Meine enge Klause kann doch nicht zur Aufbewahrung von Tassen, Tellern, Löffeln dienen.“ Das war die Ansicht meiner Frau, und deshalb hatte sie, was ich an Tischgerät brauchte, für jeden Einzelfall aus ihrer Wirtschaft besorgt. Morgens brachte Frau Bolle ein Kännchen und eine Tasse — hinein tat ich meinen Tee, den ich selbst bereitete. Das dicke Wirtshausporzellan war allerdings barbarisch für den duftenden Nektar des sinnigen Ostens. Wenn man nicht gerade ein Porzellan-Schälchen aus China hat, zart wie ein Blumenkelch, paßt für Tee nur Glas, dünnes Glas. Damit aber beim Eingießen des heißen Trankes das Glas nicht springe, leitet man etwas von der plötzlichen Erhitzung auf Metall über, und diesem Zweck soll der Teelöffel dienen, der also beim Einschenken im Glase sein muß. Es dürfte somit verständlich sein, daß ich meine Frau gebeten hatte: „Bring’ mir doch ein Teeglas nebst Löffelchen mit.“ Diesen Wunsch hatte sie ja nun erfüllt.

Als wir unseren Spaziergang über den bescheidenen Weihnachtsmarkt von Fritzenwalde beendet hatten, lud ich meine Frau ein, an meinem Tee teilzunehmen. Sie lehnte diesmal ab, empfahl mir aber, auf den Teelöffel zu achten. Nicht ohne Neugier sah ich mir das Ding an, auf das meine Frau so große Stücke hielt. Sonderbar! Zu dem hübschen, geschliffenen Teeglas paßte er ganz und gar nicht — er war nicht von Silber. „Du denkst wohl: wo Gefangene hausen, sind silberne Löffel nicht sicher — wie? Und deshalb bringst Du mir so’n ordinäres Dings!“ — „Ordinär?“ Meine Frau hatte gelächelt, als ob sie ein Rätsel aufgeben wolle: „Wirst schon sehen, was das für ein Dings ist. Besinne Dich!“

Dies Gespräch ging mir durch den Sinn, als ich einsam in meiner Klause den Tee bereitete. Kopfschüttelnd nahm ich den Teelöffel. Das war ja nicht mal Zinn, sondern Blei — schwärzlich grau wie eine Gewehrkugel, ohne Glanz, ohne Klang, überdies verbogen. Und das sollte nichts Ordinäres sein? „Besinne Dich!“ Na ja — etwas Gemütliches, etwas Anheimelndes war daran. Aber ich begriff es nicht ...

Schneeflocken wie Daunen taumelten vor den Kerkersprossen. In der Dunkelheit züngelte mein Spiritusflämmchen geisterhaft um den Kocher. Durch den Spalt der Ofentür äugelte die Kohlenglut und malte einen Purpurstreifen auf den Fußboden. Und zu summen begann das Wasser. Meine Herbstnachtigall hätte jetzt zirpend eingestimmt, doch unter der Schneedecke schlummerte sie. Dafür zirpten nun haarfeine Saiten, ein weißes Kinderhändchen schlug die Traumharfe. In melodische Schwingungen geriet meine Klause, die Schnörkel des Wandteppichs schlangen sich durcheinander wie tanzende Elfen, die buntgeblümte Papierlaterne mahnte an den träumerischen Osten, wo Tempel aus Porzellan leuchten, von gläsernen Glöckchen umwispert, und wo die Teestaude grünt. Und der Teelöffel — ja was war mit dem? Die blaue Flamme hatte ein geheimnisvolles Glanzlicht drauf gesetzt: „Besinne dich!“ — Bilder aus meiner Kindheit gaukelten schmeichelnd. Ich saß in der Klippschule und malte Buchstaben, während der Lehrer für seine Kleinen Äpfel auf der Ofenplatte briet. Beim Braten zischelten und pafften sie. Wenn einer gar geworden, bescherte ihn der gute Lehrer, zerteilte ihn mit dem Messer, und wir schmausten. Auf dem Klassenschrank harrte um diese Adventszeit ein Nadelbäumchen, und bei jedem Schulschluß sang die Klasse „Ihr Kinderlein, kommet!“

Am Nachmittag vor der Weihnachtsbescherung war’s. Zwischen den hohen Häusern der Straße lag schon Dämmerung, und der Laternenmann ging mit seiner Lunte herum. Von Schnee begann das Pflaster zu schimmern, daunenartig fielen die Flocken — just wie heute. Ein neunjähriger Knabe war ich. Ungeduldig den Weihnachtsabend erwartend, vertrieb ich mir vor der Haustür die Zeit, indem ich eine Schlitterbahn glättete. Ob der Wunsch, den ich Großmutter anvertraut, wohl erfüllt werden, ob das Kasperletheater auf dem Weihnachtstische liegen würde?

Auch das Straßentreiben zog mich an. Da ging ein Herr, vermummt in dicken Pelz, bepackt mit Schachteln und Düten. Eine Frau in ärmlichem Umschlagetuch trug ihr schmächtiges Fichtenbäumchen. Ein Händler mit einem Handwagen voller Äpfel und Nüsse. Ein kleines Mädchen bot Hampelmänner an, das Stück einen Sechser, während ihr Bruder mit Waldteufeln und Knarren lustigen Lärm verübte. Es war zu merken, daß in der Nähe, beim Rathaus, großer Weihnachtsmarkt. Ich hatte Lust, einen Abstecher hin zu machen, als sich eine Hand auf meine Schulter legte: „Höre mal, Junge, hast du Zeit? kannst du mir den Koffer da zum Bahnhof bringen?“ So fragte ein ältliches Männchen in abgeschabtem Überzieher, eine sonderbare Wollmütze auf dem Kopfe. „Du bist ja groß genug!“ Obwohl diese Bemerkung etwas spitzig herauskam, berührte sie das Knabengemüt fast schmeichelhaft. Wie ein gewiegter Gepäckträger ergriff ich den Koffer. Schwer war er, doch ich ließ nichts merken und hastete neben dem Männchen her. War der rechte Arm müde, so trug ich den Koffer auf der andern Seite. Das Männchen mit der Wollmütze beobachtete mich zuweilen von der Seite und kicherte. „Hast es wohl schwer, Söhnchen? Schadet nichts! Vom Tragen wird man stark.“ Ich nickte, an Eifer fehlte es mir nicht. Aber der Koffer wurde immer schwerer, manchmal mußte ich mit beiden Händen gleichzeitig schleppen. „Mach’s doch wie ein richtiger Gepäckträger!“ mahnte das Männchen, und mit seiner Hilfe brachte ich den Koffer auf meine Schulter. „Später wird man dir noch ganz anders aufpacken. Immer fest und getrost!“ Und wie des Männchens Fausthandschuh meine Backe gütig berührte, wurde mir leicht. Da sah ich auch schon die erleuchtete Bahnhofsuhr.

Als ich im Wartesaal den Koffer niedersetzte und ein wenig Zittern in den Gliedern spürte, blinzelte das Männchen schelmisch, suchte in einer schäbigen Börse und drückte mir ein Geldstück in die Hand. Verdutzt sah ich hin; es waren Zwei gute Groschen, wie man damals sagte. Und das sollte mir gehören? „Warum nicht?“ meinte das Männchen — „hast es ja verdient! Oder weißt du nicht, was verdienen heißt? Bist mir wohl so einer, der sich noch von Vatern ernähren läßt? Na, wirst schon noch dahinter kommen: Verdienen schmeckt erst sauer, dann süß!“

Verdient! Zum erstenmal in der Tat hatte ich etwas verdient — wie Vater das Brot für uns verdiente. Ich war ein richtiger Gepäckträger — und da hatte ich nun meinen Lohn! Ein Hochgefühl hob meine Brust. Fest in die Hand das Geld gepreßt, eilte ich heim. Über den Weihnachtsmarkt. O wie berauschte das Ausrufen der Verkäufer, der Lärm von Kinderharmonikas, der Schmalz- und Honigkuchenduft, die bunte Fülle der Spiel- und Flittersachen! Und dazu meine Groschen, die mir so wertvoll vorkamen, daß ich schier meinte, den ganzen Jahrmarkt kaufen zu können. Ja, kaufen! Aber was? Die Wahl fiel schwer, zumal mir klar wurde, daß man mit Zwei guten Groschen keine Sprünge machen kann. Sollte ich einen Zauberapparat kaufen? Oder einfach Schmalzkuchen? Türkischen Honig oder einen Pflaumenmann? Mein erster Verdienst war wohl zu schade, um so vertan zu werden.

„Vier Silber’roschen! Jreifen Se zu! So wat kommt nich wieder vor! Raus mit die Jroschens! Herrschaften haben doch Jeld wie Hei!“ Das war „der billige Mann.“ Ein Menschenknäuel — Leute vom Lande — drängte sich um den Verkaufstisch und staunte ebenso über des Mannes Zungenfertigkeit wie über die fabelhafte Billigkeit der Waren. Er versteigerte sie gewissermaßen abwärts, indem er vom Preise Groschen und Sechser abließ, bis sich ein Käufer meldete. Jetzt hielt er ein halbes Dutzend Teelöffel empor. Sie blitzten verlockend, rosa Seidenpapier umhüllte ihre Stiele, es waren „feinste silberne Teelöffels“. Der billige Mann schwenkte sie, schlug mit der einen Hand schallend in die andere und brüllte: „Also nur vier Silber’roschen det janze halbe Dutzend! Det ist wat for die Aussteier! ... Wat Freilein? Se wollen Ihr Jlick vascherzen? Nur vier Silber’roschen! Mich kosten sie det Doppelte, so wahr ick Jakob heeße. Aber — Leite — ick jebe se for — na, meinetwejen for drei Silber’roschen — bloß weil heite Weihnachten is. Det is ja ausverschämt billich, det is ja rein vaschenkt! Wer se nu nich will, der läßt et bleiben! Na also, Herrschaften! Wer nimmt se for — drei Silber’roschen zum Zweiten — un — zum ...“ Mir pochte das Herz in fieberhafter Spannung. Oh, wenn er doch nur auf Zwei gute Groschen runterginge! Ich nähme sie gleich! Das wäre ein passendes Geschenk für Mutter und Großmutter! Oh würde doch der billige Mann noch billiger! — Aber dazu schien er keine Lust zu haben. „Drei Silber’roschen — das allerletzte Wort — zum Dritten!“ brüllte er mit heiserer Stimme und legte die Löffel mit ärgerlicher Bewegung auf den Warentisch. Er schien es aufzugeben, seine Perlen vor die Säue zu werfen. Aber noch einmal raffte er sich auf. „Leite, Leite, Leite! kooft mich ab, sonst wer’ ick pleite! Na also, damit ihr seht, det ick der billije Jakob bin, jebe ick zum aller-allerletzten det janze halbe Dutzend silberne Teelöffels for — Zwei jute Jroschen!“ — „Hier!“ Triumphierend hob ich die Hand mit meinem Gelde. Der billige Mann zog ein schiefes Gesicht und schnauzte scherzhaft: „Junge, warum haste dir nicht eh’r jemeldt?“ Die umstehenden Bauern lachten listig, als hätte ich einen dummen Teufel geprellt. „Düt is’n Bengel!“ Innerlich jauchzend, als hätte ich das große Los, packte ich meine silbernen Teelöffel, und spornstreichs nach Hause.

Als ich ankam, war es zur Bescherung höchste Zeit. Mit einem vorwurfsvollen „na endlich!“ wurde ich empfangen. Doch in der allgemeinen Feststimmung kam Verdruß nicht auf. Und bald erscholl ein liebliches Glöckchen — in Lichterfülle, Flitterglanz strahlte der Weihnachtsbaum. Beklommen von froher Erwartung näherte ich mich dem Gabentische. Richtig, da lag, was ich ersehnt: das Puppentheater, Kasperle mit seiner Grete, Tod und Teufel, selbst der Schutzmann fehlte nicht, der Kasperle zu verhaften hat. Zum Überfluß fand ich ein kostbares Märchenbuch und die „Robinsonaden“, ganz abgesehen von den Nützlichkeiten, mit denen Mutter für meine Bekleidung sorgte. So lebhaft meine Freude über diese Gaben war, den Gipfel des Hochgefühls bildete die Überreichung meiner Gegengabe. „Hier schenke ich euch was,“ stammelte ich und händigte meiner Mutter wie meiner Großmutter je drei Teelöffel ein. „Aber seht doch! Junge! Wie kommst du daran?“ — „Die hab ich vom billigen Mann.“ — „Was kosten se denn?“ — „Zwei gute Groschen das ganze halbe Dutzend — feinstes Silber!“ — „Wirklich? Und woher haste denn das Geld?“ — Und ich mit stolzer Freude: „Hab ich mir verdient!“ Verblüffte Gesichter. Ich erzählte mein Abenteuer, alles staunte und lachte, ich war der Held des Tages. —