„Du hast es doch nicht eilig,“ meinte meine Frau, als ich nach dem Bade meine Absicht äußerte, bald ins Gefängnis zurückzukehren. Ich gab die brave Antwort: „Möchte mir nicht nachsagen lassen, ich hätte die Situation ausgenutzt. Und du bist ja heute Abend bei Norskeborgs eingeladen.“ — „Damit hat es noch gute Weile — ich habe gesagt, daß ich erst nach dem Abendessen komme, auf ein Stündchen. Übrigens passe ich nicht zu diesen ausländischen Literaten. Norskeborgs haben als Logiergast einen Schweden — er wird dir wohl dieser Tage einen Besuch im Gefängnis machen.“ — „Wie heißt er denn?“ — „Na, so’n verkannter Dichter soll er sein — Stinte, glaub’ ich, heißt er.“ — „Du meinst doch nicht etwa Strindberg?“ — „Ganz recht! so war der Name! Und denke dir, einen höchst wertvollen Koffer hat man ihm auf einem Berliner Bahnhof gestohlen — und er soll ohnehin schon ein armer Teufel sein.“ — „Na, dann wird der Koffer nicht gar so wertvoll gewesen sein.“ — „Der Koffer enthielt ein Manuskript, sonst nichts.“ — „Ha ja, dann natürlich —“ „Und Frau Norskeborg sagt, das Manuskript handelt von der Kunst, Gold zu machen.“ — „Es scheint ihm aber noch nicht gelungen zu sein, Gold zu machen.“ — „Etwas seltsam ist er, sagt Frau Norskeborg — aber der bedeutendste Dichter Schwedens.“ — „Wenn ihr Mann so urteilt — er versteht natürlich was davon.“ — „Norskeborgs sind doch selber Schweden, wie?“ — „Er ist Schwede — sie Deutsch-Russin. Olaf Norskeborg hat als Kritiker wie als Dichter etwas los. Frau Norskeborg ist zwar eine geistreiche Frau, versteht aber nicht alles, wovon sie schwätzt. Von Strindberg kenne ich eine hübsche Schilderung der Insellandschaft bei Stockholm — außerdem Dramen, die das weibliche Geschlecht grimmig beurteilen.“ — „Stimmt! Frau Norskeborg nannte ihn einen Weiberfeind — sie hat ihre liebe Not mit seinem Mißtrauen.“ — „Um so mehr ist es anzuerkennen, daß Norskeborgs ihm Gastfreundschaft gewähren. Es ist auch nett von ihnen, daß sie mich dabei haben möchten, und es tut mir recht leid — ich verpasse da was. Bedanke Dich bestens für mich und grüße allerseits! Und wenn Norskeborgs mir ihren Gast in mein Gefängnis bringen, möchten sie sich doch vorher anmelden. Schwedens größtem Dichter müssen wir einen gebührenden Empfang bereiten, mindestens mit schwedischem Punsch. Na also — viel Vergnügen und gute Nacht!“

Wie gewöhnlich ging ich, um nicht aufzufallen, einsame Wege. Als ich in die Müggelstraße bog, stutzte ich: Die Gefängnisschlüssel! Die habe ich ja vergessen! Vor der Badestube sind sie liegen geblieben! Nun muß ich wohl wieder umkehren? Zum Kuckuck nein! Vielleicht ist in Bolles Wohnung ein zweites Paar Schlüssel. Sonst mag jemand für mich zurücklaufen!

Ein zweites Paar Schlüssel hatte Frau Bolle nicht — aber sie sagte zu ihrem Anton: „Hopp nach de Kastanien-Allee und von Frau Doktan de Schlissel jeholt!“ Für den Fall, daß meine Frau schon weggegangen wäre, gab ich dem Jungen die Adresse Norskeborgs an. Meine Wartezeit bei Frau Bolle wurde natürlich durch ein Gespräch über die Müggelpiraten ausgefüllt. Grauliche Einzelheiten berichtete sie über die Ausplünderung des Rentiers — einen Knebel im Mund sei er im Forst bei Schöneiche an einen Baum gebunden und fast erstickt gewesen. Aber der Klempnermeister Kuhlicke werde die Müggelpiraten schon fassen — er habe auch Freiwillige aufgeboten, vom Kriegerverein und von der Feuerwehr.

Der Knabe kehrte zurück — aber die Schlüssel hatte er nicht. Weder in meiner Wohnung noch bei Norskeborgs habe er meine Frau angetroffen, bei mir sei überhaupt keiner zu Hause. — „Meine Frau wird gegangen sein, um noch irgend was zu besorgen. Dumme Geschichte! Was ist da zu machen, Frau Bolle? Ich kann Sie doch hier nicht länger stören. Obdachlos will ich aber auch nicht sein.“ — „Aber wat kann denn ick dafier, Herr Dokta, det Se den Schlissel ...“ — „Soll ich meines Kerkerschlüssels Hüter sein? Das geht zu weit! Und nun beachten Sie, Frau Bolle: Sie sind in meinen Augen jetzt die Polizei. Wohlan, hier stelle ich mich pflichtschuldigst meiner Polizei. Nimmt sie mich an? Oder weist sie mich ab? Tut sie das letztere, so ist sie für die Folgen verantwortlich. Mir soll man keinen Vorwurf machen.“ — „Ach, vakohlen Se mir nich! Wat soll denn weiter sinn? Se brauchen bloß Ihre Frau zu suchen, un wenn Se den Schlissel haben, denn kommen Se rasch, wohin Se jeheeren. Mit Ihre Obdachlosigkeit is det nich weiter schlimm. Mein Mann, det is der Bedauernswerte. Da muß er nu nach Piraten schnüffeln — in de finstre Haide — un die Brieder kriejen fertig, ihm anzuschießen ... Mein Jott, wenn ick mich det so vorstelle ...“ — „Mag er selber doch schießen! Seine Patronen hat er ja! Na also! Legen Sie sich getrost schlafen!“ — „Schlafen? Keen Auge kann ick zuduhn, solange mein Mann nich heil zurick is. Ohne Mann is de Frau wie’n Hund ohne Schwanz!“

Stillvergnügt warf ich die Tür, die vom Hofe zur Straße führte, in ihr wackeliges Brettergestell. Auf, zu Olaf Norskeborg und Schwedens größtem Dichter! Wie einem Studenten, der bummeln geht, hüpfte mir das Herz bei der Aussicht auf die gemütliche Gasterei. Ich war skrupellos; ohne mein Zutun fügte sich alles, als habe sich Fortuna kapriziert, mir diesen Urlaub aufzudrängen. Fortünchen, du Schelm, was führst du im Schilde? — Um nicht erkannt zu werden, zog der Durchgänger den Schlapphut in die Augen und vermummte sich in den Mantelkragen, was auch sonst angebracht war, da die Nacht frostig schnob.

Schwedische Schüssel mit Konfusionen

Strindberg — so ging es mir durch den Sinn — kann hoffentlich deutsch. Diese Skandinavier sind zurzeit Mode. Ob sie wirklich so viel Talent haben? Bei den Tannen und Birken der Mitternachtssonne gedeiht künstlerische Urwüchsigkeit allerdings besser als im Nachtcafé von Berlin-W. Auch ist der nordische Naturalismus insofern gangbar, als der deutsche Verleger ihm nur geringe Honorare zahlt — oh, ein wichtiger Punkt! Denn hat ein Journal einen Roman von Bjarne Knudsen für ganze dreihundert Mark erworben, so erfordert es natürlich des Verlegers Geschäftsinteresse, daß besagter Bjarne Knudsen der gläubigen Lesewelt als neuster Stern der Weltliteratur angepriesen wird. Übrigens liebt unser Michel grundsätzlich das Ausländische — und heißt einer Runeholm oder Sigurdson, so stellt sich das deutsche Publikum darunter gleich einen ollen Skalden vor.

Unter solchem Sinnieren war ich zu dem Häuschen gelangt, das Olaf Norskeborg gemietet hatte. Da er sich in Schweden nicht hinreichend anerkannt fühlte, so hatte ihn seine lebenskluge Frau nach Berlin gebracht, wo das Skandinavische gerade Trumpf war. Durch Bölsche, der die Zeitschrift „Freie Bühne“ herausgab, war Norskeborg für Friedrichshagen interessiert und Mitglied der „Kolonie“ geworden, um sich, was ihm keiner übel nimmt, in Deutschland entdecken zu lassen, wo schon mancher Prophet, der bei den eigenen Landsleuten wenig galt, den Grundstein zu seinem Ruhmesmonument gefunden hat. War nun Strindberg in solcher Absicht gekommen? Nicht doch! Das wäre zu klein gedacht von diesem Wickinger, den man naiv, nicht raffiniert nennen mag. Übrigens war er nur vorübergehend hier, wie meine Frau sagte — sonst in Paris ansässig.

Als ich bei Norskeborg die Türklingel gezogen, öffnete mir die Haushälterin Fröken Ingrid, eine stattliche Bauerntochter aus Schonen. Von dort stammte auch Olaf Norskeborg, der Sprosse eines alten Bauerngeschlechts. Eben trat er zu mir auf den Flur, wo ich den Mantel ablegte. Ein schlanker Dreißiger, blauäugig, mit blondem Schnurrbart, etwas nervös. Die Röte seiner durchsichtigen Wangen ließ merken, daß er animiert war — sonst bewahrt das Angesicht dieser Skandinavier frostige Unbeweglichkeit. Seine Augen drückten Staunen aus: „Ssie ßind nicht im Gefängnis? Ihre Frau ßagte doch, wie?“ — „Ich gehöre allerdings hinein — doch es behielt mich nicht — hat mich ausgespieen wie der Walfisch den Propheten Jonas — und, was komisch ist, momentan kann ich nicht zurück — der Kerkerschlüssel ist verlegt.“ — „Ssonderbare Ssasche,“ lächelte Norskeborg — „aber famos! Kommen Sie! Strindberg ist da — auch Przscki — Sie kennen doch den Polen?“ — „Aus der Freien Bühne, ja! Und wie steht es mit meiner Frau? Ist sie da?“ — „Noch nicht — hat aber zugeßagt.“ — „Immer noch nicht? Welche Verwicklung! Doch spaßhaft, sich treiben zu lassen von diesem krausen Wellenspiel!“