Ich wollte danken und Näheres vereinbaren — indessen hatte es das geheimnisvolle Walten, in dem wir leben, weben und sind, ganz anders gefügt. Onkel Pofke war eingetreten, er sah verstört aus und stammelte: „Hier is — ob hier Herr Eckehart —? ’ne Dame fraacht nach Sie — hier is se.“ Indem er sich zurückzog, trat eine weibliche Gestalt ein, schlank, in Wintermantel und Pelzbarett. Es war Diotima — aufschluchzend warf sie sich an Eckeharts Brust. Er hielt sie umschlungen und blickte angstvoll. Das Taschentuch vor die Augen gepreßt, wimmerte sie: „Großmutter!“ — „Was ist mit Großmutter?“ Da kam ihr Aufschrei: „Tot!“

Krank war die gute Alte nicht gewesen — nur daß heute ihre Mattigkeit und Wortkargheit aufgefallen war. Als gegen Abend die Wildgänse geflogen kamen, hatte sie gewünscht, vors Haus geführt zu werden. Am Arm der Enkelin hatte sie emporgelauscht, wie das Keilgeschwader schattenhaft am Himmel dahinzog, Rufe der Sehnsucht raunte und schwirrend mit den Fittichen ruderte. Zufrieden war sie dann ins Stübchen zurückgekehrt und auf dem Lehnstuhl eingenickt. Als der lautlos starre Schlaf das Mädchen befremdete, war die Greisin ohne Atem und kalt. In ihrem ratlosen Weh war Diotima sofort nach Friedrichshagen geeilt und hatte in Eckeharts eben gemieteter Wohnung vernommen, er sei bei mir.

Jetzt drückte mir Eckehart schweigend die Hand zum Abschied — weinend hing ihm Diotima am Arm ...

Am dritten Tage ging ich zu Großmutters Begräbnis, begleitet von Onkel Pofke, der die Amtsmütze trug. Hinter der Rahnsdorfer Mühle brachen wir abgeblühtes Heidekraut und einen stattlichen Wacholderzweig. Als Leidtragende waren fast alle Bewohner des Dörfchens und der Rahnsdorfer Mühle erschienen. Die Männer trugen den Sarg über den Wiesenweg nach dem wacholderumhegten Friedhof. Diotima weinte an Eckeharts Arm. Der Prediger sprach von den Ähren, deren Bestimmung es sei, unter der Sichel zu fallen. Mag das zeitliche Gewand vergehen, die Ernte kommt, wohin sie gehört: zur Scheuer der Ewigkeit, zu den Schätzen, die nimmer schwinden. So zu herbsten, ist alles Lebendige berufen. Drum rette dich aus dem Taumeln des Novemberlaubes, fühle dich heim zum Frieden! — Als Abschiedsgruß warfen wir Heidekraut und Wacholder ins Grab. Eine Kindergruppe sang: „Es ist bestimmt in Gottes Rat ...“

Als ich mit Onkel Pofke heimging längs des Müggelsees, erblühten am klaren Himmel die Sterne. Onkel Pofke meinte weich: „Da liecht se nu in ihren helzernen Schlafrock — un det is unsre nobelste Uneform ...“

Die Herbstnachtigall schwieg ... Schlafe! Bist jetzt abgelöst von einer Genossin — einer himmlischen. Die singt wie Orgelsummen; droben aus dem Reigen der Funken singt sie — und ladet meine Seele zum Flug ins Grenzenlose. Und wie vor Wochen zu meiner Grille eine angelockte sich gesellte, so antwortet jener Friedensstimme, die vom Sternenhimmel flötet, als Echo noch eine andere. Hienieden in meinem Gemüte hat sie sich niedergelassen — gehört aber beiden Welten an, der Erde und dem Himmel. Eine Prophetin ist sie höchsten Menschentums; sie wohnte einst in einem schönen, beschaulichen Greise, der es verstand, aus seinen Lebenstagen Musik zu machen; und das feierliche Finale ist sein hohes Lied von der Lebensreife: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“ Ja Fruchtbarkeit — der Baum, der aus vergilbten Wipfeln köstliche Keime in den Schoß der treuen Erde wirft — das ist die Wahrheit im Wahn des Lebens, ist aller Wesen und aller Welten ewiger Sinn. Drum jubelt sieghaft die weise Herbstnachtigall:

„Dann ist Vergangenheit beständig,

Das Künftige voraus lebendig —

Der Augenblick ist Ewigkeit!“

Von Badewannen und Müggelpiraten