Von damals die Weihnachtslichter sind längst niedergebrannt. Doch nicht ganz verwehte ihr Duft. Heute nach Jahrzehnten berührt er mich mit einem süßen Hauche, und im träumerischen Dämmerstübchen verwandle ich mich in den Knaben, der den Koffer trug und die Teelöffel schenkte und dabei so glücklich war.
Noch in einem andern Herzen blieb etwas zurück vom Weihnachtsdufte. Das spürte ich, als ich nach langer Trennung, ein Erwachsener, wieder einmal meine Vaterstadt und Großmutter besuchte. Während wir beim Tee plauderten, ergriff ich in Gedanken den Teelöffel, und Großmutter sagte mit sinnendem Lächeln: „Kennst du den noch?“ Ich sah genauer hin. Wunderliches Ding! Blei und Zinn, verbogen und ohne Glanz. „Als du ein Knabe warst, hast du ihn mir zu Weihnachten geschenkt. Die andern beiden sind nicht mehr; einer ging verloren, der andere zerbrach. Diesen will ich verwahren. Wer weiß, wann du ihn wieder mal zu sehen kriegst.“ — „Ach ja, ich entsinne mich! Damals war ich neun Jahre alt. Und damals hattest du noch blondes Haar, Großmama!“ antwortete ich, den Löffel wehmütig betrachtend, „damals hatte der Löffel noch Glanz!“ — „Für mich glänzt er immer,“ hatte Großmutter erwidert.
Und das hier war nun derselbe Teelöffel. Aus Großmutters Nachlaß an mich gekommen, war er von meiner Frau in mein Gefängnis gebracht. Seltsame Weberin, die wir Schicksal nennen! Ein vergessenes buntes Fädchen wirkst du ins Gewebe ein, daß es eine artige Linie bildet und fürs Ganze wohl gar bedeutsam wird.
Advents-Stimmung, ja nun hatte sie mich bezaubert. Weihnachten lockte mich heim in die Häuslichkeit, mein Gefängnis erschien mir öde — und so entschloß ich mich zu dem Versuche, meine Freiheit zu erlangen. Am gleichen Abend ging mein Gesuch um Urlaub ab — als Grund gab ich an, ich möchte das Weihnachtsfest nicht im Gefängnis verleben.
So leb denn wohl
Der Sonntag vor Weihnachten, der sogenannte „goldene“ war da, und Anton Bolle hatte soeben meine Post gebracht, als mir darunter ein Schreiben mit dem Amtssiegel des Provinzial-Schulkollegiums auffiel. „Anton, warte einen Augenblick!“ Ich öffnete das Schreiben und las die Worte: „Ihrem Antrag vom zwölften Dezember entsprechend, beurlauben wir Sie hiermit aus der Haft auf unbestimmte Zeit.“
Schrumm, da war die Bescherung! Der Lizentiat, dieser Pfiffikus, hatte also doch recht! Und der Teelöffel, der meinen Mißmut geheilt, hatte dazu beigetragen, daß ich mich zum Urlaubsgesuch entschloß.
„Anton, bring’ doch wieder mal ein Briefchen nach der Kastanienallee! Hast du Zeit? — Schön, Junge — und diesmal bekommst du Zwei gute ... will sagen: eine ganze Mark; gib sie dem Weihnachtsmann als Trinkgeld, wenn er dir nächstens was beschert.“ — Lebhaft ging Anton hierauf ein, und während er sich des Näheren über seine Wünsche ausließ, schrieb ich an meine Frau: „Komm sofort mit Frau Pape! Und sie soll den Handwagen mitbringen. Hammer und Zange nicht vergessen. Habe Urlaub, ziehe sofort aus.“
Als Anton weg war und ich vom neuen Standpunkt meines Schicksals das alte Gefängnis betrachtete, wurde ich wieder an Robinson erinnert. Jetzt an den Robinson, der seine wilde Insel verlassen und zurückkehren soll in die zivilisierte Welt. Wehmütig musterte ich meine Klause. Nicht wenig Glück hatte ich hier verlebt, stilles Einsiedlerglück, gelegentlich auch Freude der Geselligkeit. Würde ich mich jemals wieder so geborgen fühlen wie in dieser Zigarrenkiste? Gelindes Zagen wandelte mich an, ein Zagen vor der Weite und Freiheit, in die ich hinaus sollte. Und ich begriff, daß entlaufene Mönche Heimweh nach dem Kloster kriegen.