Vergnügt ging ich auf den Plan ein, während Fröken Ingrid die Tür nach dem Speisezimmer abschloß und mit dem Polen das festliche Arrangement des Koffers vornahm. Außer den gewünschten Versen verfaßte ich noch einen Brief, mit dem der Dieb die Rücksendung des „wertlosen“ Koffers begleitete. Przscki schmunzelte: „Serr gutt“, und nach Verabredung der Rollen kehrten wir ins Speisezimmer zurück.
Hier fand ich nun endlich meine Frau. Bei einem Abendbesuche, den sie Streitmüllers Tante gemacht hatte, war sie etwas lange verweilt. Daß sie mich hier antraf, stimmte sie zu lebhafter Lustigkeit, und selbst die trockenen Schweden waren davon angesteckt, nachdem sie die Einzelheiten des Schlüsselabenteuers vernommen. „Der Karkerschlüssel liecht also noch ümmä vor Ihrer Badestube?“ fragte Frau Lina. „Ja doch“, versetzte ich, — „und so konnte ich nicht in mein Gefängnis zurück — man hätte den Schlosser holen müssen — aber das hätte Aufsehen gemacht.“ Przscki erhob eins der dampfenden Toddygläser, die Ingrid jetzt auf einem Präsentierteller nebst Zucker und Zitronenscheiben anbot: „Feiern wirr also Heimkerr von verlorrene Sohn — verlorrene Kerkerschlüssel — und, hoffen wirr, auch von verlorrene Koffer.“ Aus seiner siegesgewissen Miene entnahmen Norskeborgs, die ja in unsern Plan eingeweiht waren, daß die Vorstellung beginne, und Frau Lina meinte mit gespielter Wehleidigkeit: „Ja dänken Se sich, Dokterchen, Strindbarjen säin Koffer is ouf em Bahnhof Freedrichstraße jestohlen.“ — „Wirklich gestohlen?“ antwortete ich zweifelnd — „haben Sie denn schon auf dem Fundbüro angefragt?“ — Düster winkte Strindberg ab, als sei die letzte Hoffnung entschwunden. — „Werr kann wissen!“ Und der Pole stimmte eine Gitarre. „Ach ja! Speelen Se!“ animierte Frau Lina, und Przscki deutete auf mich: „Hirr derr freie Voggel, aus Käfig ausgeschlüpft, muß singen — ich begleite — singen wirr Volkslid schweddisches mit Text deitsches — frisch verfaßt von deitsche Lirriker.“ Und sein Präludium leitete die schwedische Weise ein: „Mägdelein hielt Tag und Nacht — traurig an dem Spinnrad Wacht ...“ An des Polen Seite sang ich die improvisierten Verse: „Strindberg hielt Tag und Nacht — grübelnd an dem Schreibtisch Wacht ...“ Ich schilderte seine Sehnsucht nach dem Liebchen Gold, wie er in Paris das alchymistische Rezept zu Papier gebracht habe und siegesgewiß gen Osten gereist sei, um mit seinem Freunde Olaf im verschwiegenen Fritzenwalde ganze Klumpen Goldes zu bereiten. Tremolierend besang ich, wie ihm dicht vor dem Ziel ein Berliner Spitzbube den Koffer samt dem Goldrezepte gestohlen habe, und wie er diese Untat wohl noch übertrumpfe, indem er die Manuskriptblätter als Fidibus für seine Tabakspfeife verwende ... In tiefer Schwermut schloß das Lied unter harfender Begleitung: „Hoffe, Alchymiste mein! Morgen kommt der Koffer dein! — Strindberg sann, die Zähre rann — nie doch kam der Koffer an!“ Da saß nun der Goldmacher am Grabe seiner Hoffnung und zerwühlte die Lockenmähne. War bei den ersten Strophen ein gequältes Lächeln über sein Gesicht geschlichen, so rann jetzt eine wahrhaftige Zähre herab.
Da war es an der Zeit, das grausame Spiel in Wohlgefallen aufzulösen. Auf einen Wink des Polen öffnete Fröken Ingrid die Tür — und sieh, auf einem Schemel stand der betrauerte Koffer, mit Tannenreis umkränzt, mit brennenden Lichtlein besteckt, daß man meinen konnte, es sei hier Weihnachtsbescherung. Ungläubig staunend starrte Strindberg auf den Koffer und auf das beiliegende Manuskript, streifte die Anwesenden mit einem durchbohrenden Blick und schlich mißtrauisch zum Koffer. Aufleuchtenden Auges ergriff er das Manuskript, blätterte hastig darin, drückte es an sein Herz und begann einen stampfenden Tanz, den sein Landsmann Olaf sofort verständnisvoll begleitete.
Mein durchgebrannter Kerkerschlüssel
Von Stund an war Strindberg verwandelt. Seine Augen lächelten kindlich, heimische Weisen trällerte er vor sich hin, seine mürrische Schweigsamkeit war einer verbindlichen Plauderei gewichen. Nun ließ er auch in sein Ideenreich blicken. Zur Begründung seiner Lehre von der Goldbereitung führte er an, Gold sei kein Element, es gebe im Naturreiche kein starres Gefängnis, alles entwickele sich, lasse sich umwandeln. Silber in Gold.
Auf Norskeborgs Zureden holte Strindberg, der sich Veranlagung zur Malerei zutraute, ein Ölgemälde, mit dem er der unverstandenen Genialität der Stoffe seine Huldigung darbringen wollte. Eine Stranddistel wuchs auf bleicher Düne. Silbergrün glomm sie durch die Nacht, als lodere hier ein mystisches Sehnen des geringen Sandes, zum milden Silber des Mondes umgewandelt zu werden. Strindberg war befriedigt, als ich den Cherubinischen Wandersmann zitierte:
„Mensch, was du liebst, in das
Wirst du verwandelt werden:
Gott wirst du, liebst du Gott,