Als ich erwachte, heulte Tauwind und plätscherte es vom Dach. Mit Schaufel und Besen suchte Onkel Pofke auf dem Hof einen Pfad durch den Schnee zu bahnen. Die Geräusche kamen mir garstig vor, ich legte mich auf die andere Seite, obwohl es bereits Tag war und in meinem Ofen frische Heizung bullerte. — Wozu denn auch aufstehn? Draußen herrschte Matsch und Dreck, hier die Gefangenschaft war trotz meines Galgenhumors im Grunde doch auch etwas Ödes, und nicht bloß das Dasein des alten Landstreichers, sondern das menschliche Leben überhaupt hatte was von jenem Göpel, den Bolle gestern erwähnte: Die hagre Mähre geht immerfort im Kreise herum, gedroschen wird viel leeres Stroh.
Und um solch ein Leben sollte ich mich ernsthaft bemühen? Ich sollte das Urlaubsgesuch machen, von dem der Lizentiat meine Enthaftung erwartete? Enthaftung! Als ob nicht all unser Dasein eine triste Gefangenschaft wäre! Nein, da will ich lieber in diesem ehrlich verdienten Loche bleiben, um verächtlich weiterlachen zu können über Schilda und seine Putzigkeit. Meine Robinsonklause ... Ach nein doch, Robinson hatte es besser — dem ganzen Zivilisationsschwindel entronnen, durfte er sich ein eigen Leben erschaffen in seiner Einsiedelei, und die Menschenfresser, die ihn mal beunruhigten, waren nicht so lästig, wie Europas Gesittungsphilister — uff!
Um meiner Verdrossenheit Luft zu machen, kam mir der Pfahlbürgerreigen auf die Lippen: „Dreck, Speck, Zweck überhaupt! Reia, reia ...“, und dann murmelte ich etwas vom „Deibel“. Plötzlich mußte ich auflachen — ein Geschichtchen fiel mir ein, das Onkel Pofke neulich berichtet hatte. Durch das Flugblatt war sein Mikrokosmos in Aufruhr geraten, und er liebäugelte geradezu mit meinen Ketzereien. Mit Genugtuung hatte er vernommen, daß Hunderte von Zustimmungsschreiben aus allerlei Schichten der Bevölkerung bei mir eingelaufen waren und ein paar Dutzend Versammlungen gegen das Vorgehen des Kultusministers protestiert hatten.
Vorgestern hatte Onkel Pofke solch eine Versammlung sogar besucht. Er war ganz begeistert davon, und ein komisches Vorkommnis erzählte er mit immer neuer Heiterkeit: Ein Redner bekannte sich zum Atheismus, gebrauchte aber am Schluß seiner Ausführungen die Worte: „Muß der Glaubenstrott denn immer so weitergehen? Gott Lob, nein!“ Hier war der Zwischenruf erfolgt: „Wieso Jott Lob? Sie jlooben doch an keenen Jott!“ Begütigend lächelte der Redner: „Ach meine Herren! das ist eine gedankenlose Redensart — als Kind hat man sie aufgeschnappt, weiß Gott ...“ Lachend echote die Versammlung: „Wieso weiß Jott? Ach Jotteken!“ Achselzuckend suchte sich der Verspottete zu entschuldigen: „Auch ich habe leider Gottes ...“ — „Hoho! schon wieder hat er’s mit Jott!“ Jetzt riß ihm die Geduld, und er stampfte mit dem Fuße: „Aber erlauben Sie mal! Ich meine es doch, Gott sei Dank, nicht so!“ In dem Gebrüll, das losplatzte, war vom Protestieren des Redners nichts zu verstehn; er mußte abtreten. Adolf Hoffmann, der die Versammlung leitete, goß unter Läuten seiner Glocke glättendes Öl auf die Wogen und nahm selber das Wort: „Der Fall zeigt wieder mal, mit dem Mundwerk muß sich der Mensch höllisch vorsehn ...“ Hier wurde auch er durch Gelächter unterbrochen, und man rief: „Höllisch? Wieso? Adolf jloobt doch an keene Hölle!“ — Mit seiner schlagfertigen Kaltblütigkeit entgegnete Hoffmann: „Aber natürlich — an eine Hölle glaub’ ich! Einen lieben Gott allerdings jibt es nich — der soll sich erst entwickeln! Aber eine Hölle jibt es — die Menschen nämlich machen sich das Dasein zur Hölle. Wenn man so sieht, wie sich das jejenseitich beschummelt, bemopst und verknutet, patriotisch niederkartäscht und mit Jott verketzert — gestehn Se, Herrschaften, da findet der menschenfreundliche Atheist manchmal keinen ehrlicheren Ausdruck für seinen heiligsten Jlauben, als so’n recht herzliches: Pfui Deibel!“ — Das war für Onkel Pofke ein Lichtblitz gewesen, er rühmte Adolf Hoffmanns „Sprechanismus“ und tippte sich mit dem Finger auf die Stirn: „Nanu wird’s Tach unter de Nachtmitze!“ — „Aber Pofke!“ hatte ich erwidert — „wie können Sie so über Ihre Amtsmütze sprechen? Sie Sozi, pietätloser!“
Übrigens hatte Onkel Pofkes Amtsmütze einen besonderen Anteil an meiner schlechten Stimmung wie an seiner Rebellion. Und das war so gekommen: Unter dem Vorwande, Reißen in der Schulter zu haben, wogegen nur kräftige Bewegung der Arme helfe, hatte ich Pofke verleitet, mit mir auf dem See herumzurudern, und da er sich diesem Sport mit wilder Begeisterung hingegeben, war seine Amtsmütze ins Wasser gefallen und auf den Grund gesunken. Weil nun die schmähliche Nacktheit seines edelsten Organs auf der Straße, als er mich zum Gefängnis heimbrachte, Aufsehen erregt hatte, war der Unratschnüffler Biedermaxe aufmerksam und, nach Feststellung des Tatbestandes, beim Landrat vorstellig geworden. Ein Staatsgefangener, der auf dem See herumgondle, noch dazu ohne gehörige Aufsicht, ja unter Herabwürdigung eines amtlichen Uniformstückes, sei eine Verhöhnung der öffentlichen Ordnung und der altpreußischen Beamtenehre.
War nun der Landrat auch geneigt, wegen dieser Denunziation kein Aufhebens zu machen, so verlangte ein anderer und entschieden ärgerer Fall, daß er doch einschreite. Eines Nachmittags nämlich, als Bolle arglos schlief, hatten meine Freunde einen Photographen gebracht, um ein Bildnis meines Hotels aufzunehmen. Während ich mit meiner Frau durchs Kerkerfenster lugte, standen Wilhelm Bölsche und Julius Hart davor, auch Frau Hart und Frau Bartels, die kleine Freia auf dem Arm. Bartels war im Begriff, aus einer umstürzlerischen Zeitung vorzulesen, und zwei Pennbrüder hatten die Gelegenheit, sich gratis verewigen zu lassen, mit lachender Keckheit wahrgenommen. Der Photograph hatte geknipst und hatte dann die ebenso kompromittierende wie realistische Schilderung eines Staatsgefängnisses von Schilda in seinem Berliner Schaukasten ausgestellt, noch dazu mit der Unterschrift: „Gewissensfreiheit in Preußen“. Nachdem das Bild einen reißenden Absatz gefunden, besonders an Volksschullehrer und Studenten, hatte die Polizei darüber dem Kultusminister Meldung gemacht und dieser beim Amtsvorsteher angefragt. Gestern hatte das Unwetter getobt, Bolle war außer sich gewesen. Von Disziplinar-Untersuchung, ja von Entlassung hatte er gejammert und dem Onkel, den er zum Sündenbock machte, Entziehung der Gasthaus-Konzession in Aussicht gestellt. Mich hatte er geärgert durch die Drohung, Spaziergänge in der früheren Art könnten nicht mehr gestattet werden; hingegen stehe es mir, wenn ich Bewegung haben wolle, frei, ihn auf seinen dienstlichen Gängen durch Friedrichshagen zu begleiten. Gegen diese Zumutung hatte ich mich grimm empört, und so war zwischen uns ein richtiger Krach erfolgt ... Daß ich beim Überdenken dieser Dinge den Deibel zitierte und die Hymne des höheren Stumpfsinns „Dreck, Speck, Zweck überhaupt!“, ist um so begreiflicher, als die Freiheitswelt da draußen sich tatsächlich in Dreck und Speck auflöste.
Nachmittags wurde es besser, ein eisiger Nord blies, und taumelnde Flocken legten sanft die Farbe der Unschuld über den erstarrten Schmutz. Als ich meiner Frau eröffnete, ich sei nunmehr gar nicht geneigt, um Urlaub nachzusuchen, redete sie mir gut zu: „Ach was! Mach doch kein Gesicht, als wären dir alle Felle weggeschwommen! Flott raus zum Spaziergang!“ — „Bolle weigert sich, mitzugehn!“ — „Unsinn! Ich werde mit ihm sprechen. Wo ist denn diesmal deine Adventsstimmung? Sonst bist du doch immer vor Weihnachten so erwartungsfroh! Gleich gehn wir über den Weihnachtsmarkt — die grünen Tannenbäumchen sollen dich begeistern — und wenn du hernach deinen Tee trinkst, mag dir der Teelöffel, den ich dir hier nebst dem gewünschten Teeglas mitgebracht habe, eine Adventsgeschichte erzählen. Achte auf ihn, er ist mein Bundesgenosse!“