Kindlich lächelnd machte der Lizentiat eine Gebärde, als ob er eine pfiffige Antwort vorbereite: „Der Fürst dieser Welt, wie Sie sagen, ist nicht immer tragisch zu nehmen, auch komisch kann sein Geschäftsbetrieb anmuten. Die Eitelkeit ist eine seiner Triebkräfte. Bodelschwingh führte mal einen beßternten Minister durch die Anstalt. Als ein zerlumpter Landßtreicher dem hohen Herrn etwas nahe kam, trat dieser scheu zurück. Bodelschwingh aber meinte mit seinem gutmütigen Lächeln, indem er den Minister beim Knopfloch faßte: Würden Euer Exzellenz im Samariterdienste eine Laus auflesen, die wäre im Reiche Gottes eine höhere Dekoration als Ihr Schwarzer Adlerorden.“ Ich lachte: „Das Gesicht des Ministers hätte ich sehen mögen! Faßlicher wäre ihm die Geschichte von jener königlichen Laus: Am Messer, mit dem sie zerteilt war, leckte der Küchenjunge und ward davon ein Adliger einfachen Grades. Bielefelder Tierchen haben ja nicht so hohe Kraft. Doch vielleicht hat der Minister Belehrung profitiert von Bodelschwingh? Ich bin nicht genau unterrichtet über die Bielefelder Methode. Nach dem, was ich gehört habe, ist sie ein Fortschritt über die Schildbürger-Methode hinaus ...“ Der Lizentiat stutzte: „Schildbürger? Sie brauchen da ein harmloses Bild für eine unheimliche Sache. Arbeitshaus, Zuchthaus — das ist keine Schildbürgerei. Vorhin sagten Sie: Fürst dieser Welt. Das paßt eher.“ — „Fürst dieser Welt ist tragisch gesagt,“ entgegnete ich, „doch, wie Sie selber bemerkten, ist an ihm auch was Komisches. Die Medaille hat zwei Seiten — auf der einen ist der Fürst dieser Welt, auf der anderen das Wappen von Schilda. Sie wissen doch aus den Märchen Ihrer Kindheit? Im Königreich Utopien, hinter Kalkutta, gab es ein Städtchen, dessen Bürger ihre Narrheit in ein System brachten. Beim Bau des Rathauses hatten sie vergessen, Fenster anzubringen. Weil es nun innen finster war, während draußen der Tag flutete, kamen die Schildbürger auf die listige Idee, das Tageslicht in Säcke zu füllen und im Beratungssaal auszuschütten. Eifrig suchte ein jeder den Tag zu erfassen, mit Säcken und Kesseln, Schaufeln und Mistwagen. Ein Schlaukopf fing Sonnenstrahlen in einer Mausefalle. Es wurde nun zwar nicht hell im Rathaus; aber die Schildbürger meinten: Fahren wir nur so fort! Wir tun alles Menschenmögliche — und wenn’s geriete, wär’s eine feine Kunst! Nun, Hand aufs Herz, Herr Lizentiat, etwas von diesem Schilda-System lebt in unserer Zivilisation. Erst verfinstert man den Menschen, dann will man Licht hineinschaffen mit Säcken und Mausefallen. Denken Sie an den Greis, der jetzt nach Cöpenick eingeliefert wird. Die hohen Herren schelten ihn arbeitsscheu, verkommen. In gesunden Verhältnissen gibt es keine solche Verkommenheit, keine Arbeitsscheu. Da würde jedes Kind beherzigen, daß man arbeiten muß, um essen zu können. Schon aus dem natürlichen Beschäftigungstrieb würde man arbeiten. Aber was ist in unserer Zivilisation aus dem Beschäftigungstrieb, aus der gesunden Natur geworden? Ins vermauerte Rathaus kann der Tag nicht eindringen! Die Menschen werden insofern verfinstert, als Vernunft, Natur, gesunde Sitte in ihnen erstickt. Die Lenker unserer Staaten, die mit Vorliebe Millionäre züchten, ziehen in diesen eine gewisse Scheu vor fruchtbringender Arbeit groß und belohnen sie mit Würden und Orden. Andererseits wird die Masse des Volkes von Arbeitsgelegenheit ausgesperrt, indem Gesetz und Gefängnis, Beamte und Soldaten dafür sorgen, daß der Grund und Boden, den man doch zur Arbeit nicht entbehren kann, nur wenigen gehört, so daß jene Vielzuvielen, die in der Wahl ihrer Eltern nicht vorsichtig waren, keine andere Lebensmöglichkeit sehen, als sich entweder abzurackern — oder Landstreicher zu werden. Hinweg! heißt es dann — hinweg mit den Arbeitsscheuen ins Arbeitshaus! Da soll ihnen gewaltsam Arbeitslust beigebracht werden. So fängt man mit der Mausefalle den Tag und schafft ihn ins finstere Rathaus.“
Der Lizentiat hatte geduldig und ernsthaft zugehört. Jetzt stand er unternehmend auf: „Glauben Sie nicht, daß ich diesem Kapitel ein Ende mache, weil mir Ihre Satire unpassend vorkäme. Gewiß, die Schildbürger sind nicht ausgestorben, und sitzen bei uns auf den Höhen der Gesellschaft wie in den Tiefen. Aber diese närrische Welt ist nun mal darauf eingerichtet, daß Weise und Toren, Gerechte und Ungerechte zusammen leben. Weil man sich nicht radikal loslösen kann von den gewöhnlichen Gemeinschaften und Einrichtungen, so bleibt bis zum jüngsten Tage auch den Besten nichts übrig, als mit den Wölfen zu heulen, mit den Schafen zu blöken ... Doch lassen wir dies Kapitel und reden wir von der Sache, die mich zu Ihnen führt. Ich habe sozusagen eine Mission. Nicht amtlich, nicht halbamtlich, sondern persönlich und rein menschlich. Es bekümmert den Vater meiner Zöglinge, daß Sie hier sitzen. Wir möchten, rundheraus gesagt, daß Sie möglichst rasch wieder in Freiheit gelangen. Und nun sagen Sie mal, Herr Doktor, liegt Ihnen etwas daran, hier noch länger zu hausen? Ich meine, weil Sie doch Thoreaus Wort angeführt haben — als ob das Gefängnis Ihr würdigster Aufenthaltsort wäre.“
Ich konnte meine Heiterkeit nicht verbergen: „Aber natürlich spaziere ich mit Vergnügen in die Freiheit. Weiß bloß nicht, wie ich es anstellen soll, ohne meinem Vorsatz untreu zu werden, die Strafe nicht mit Geld abzumachen. Die Regierung, die an mir ein Ketzergericht verübt, soll’s dabei nicht gar zu bequem haben. Hand aufs Herz, Herr Lizentiat, würde Ihr väterlicher Freund sich auch dann um mich bekümmern, wenn ich die Strafe in Geld gebüßt, oder wenn gar meine Gemeinde für mich gezahlt hätte? Das hätte ihm kein graues Haar gemacht. Sie sehen, wie der Zeitgeist auch in dieser Hinsicht die Persönlichkeit auszuschalten sucht. Ich rebelliere! Bin ein lebendiger Mensch — und an Lebendige wende ich mich. Ich mache die Sache nicht mit Geld ab.“
Der Lizentiat versuchte, in der Enge umherzulaufen. Nachdenklich griff er an seine Stirn und blieb vor mir stehen: „Was werden Sie tun, wenn Sie wieder draußen sind? Werden Sie aufs neue freireligiösen Unterricht erteilen? Um dann abermals für jede Sztunde zehn Tage Haftßtrafe zu kriegen?“ — „Nicht doch! Man soll kein Prinzip zu Tode hetzen, sonst wird man komisch. Wille ist ein Don Quijote! würde die Welt sagen; dann nicht mit Unrecht.“ — „Aber was wird hinfort aus Ihren Konfirmanden? Erhalten sie gar keinen Unterricht mehr?“ — „Doch! In einer anderen Form! Der Inhalt bleibt natürlich derselbe. Erzählen Sie dem Vater Ihrer Zöglinge, falls er, als hoher Beamter, nicht schon genau darüber unterrichtet ist, daß ich im Gefängnis eine Reihe von Vorträgen für die Jugend schriftlich verfaßt habe, und daß diese Vorträge von Mitgliedern der Gemeinde den versammelten Kindern vorgelesen werden. Natürlich möchte der Kultusminister auch diese Form der Ideenverbreitung womöglich vereiteln. Wenige Tage, nachdem der erste Jugendunterricht auf die neue Art erfolgt war, wurde dem Vorleser behördlich solche Tätigkeit bei Strafe verboten. Doch wir wußten uns auch jetzt zu helfen: nicht er hielt am nächsten Sonntag die Vorlesung, sondern ein anderer Gesinnungsfreund. Als auch diesem die Sache verboten war, sprang ein Dritter in die Bresche, und so fort. Da wir mindestens fünftausend Vorleser haben, könnten wir diese sonntägliche Jugendunterweisung hundert Jahre durchhalten. Wenn ich also nun raus bin aus dem Gefängnisse, geht’s mit dem Unterricht weiter in der neuen Form, in der unpersönlichen ... Sehen Sie, Herr Lizentiat, das System unpersönlichen Lebens zerrüttet sich selbst. Sie lachen? Aber neben der lächerlichen Seite hat die Geschichte auch eine ernste, und die verschweigen Sie nicht dem Vater Ihrer Zöglinge, der doch Verständnis für Pädagogik hat. Weit entfernt, das Interesse an den freireligiösen Vorträgen gelähmt zu haben, hat die Verfügung des Ministers vielmehr hingebende Begeisterung ausgelöst und nur in einem Punkte uns Freireligiösen geschadet: die Pädagogik hat gelitten. Sie werden zugeben, daß der Unterricht von einer innerlich berufenen Persönlichkeit erteilt werden muß, und zwar in sokratischer Art: auf lebendige Darlegung und Fragen des Lehrers sollen die Antworten der Zöglinge erfolgen. Bei der neuen Form geht das nun leider nicht. Also gegen den guten Geist des Unterrichts hat sich das Unterrichtsministerium vergangen — nichts andres hat es erreicht. Übrigens wäre noch zu erwähnen, daß bei den Kindern und in weiten Kreisen der Bevölkerung der gegen mich geführte Schlag das Ansehen der Regierung und der Kirche nicht gefördert hat. Man muß bloß mal mit einiger Unbefangenheit bedenken, was es heißt, einem sonst berufenen Manne zu verbieten, seine Konfirmanden in seine freireligiösen Anschauungen einzuführen — ihm aus kirchenpolitischen Gründen die sittliche Qualifikation zum Unterrichten überhaupt abzusprechen — weil er seine Überzeugung bekennt, indem er nicht an den deistischen Kirchengott glaubt.“
„Mag sein!“ meinte der Lizentiat kleinlaut, „der Mißgriff ist nun mal geschehn. Genug! Sie erklären also, daß Sie den früheren Unterricht nicht fortsetzen werden? Dann wird Ihr Gesuch um Niederschlagung Ihrer Strafe bewilligt.“ — „Und Sie meinen, ich werde mich zu solch einem Gesuch verstehen? Habe ich so lange hier gesessen, kommt es mir auf ein paar Monate mehr nicht an.“ — Der Lizentiat war verdrossen: „Solch ein Gesuch paßt Ihnen nicht?“ — „Ich will keine Gnade!“ — „Aber Sie haben doch um gewisse Vergünstigungen nachgesucht, beißpielsweise, daß Sie Besuche empfangen dürfen?“ — „Das sind Rechte des Häftlings. Wenn ich aber um Niederschlagung der Strafe bäte, würde ich anerkennen, daß sie begründet ist, und begäbe mich vom Standpunkte dessen, der sein Recht begehrt, auf den Weg des Bittstellers.“ — „Würden Sie denn nicht einmal um Urlaub nachsuchen?“ — „Urlaub? Warum nicht? Unter gewissen Umständen darf der Häftling beurlaubt werden, das ist sein Recht.“ — „Na also!“ meinte der Lizentiat, und seine Zufriedenheit hatte etwas Listiges — „dann kommen Sie wenigstens um Urlaub ein!“ — Ich stutzte: „Warum das? Ich habe keine Neigung, die Erledigung meiner Strafe durch eine Pause zu unterbrechen. Sehn Sie mal, wie nett das hier eingerichtet ist! Und nun sollen die Wandteppiche und fidelen Schnurrpfeifereien herauskommen? Nach vier oder sechs Wochen aber, wenn ich, nach Ablauf meines Urlaubs, wieder ins Gefängnis zurück muß, hat meine Frau aufs neue die Schererei des Einrichtens? Nicht doch! Lieber den Kelch in einem Zuge geleert!“
Mit einer gutmütigen Hinterhaltigkeit fixierte mich der Lizentiat: „Nach vier oder sechs Wochen ins Gefängnis zurück? So meine ich es nicht! Der Urlaub könnte ja länger dauern! Hum! Verstehn Sie mich denn nicht? Ich meine sehr lange! hum hum!“ — Ich sah ihn groß an — ein Licht wollte mir aufgehn. „Der Herr, in dessen Hause Sie sind, ist doch nicht etwa gar —?“ Der Lizentiat legte den Finger auf seine Lippen.
Dann holte er seinen Mantel, ich half ihm hinein. Die Handschuhe anlegend, meinte er treuherzig: „Also nicht wahr, Sie kommen um Urlaub ein? Sie verßprechen es mir!“ Herzlich drückte ich die dargereichte Hand: „Sie sind ein guter Mensch! Ich werde mir’s überlegen.“ —
Als der Lizentiat fort war, dachte ich über das Rätsel nach, das hinter seinem eigentümlichen Rat steckte. Hatte er wirklich so etwas wie eine Mission? Der Vater seiner Zöglinge war Diplomat, ein hoher Beamter — war’s vielleicht gar der Kultusminister? Oder ein Dezernent im Ministerium? Warum nicht? Es war auch schon möglich, daß der hohe Beamte aus rein menschlichem Wohlwollen mich in Freiheit bringen wollte. Wozu dann aber bloßen Urlaub geben? Oder halt! War der Urlaub vielleicht ein Vorwand? Steckte dahinter die endgültige Befreiung? Darum wohl hatte der Lizentiat bedeutsam gehustet! Sehr lange, hatte er gesagt, könne der Urlaub dauern. Aha! Die Herren möchten mich mit Anstand los werden, mein Fall ist ihnen unbequem!
Ich lächelte — mußte wieder an Schilda denken. Einmal fand ein Schildbürger einen Krebs, und weil ihrer noch niemand solch ein Ungetüm gesehen hatte, das um so unheimlicher war, als es rückwärts kroch, so verhaftete man den Krebs, sperrte ihn in eine Schachtel und machte ihm den Prozeß. Da nun das gereizte Vieh mit seiner Schere einen Schildbürger kniff, bekam man Angst und wollte das Ungeheuer auf irgendeine Weise los werden — immerhin in aller Form Rechtens. Schließlich entschied man, der Krebs müsse ins Wasser, um elendiglich zu versaufen, und warf ihn in sein Element. Der Krebs bin ich. Der weise Rat von Schilda hat mich erst eingespunnen — nun wäre er zufrieden, das lästige Ungeheuer los zu werden, ohne sich was zu vergeben. Heureka! Man setze den Gefangenen einfach dahin, wohin er gehört: an die frische Luft.