Als mein Nachbar lange Zeit still geblieben war, kam mir der Verdacht, er könne sich ein Leid angetan haben. O weh, ich hatte ihm mit der Flasche einen Strick beigebracht! Ich mußte Gewißheit haben — und für den Fall, daß noch nichts Schlimmes geschehen, wollte ich mir den Strick zurückgeben lassen. Nicht doch, das hätte den Mann stutzig machen und erst recht auf Selbstmord-Gedanken bringen können! Ich horchte — da hörte ich ihn schnarchen — tief atmete ich auf.
Gleich darauf kam Bolle und ließ zu mir einen Herrn eintreten. Es mochte ein Dreißiger sein, er war lang und hager, trug einen nagelneuen Überzieher und, bei dem Schneegestöber etwas befremdend, Zylinderhut und Glaceehandschuhe. „Szteinßpängler ist mein Name!“ sagte er mit einer Verbeugung. Ein freundliches Gesicht. Bis auf den blonden Backenbart rasiert. An einen Lakai zu den Zeiten des alten Wilhelm hätte er gemahnt, wäre nicht ein kindlicher Zug gewesen und das Kennzeichen des Gelehrten, die Brille. „Lizentiat Szteinßpängler!“ fügte der Besucher hinzu.
Ein Theologe? Was wollte der von mir? War auch er der Kirche abtrünnig? Oder wollte er mich zurückbekehren? — „Legen Sie gefälligst ab, Herr Lizentiat!“ sagte ich, und Bolle fügte gönnerhaft hinzu: „Ja woll, hier is injekachelt, da kann man sich de Lamängs anwärmen. Aber draußen, hu hu, da jibt et Eisbeene jratis!“ Steinspängler ließ sich seine Garderobe abnehmen, Bolle hing sie auf den Flur und verließ uns. „Womit kann ich dienen?“ fragte ich, als der Gast auf dem Stuhl Platz genommen hatte, während ich auf meinem Bette saß.
Verwundert glitten seine Blicke über die Ausstattung meines Gefängnisses. „Ihren Konflikt mit dem Kultusministerium habe ich verfolgt. Wir bedauern lebhaft — das heißt, wenn ich sage: wir, so meine ich die Familie, wo ich als Hauslehrer angeßtellt bin — ein Sztaatsbeamter in hoher Sztellung! Ungewöhnlich liebe Menschen! Die Mutter meiner Zöglinge, eine gemütvolle Dame, interessiert sich sogar für Ihre soziale Lyrik. Der Hausherr, mein väterlicher Freund, hat alle Achtung für Ihr Verhalten ... Näheres möchte ich nicht verraten — seine Sztellung ist der Kritik ausgesetzt, er kann nicht immer, wie er möchte, muß gewisse Rücksichten nehmen — ist aber ein wahrhaft christlicher Mann — zuweilen kommt es mir vor, er hat den inneren Christus ... Sie ßtutzen?“ — Befremdet mochte ich nicht zurückhalten mit der etwas unhöflichen Einrede: „Den inneren Christus? Glauben Sie, daß Christus gewisse Rücksichten genommen hat? Hat nicht der Bergprediger gesagt, man solle sein Licht, also die innere Überzeugung, nicht unter den Scheffel stellen?“ — Nach etlichem Schweigen versetzte Steinspängler mit leiser Stimme: „Aber Christus hat auch gesagt: Richtet nicht und verdammet nicht! Sie haben gut reden, Sie sind ein freier Mann.“ — Ich mußte lächeln: „Ein freier Mann — im Gefängnis? Nun ja, dahin gehören heutzutage — so scheint’s — die freien Männer. Wissen Sie, was der Amerikaner Thoreau sagte, als er wegen Steuerverweigerung im Gefängnis saß und sein Freund Emerson ihn besuchte?“ Da der Lizentiat aufhorchte, fuhr ich fort: „Emerson meinte: Es tut mir leid, daß du im Gefängnis bist! Thoreau erwiderte: Und mir tut es leid, daß du nicht im Gefängnis bist. Als anständiger Kerl gehörst du heutzutage ins Gefängnis, wie auch ich hingehöre.“ — Der Lizentiat machte ein verdutztes Gesicht — lächelte dann schalkhaft: „Na! Wissen Sie, Ihr Gefängnis ist nicht grade das schlimmste — lernen Sie mal andere Gefängnisse kennen!“ — „Ich weiß,“ gab ich zurück, „hier nebenan wartet ein Stiefkind unserer Gesellschaft darauf, wieder mal ins Arbeitshaus abgeführt zu werden — es ist ein hilfloser Greis!“ Mit echter Teilnahme entgegnete der Lizentiat: „Ein Greis? traurig! Ich will mich erkundigen, vielleicht kann ich helfen. Ach ja, Arbeitshaus ist hart. Doch als ich von Gefängnissen ßprach, dachte ich an etwas anderes. An die Zellen, von denen Menschen eingeengt sind, die jene gewissen Rücksichten nehmen sollen. Der Vater meiner Zöglinge ist in solch einer. Wollte er sich ganz frei äußern, er würde oben anßtoßen, würde unten anßtoßen, nach allen Seiten anßtoßen. Da muß er sich mit einem anderen Wort unseres Heilandes trösten: Seid klug wie die Schlangen! Im vertrauten Kreise ist er offen wie ein Kind, sonst freilich Diplomat. Zu Ihnen komme ich mit seiner Billigung, und ich darf Ihnen mitteilen, daß er unter Ihrem Fall geradezu gelitten hat. Sein Gewissen ... Man muß eben seine Sztellung bedenken — er ist ein hoher Sztaatsbeamter ...“
Da wurde die Nebenzelle aufgeschlossen, und Bolle sagte: „Nu machen Se sich man fertich so sachteken.“ — „Kommen Sie, Herr Lizentiat!“ meinte ich aufstehend, „Sie sind geneigt, etwas für den Mann zu tun. Ich höre da eben, daß er gleich abgeführt wird.“ Willig sprang Steinspängler auf und folgte mir auf den Flur. Da sah er nun den weißbärtigen Alten und fragte freundlich: „Na Großvater? zur Arbeit langen wohl die Kräfte nicht mehr?“ Der Alte begann zu schluchzen: „Zu leichte Arbeet doch woll noch! Aber mir nimmt keener!“ — „Soll ich Ihnen Arbeit verschaffen?“ fragte der Lizentiat, „Sie hätten es ganz erträglich. Haben Sie mal von Bielefeld gehört? von Pastor Bodelschwingh? Sie machen ein langes Gesicht. Sie denken wohl, da sollen Sie ein Duckmäuser werden und immerfort frömmeln? Weit gefehlt!“ Etwas mißtrauisch blickte der Alte und zuckte die Achseln: „Wie soll ’k denn nach Bielefeld kommen? Det is doch hinter Hannover? Un det Fahrjeld?“ — „Kriegen Sie von mir. Aber Sie müssen auch wirklich hinfahren! Aufgenommen werden Sie, auch wenn ich Ihnen keine Empfehlung mitgebe. Doch das soll auch geschehen. Also wollen Sie? Sie werden ein neuer Mensch, auf Ihre alten Tage.“ Nun mischte sich Bolle eifrig ein: „Jreifen Se zu, Jroßvata! Weisen Se de Rettahand nich zurick!“ Und zum Lizentiaten gewandt: „Fier den Momang allerdings muß die Sache den Amtswäch loofen, un ick bringe den Ollen nach Ceepenick. Wenn Se mich aber Ihre Adresse jeben, will ick Meldung duhn, det Se den Mann nach Bielefeld schaffen mechten.“ — „Einverstanden!“ sagte der Lizentiat und gab seine Visitenkarte. Nachdem er nochmals dem Greis zugeredet, wurde dieser abgeführt, und wir andern zwei kehrten in meine Zelle zurück.
Der Fürst dieser Welt und die Schildbürger
Der Lizentiat hatte Platz genommen und hielt sein Gesicht in den Händen. Das Erlebnis hatte ihn bewegt, er schien sich zu sammeln. Ich sah durch’s Fenster, wie der Schnee immer dichter stöberte — Regentonne, Hackeklotz, Kegellaube, alles hatte weiße Kapuzen auf.
„Da stapft nun der alte Mann mit der Polizei nach dem Gerichtsgefängnis! Stapft durch dicken Schnee, der den lebendigen Busen der Erde verschüttet. Auch das Herz der Menschheit liegt unter einer frostigen Hülle — sie heißt Egoismus, Genußsucht, Habgier ... Und das schon halb erstarrte Herz bildet sich noch was darauf ein, daß es kühl und hart ist.“ Wie zu mir selber hatte ich so gesprochen. Das Schweigen des Lizentiaten nahm ich für Zustimmung und fuhr fort: „Die Ordner unserer Gesellschaft sind in der Schätzung des Egoismus so weit, daß sie ihn ziemlich als einzige Triebkraft ansehen und ihre große Maschinerie immer mehr nach dem vermeintlich klugen Prinzip organisieren. Das nennen sie Zivilisation. Der gläubigen Menge reden sie vor, ihre Art Politik verbessere unsere Glückseligkeit. Doch ich kann mir nicht helfen, unsere Zivilisation hat etwas schaurig Ödes, erbarmungslos Gewalttätiges, unnatürlich Enges, geradezu Gemeines. Unsere Zivilisation ist eine Zuchthauszelle, und sie bleibt es, wenn sie auch den Bedürfnissen der Neuzeit entspricht, wie die Hotelbesitzer von ihren ‚erstrangigen‘ Häusern zu sagen pflegen. Heutzutage wird die Persönlichkeit immer mehr ausgeschaltet. Es gibt keine Wirte, sondern Hotelbesitzer.“ — Jetzt nickte der Lizentiat und fügte hinzu: „Schließlich wird es nur noch Hotel-Aktionäre geben! Das Geld verdrängt die Persönlichkeit.“ — „Ich rede aber nicht bloß vom Hotelwesen,“ fuhr ich fort — „das ist nur ein Symptom. Ich meine Staat und Gesellschaft. Sie, Herr Lizentiat, sagten von dem Herrn, bei dem Sie Hauslehrer sind, er sei Diplomat. Da wird er also nach den Gesetzen regieren, wohl gar selber Gesetze machen. Alle Gesetze aber wenden sich an die Ichsucht und sind von der Ichsucht diktiert. Egoismus heißt der Fürst dieser Welt, seine Herrscherfaust hält alles Leben unterjocht. Es liegt mir natürlich fern, Ihrem väterlichen Freunde einen persönlichen Vorwurf zu machen — auch die Schuld wird heutzutage immer unpersönlicher, wir stecken eben alle in dem furchtbaren Getriebe ... Aber der innere Christus ...“
Wie mahnend hob der Lizentiat die Hand und sah mich traurig an: „Als ich sagte, er habe den inneren Christus, wollte ich nicht verhimmeln — ich dachte eher an die Dornenkrone ... Der Vater meiner Zöglinge hat mich in sein Herz blicken lassen, und ich muß sagen, er leidet bitter unter dem Widerßpruch zwischen Ideal und Wirklichkeit. Aber hat denn er allein Grund zu leiden? Sie machen geltend, er diene dem Fürsten dieser Welt. Aber dem müssen wir ja alle Tribut zollen. Wozu einander Vorwürfe machen! Seien wir lieber positiv! Hauptsache, daß man sich sehnt, ein Arbeiter für das Reich Gottes zu sein.“ — Er sah mich schüchtern an; gerührt legte ich ihm die Hand auf die Schulter: „Sie sind solch ein Arbeiter. Das zeigt Ihre Fürsorge für unser Aschenputtel ... Das Reich Gottes, wo das mißhandelte Menschenkind zur Geltung kommt und sein Kittelchen vertauscht mit einem Strahlenkleide, dies Ideal bedeutet uns kein Beschwichtigungsmittel für das darbende Volk — nicht wahr, Herr Lizentiat? — bedeutet uns ein Leben in unserer Brust, das wir entwickeln sollen, damit es aus uns heraus schöpferisch wirke und das ganze Dasein neu gestalte. Die Schöpfung ist ja noch lange nicht perfekt. Es werde Licht!“