde haben die schwarzen Trümmer etwas von einer Höhle, von einer Gruft, einem Kerker. Und auf einmal kommt es mir vor, dies sei mein Gefängnis. Durch die Eisensprossen des Fensters erkenne ich den Gefängnishof mit der Pfütze — vom Regenguß ist sie vergrößert, Sterne spiegeln sich darin. Klar ist nun der Himmel. Über dem Dache des Vorderhauses leuchtet das Sternbild Orion — wie ein Krondiadem. Oder wie Tauperlen, sie flimmern gelb und blau, grün und rot. Die Sternstrahlen sind haarfeine Saiten einer Harfe. Sie summen, es klingt wie eine Mondscheinlerche. Von meiner Lippe beben rhythmische Hauche und formen sich zum Gedicht:

Es wühlt und tappt in dumpfiger Höhle blind

Der Maulwurf; ihn verschüchtert die Oberwelt.

Mir gab ein Gott dies Auge: aufblühn

Soll es, versippt mit den Sternen droben.

Dein Funkenzauber, hoher Orion, sprengt

Den Kerker mir. O selig, wer dorthin schwebt,

Wo Träume, hier noch Spott der Leute,

Könige sind und das Reich vollenden!