Als Aschenputtel nach seinem Tanz mit dem Königssohn das Ballkleid zum Grabe seiner Mutter zurückgebracht hatte, saß es wieder in seinem grauen Kittelchen am Küchenherde, wo es in der Asche schlafen mußte, und klaubte beim trüben Öllämpchen die verschütteten Linsen aus der Asche. — Dies Märchen handelt von der ganzen Welt. Träumen wir nicht von einem Reiche Gottes, wo alles, was Menschenantlitz trägt, von Verachtung erlöst, mit Hoheit bekleidet wird? Der Mensch unserer Wirklichkeit aber, wofern er nicht wie Aschenputtels Stiefschwestern Gold und Diamanten hat, darbt in Schmach, und da mag er selber sehen, wie er sich aufrafft.
Anlaß zu solchen Betrachtungen bietet nicht bloß ein großes Gefängnis, wo massenhaft Krüppel unserer Gesellschaft hausen, sondern selbst ein dörfliches Arrestlokal, wie ich eins bewohnte. Während des milden Spätherbstes war ich der einzige Insasse. Als ich meine Verwunderung darüber äußerte, meinte Bolle: „Warten Se man! De Kundschaft wird schonstens kommen. Wo jetzt noch so’n richtija Olleweibasomma is, da sinn de Walzbrieda noch bei Mutta Jrien oder uff’n Heiboden. Spaß macht det Fechten bloß in de milde Jahreszeit. Wenn se aber Schnee riechen, denn beißen se in den sau’an Appel un kriechen zu uns — wie Kieken bei ihre Klucke untakrauchen. Also uffjepaßt, Herr Dokta, wenn’t kalt is, denn blüht hier det Jeschäft.“
Ich glaubte bereits, das Geschäft beginne zu blühen, als ich durch Getümmel aus dem besten Schlafe gescheucht wurde. Und doch war noch laues Wetter, nicht einmal Regen — der Mond beleuchtete den Gefängnishof. Am lärmenden Wortwechsel, der hier stattfand, merkte ich, daß ein Widerspenstiger in Haft kommen sollte. Zwei Nachtwächter hielten ihn gepackt, mit Fußtritten wehrte er sich, die Hände waren ihm auf dem Rücken gefesselt. Ein fortwährendes Stoßen, Balgen und Schimpfen. „Ihr Hunde, ick habe mit eich noch nich de Schweine jehüt’t. Bin een ordentlicha Kerl! Wat duht ihr eich dicke mit eire Uneform? Der eene Nachtrat is in Balin Kanalrutscha jewesen — un der andere ...“ — Diesen Zornerguß unterbrachen ein paar schallende Hiebe; der Verhaftete hatte sie weg. Nun war Bolle mit der Laterne da, dann rasselte das Gefängnisschloß. Von den Nachtwächtern gestoßen, flog der Verhaftete brüllend vor Wut in die Nebenzelle — auf die Pritsche krachte er hin, als prassele ein gefällter Baum. Die Beamten hatten sich nicht aufgeregt, raunend entfernten sie sich, Bolle schloß zu, der Laternenschimmer, durch einen Spalt des Fenstervorhangs sichtbar, erlosch. Der Kerl nebenan tobte noch immer, schimpfte in Kraftausdrücken und heulte vor ohnmächtiger Wut. Allmählich wurden seine hervorgestoßenen Worte undeutlich, dann hörte ich ein Geräusch, als ob er an seiner Tür herumsäge. Er schnarchte — der Schlummergott hatte seinen Mantel über ihn gebreitet.
Als morgens Bolle aufschloß, war der Häftling kirre. Bolle, der ihm Mehlsuppe brachte, redete ihm gütlich zu, und der Häftling bat um seine Freilassung. „Blechen Se man — denn is allens jut! Sonst missen Se weitabrummen.“ — „Drei Mark is zu ville, eene will ick zahlen.“ — „Se sinn woll überkandidelt?“ Nachdem der Disput noch eine Weile fortgegangen, klimperte das Strafgeld, und der Bestrafte trollte in seine Freiheit zurück. Bolle kam zu mir herein: „Wat hat nu so’n Schafskopp dadervon?“ — „Was hat er denn angestellt?“ — „Ruhesteerenden Lärm! In seine Besoffenheit macht det Luda allemal Krach. Un denn will e’ nich blechen. Nu is e’ seinen Dahler los — aber freilich bloß seine Familie hat den Schaden. De Frau schuftet, un de Kinder ham keen Schmalz uff de Stulle.“ — „Der Nutzen Ihrer Strafanstalt kommt mir ziemlich fragwürdig vor.“ Der Amtsdiener zuckte die Achseln. —
Der Winter war hereingebrochen. Verschneit lag der Hof, im pfeifenden Winde stöberten Flocken aus finsterem Gewölk. „Son richtijet Wetter for arme Leite! Nu jeht det Arrestjeschäft los.“ Und Bolle brachte einen Landstreicher. Als ich das Gesicht zu sehen bekam, war ich erstaunt. Dieser Greis hatte etwas Ehrwürdiges — mit dem langen, weißen Bart sah er wie Lear aus, der irre König bei Regen und Wind. In die Zelle seines Vorgängers eingeliefert, benahm er sich still.
Bolle kam zu mir herein. Auf meine Frage nach dem Ankömmling gab er den Bescheid: „Wat soll so’n oller Mensch anders machen als betteln, wo ihn doch keener zum Arbeeten annimmt.“ — „Warum bleibt er nicht am Orte, wo er Heimatsberechtigung hat?“ wandte ich ein. Der Amtsdiener schüttelte den Kopf: „Seine Verwandten sinn doht — un eene Flebbe hat e nich — will sagen, keenen Ausweis ieba seine Personalien. In ein Dorf bei Kistrin will e geboren sind, aber da antworten se: det kann jeda sagen! ma wissen von nischt!“ — „Er hätte doch eine neue Heimatsberechtigung erwerben können.“ — „Ja, wenn e’ zwee Jahre an eenen Ort jearbeet hätte — aba so lange hat e keen Sitzefleisch nich gehatt — oda man hat ihm nich behalten — un nu heeßt et: een jewohnheitsmäßija Landstreicha — un alt un jrau is e dabei jeworden — un bleibt ihn nischt iebrig als zu fechten. Wenn e denn nu jefischt wird, denn wird e injespunnt un wird zu Arbeetshaus vaknackt. Kaum is e’ wieda frei, denn jeht det Jeschäft uffs Neie los — imma so im Kreise rum, wie son olla Jaul, wo den Jeepel von die Dreschmaschine dreht.“ — Düster fügte ich hinzu: „Mit dem Unterschied, daß im vorliegenden Falle der Göpel leeres Stroh drischt. Bei dieser Art, das Volk zu bessern, kommt nichts heraus als Unsinn, gesteigertes Elend, völlige Zerrüttung der Sitten.“ Bolle mochte nicht widersprechen, ich fuhr fort: „Sind in Ihrer Praxis mehrere solcher Fälle vorgekommen? so verzwickter, verzweifelter Art?“ — „Dausende un aber Dausende von sonne arme Leite walzen durch de Welt, un wenn all ihre vajossenen Tränen zusammenkämen, eenen See jäbe det wie unsre Müjjel. Wenn mich so wat passierte wie den ollen Mann, ick wüßte bloß eenen Ausweg: Strick um ’n Hals!“
Das Schicksal, das auf meinem Zellennachbar lag, erstreckte seinen Druck gewissermaßen auf mich. Ich war den Rest des Tages trübsinnig, bis mich schließlich Goethe tröstete, das Lesen in seinem Faust: „Solch ein Gewimmel möcht’ ich seh’n — auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!“ Aus dem Schlafe weckte mich lautes Jammern einer männlichen Stimme. Über Faust eingeschlummert, mußte ich an den Türmer denken, wie er, zum Schauen bestellt, von seiner Warte soeben gejubelt hat: „Es sei, wie es wolle, es war doch so schön“ — und wie er dann auf einmal wehklagen muß, weil dem alten Ehepaar freventlich die Hütte eingeäschert ward.
Jetzt wurde mir bewußt, die Wehklage komme von dem Greise nebenan. Der Morgen dämmerte. Das Schluchzen war herzzerreißend — zwischendurch erfolgten grollende Flüche. O welch ein Morgengebet! Ich konnte das nicht untätig anhören und fuhr in die Kleider. Da meine Tür nicht verschlossen war, ging ich auf den Gefängnisflur und klopfte an die Nebenzelle. Das Weinen verstummte, und ich fragte: „Kann ich etwas für Sie tun?“ Kleinlaut kam die Antwort: „Wer sind Se denn?“ — „Ich bin der Arrestant nebenan!“ — „Ach so! Da ha’k Ihnen woll jesteert mit mein ollet Jeflenne?“ — „Ich meine bloß, ob man Ihnen irgendwie helfen kann? Mit etwas Geld?“ Hohl wie aus einer Höhle scholl es zurück: „Mich kann keener helfen! Int Arbeetshaus schon wieder! Un immer wieder! Un ick bin schon so’n oller Mensch — helfen kann mich bloß der Dod.“ Er schluchzte auf und weinte vor sich hin. Erschüttert schwieg ich. Dann meinte er etwas ermutigt: „Von Jeld sprachen Se? Aber wat ha’k jetzt dadervon! Meine Barschaft muß ick doch abliefan. Wenn wenigstens noch wat in meine Pulle wäre! Haben Sie denn keenen Droppen?“ — „Den sollen Sie haben, sobald der Amtsdiener kommt — das heißt, wenn er’s erlaubt. Aber halt! Hat Ihr Fenster eine Klappe? Dann greifen Se mal raus, nach unten! Ich werde die Flasche an einen Faden binden und aus dem Fenster raus zu Ihnen rüber schwenken.“ — „Duhn Se det, juter Herr!“
Wieder in meiner Zelle, nahm ich eine Flasche Turiner Wermut, die ich gerade vorrätig hatte, wickelte sie in Packpapier und schlang einen Strick herum, mit dem ein Paket verschnürt gewesen. Dann ließ ich die Flasche aus meinem Fenster hängen und schwang sie pendelartig. „Höher!“ rief mein Nachbar — nun wurde der Strick mir aus der Hand gezogen, die Flasche war angelangt. Ich ging abermals auf den Flur und hörte den Alten lachen: „Jesehn hat keena wat — so’n Rotkragen is doch ’n dummet Luda! Ha, is det n’ Droppen! Der wärmt! ’n Jlühstrumpf is jut for Eisbeene!“ So war der Sorgenbrecher nebenan eingekehrt — vielleicht der einzige, den es im vorliegenden Falle gab. Doch nein — es sollte noch ein anderer kommen.