In meiner Kindheit ging das geflügelte Wort, ein Gradmesser der Kultur sei der Verbrauch von Seife. Der deutsche Michel war stolz, daß auf Geheiß seiner Hausfrau jeden Samstag nicht bloß Ausklopfen der Teppiche und Scheuern der Dielen stattfand, sondern auch große Reinigung der ganzen Familie. Wenn dabei die Seife üppig schäumte, hatten die Kleinen viel Spaß. Damals reichte die Wasserleitung — in den Städten, die sich dazu aufgeschwungen hatten — nur bis zum Straßenbrunnen, der sogenannten „Kunst“. Hatten dort die Mägde das Wasser in ihre Eimer gelassen, so plantschten sie ein Drittel wieder heraus, während sie es die Treppen heraufschleppten. Man kann ermessen, wie umständlich es damals war, die Badewanne zu füllen.

Doch was sage ich? Eine Wanne war ja schon Luxus. Die meisten Familien benutzten zum Baden den großen Wäschezuber aus Holz, eimerweise mit dem dampfenden Naß versehen. Der alte Kaiser Wilhelm hatte — wie aus seinen Haushaltungsbüchern hervorgeht — keine eigene Wanne, sondern ließ Sonnabends vom benachbarten Hotel de Rome eine holen, und dafür wurde Leihgebühr entrichtet. In den Gemächern, die Friedrich der Große in Sanssouci bewohnte, sieht sich der Besucher vergebens nach einer Badegelegenheit um, und so sparsam wandte man damals das Wasser an, daß die Waschschüssel in der Schlafkammer nicht viel größer war als ein Vogelnapf. Hinein war ja auch nur ein Schwämmchen zu tauchen, um Augen und Nase zu netzen — mehr Waschung hatte ein waschechter Aristokrat damals nicht nötig, zumal Puder und Schminke die Creme seiner Toilette ausmachten.

„Eins zwei drei, im Sauseschritt

Läuft die Zeit — wir laufen mit.“

Bei solchem Fortschrittstempo nimmt es nicht Wunder, daß ein Jahrhundert nach dem Tode des Alten Fritz in seiner Kolonie am Müggelsee der obrigkeitliche Sinn für Waschen und Baden schon annähernd so entwickelt war wie am Hofe des alten Kaisers Wilhelm. Will sagen, daß das Amt Friedrichshagen wenigstens grundsätzlich zugestand, ein Sonnabendbad gehöre zu jenen Menschenrechten, auf die selbst ein armer Gefangener Anspruch hat. Für ihn geliehen wurde allerdings keine Badewanne. Zuerst war das Amt Friedrichshagen überhaupt etwas schwerhörig in puncto „Baden“. Doch auch in dieser Hinsicht „Umstürzler“, räumte ich auf mit der „verdammten Bedürfnislosigkeit“. Bereits in den ersten Tagen meiner Gefangenschaft hatte ich dem Amtsdiener eröffnet: „Hören Sie mal, bester Bolle — wie steht’s in Ihrem Hotel mit der Badegelegenheit?“ Er lächelte, als wolle ich scherzen. Als er merkte, daß sich ernstlich eine Kulturforderung geltend mache, brachte er eine Kanne warmes Wasser. „Sehr angenehm, Bolle, — aber hoffentlich mutet das Amt einem Manne von meiner Länge und Breite nicht zu, in dieser Waschschüssel zu baden.“ — „Ja, aber nee, Herr Dokta! Se wollen doch nich wirklich ne Badewanne? Die ham’ ma selbst in det Hotel nich — un hier hinten is ja kaum Platz fier Bett un Ofen un Emmer. Wat muten Se uns zu?“ — „Was muten Sie mir zu, Bolle? Melden Sie gefälligst dem Herrn Amtsvorsteher, daß ich auf Sauberkeit halte und hier nicht verkommen will — widrigenfalls ich die Flucht in die Öffentlichkeit nehme.“ — Sein Amtsgesicht war plötzlich versteinert: „An Flucht denken Se, an Flucht? Un bloß von wejen de Badewanne?“ — „Ich denke daran, daß meine Freunde von der Presse demnächst öffentlich beleuchten werden, was für Zustände hier herrschen.“ — „Himmelkaldaunen, man bloß nich! Un mit det Baden wer’ ma schon Rat schaffen. Vielleicht jenehmijen se bei Dokta Jacobyn een Zellenbad — wenn Se fufzig Fennije rieskian wollen.“ — „Riskier’ ich gern! Ist aber nicht nötig. Ich habe ja in meiner Wohnung eine Badestube.“ — „Na ja doch! Sehen Se! Bade zu Hause! Koche mit Jas! Drinke Lippentriller! Warum ha’m Se det nich jleich jesaacht? So wird et jehn! Jedenfalls sprech ick noch heite mit’n Herrn Amtsvorsteha.“

Und richtig, bald darauf meldete mir Bolle, ich könne jeden Sonnabend in meiner Häuslichkeit baden, er müsse mich allerdings hinbegleiten. „Schön! Sagen Sie dem Herrn Amtsvorsteher meinen Dank. Ha, wie sehn’ ich mich danach, den Kerkerstaub von mir abzubrausen! Und darauf, Herr Bolle, tun Sie mir Bescheid! Nehmen Se man ein Gläschen auf Ihren Diensteid!“ Solche bescheidenen Genüsse sollten für ihn die Korinthen im nüchternen Teige der Amtlichkeit sein. Doch dieser altpreußische Spartaner entgegnete: „Bloß keene Beamtenbestechung!“ Übrigens verdient er auch nicht den Verdacht materialistischer Genußsucht; denn die Wonnen des Geistes fanden in ihm einen dankbaren Verehrer — wie er beispielsweise in meinem Schreibzimmer, während ich badete, alte Jahrgänge der „Fliegenden Blätter“ mit Hingabe studierte und hinterher rühmte: „Et war zum Piepen!“

In solcher Gemütlichkeit hatte sich das Baden etlichemal abgespielt, als an einem Dezembersonnabend ein Abenteuer geschah. Kaum war ich in die laue Flut getaucht, als an der Flurklingel gerissen wurde. Ich hörte, wie Frau Pape die Flurtür öffnete und wie weibliche Stimmen aufgeregt verhandelten. Dann der Amtsdiener: „Wat is denn los?“ — „Du mußt jleich nach’n Kurpark!“ Das war Frau Bolles Stimme — „aber flott — da treten alle Amtsdieners an, ooch die Schandarme — Klempnermeester Kuhlicke veranstaltet eene Razzia uff de Müjjelpiraten — die ha’m wieda wat ausjefressen — bei Rahnsdorf eenen Renntieh ausjeplindat — un treiben sich nu bei Scheeneiche rum — von da is tellefonniert — un nu soll de Heide abjesucht werden — du mußt fix nach’n Kurpark, von da jeht de Razzia los.“ In die örtlichen Verhältnisse eingeweiht, begriff ich die Bedeutung dieser Worte. Kuhlicke war Stellvertreter des zur Zeit beurlaubten Amtsvorstehers Kloß. Als Vorsitzender des Kriegervereins fühlte er den Beruf, mit soldatischer Schneidigkeit einen Schrecken der Umgegend hinwegzufegen: jene Bande halbwüchsiger Burschen, die im Gebiet der Oberspree unter dem Namen „Müggelpiraten“ Einbrüche und Räubereien verübte.

Dem Amtsdiener kam der Befehl seines Vorgesetzten recht ungelegen; da sollte er nun sein behagliches Lesestündchen vertauschen mit einem Streifzug durch winterlichen, finstern Wald. Ich hörte sein nörgelndes Brummen, er habe doch einen Arrestanten zu versehen. Frau Bolle entgegnete: „Ach, det macht nischt! Der Herr Dokta kann alleene in seinen Arrest jehn.“ Aber nun hatte Bolle ein ernstes Bedenken: „Hurre Jott! Ick habe nich mal meine Pistole! Nee, so wat, Karline! Warum haste mich meine Pistole vajessen! Ick muß mir doch vateidijen jejen de Piraten. Die Brieder fackeln nich, die schießen unsaeenen paff ieban Haufen.“ Ich hörte, wie Frau Bolle die Hände zusammenschlug und weghastete: „Ick hole die Pistole, ick bringe se eejal nach’n Kurpark.“ — Bolle rief ihr nach: „Un nich de Patronen vajessen! Ick trolle mir so sachteken nach’n Kurpark — Ordnung rejiert de Welt, un der Knüppel de Leite.“

Nun hörte ich meine Frau mit Frau Pape aufgeregt über die Piraten verhandeln. Dann klopfte es an die Tür des Badezimmers. „Se haben woll jeheert, Herr Dokta,“ sagte Bolle, „ick muß Ihnen leider im Stich lassen, von wejen det vadammtichte Piratenjesindel.“ — „Habe alles gehört, Bolle! Meinetwegen können Sie getrost auf Ihre Räuberjagd gehn — ich finde mich allein ins Hotel zurück.“ — „Na ja doch, sind Se so jut! Un wat de Arrestschlüssel sinn, die leje ick hier vor Ihre Badestube — uf de Schwelle in de Ecke.“ Und ich hörte die Schlüssel klappern. „Schon gut, Bolle! Übereilen Sie sich nicht! Meine Frau soll Ihnen eine Herzstärkung mitgeben — ein paar Stullen und einen guten Tropfen — das ist Seelenpatrone — die Seele muß mit Feuer geladen werden.“ — „Nehm ick ausnahmsweise an, als patriotische Liebesjabe. Man kann ja nich wissen ...“ Bald stapfte Bolle die Treppe hinunter, während ihm Frau Pape nachrief: „Kommen Se man heil retur!“ —