Gardinenpredigt und Lösung des Piratenrätsels

Im Traum hatte ich mit den Müggelpiraten zu tun. Strindbergs Koffer nebst dem Goldrezept war in ihren Händen — ich war als Parlamentär der schwedischen Regierung zu ihnen gegangen. Während wir verhandelten, hörte ich meine Frau lachen ...

Ich erwachte; verdutzt betrachtete ich die mir fremde Tapete und die Waschschüssel in dem Gußeisengestell. Wo bin ich? Einen Moment glaubte ich, in der Krone zu Alt-Strelitz zu logieren, aus Anlaß eines Vortrages, den ich dort im Technikerverein gehalten. Doch ich orientierte mich, als ich draußen Frau Bolles Stimme vernahm. Sie sprach mit meiner Frau — gleich darauf klopfte es an der Tür, und richtig, da stand meine Frau. In Hut und Mantel. Sie lachte mich an — und hinter ihr erschien Frau Bolle, eine Kaffeekanne auf dem Präsentierteller. „Na aber!“ drohte meine Frau mit dem Finger. „Das müßte dein Kultusminister wissen!“ Dann nahm sie Frau Bolle den Präsentierteller ab und stellte ihn auf das Nachttischchen. „Nicht wahr, Frau Bolle? wenn’s drüben warm is, geht mein Mann rüber.“ Ich richtete mich auf und sah meine Frau erwartungsvoll an: „Na und?“ — „Was für’n Und meinst du? Die Piraten oder den Schlüssel?“ — „Zunächst den Schlüssel! Du hast ihn also? Wo war er denn?“ — „Wie heute früh Frau Pape kommt, schicke ich sie gleich auf die Straße, um den Schlüssel zu holen. Die Straße sucht sie ab und den Vorgarten, Schritt für Schritt. Kein Schlüssel ist da, und sie meint, der Bäckerjunge wird ihn aufgegriffen haben. Ich ziehe mich an und gehe auf den Balkon. Da sehe ich den Schlüssel — nein, zwei Schlüssel, große, dicke, richtige Gefängnisschlüssel — und der Ring, der sie zusammenhält, ist über einen Zacken des Kastanienbaumes geglitten — da hängen nun die Schlüssel wie an einem Nagel. Dann ist Frau Pape mit dem Besen hingegangen und hat die Schlüssel runtergeholt. Und ich sagte: nun muß ich rasch hin — damit er endlich wieder in sein Gefängnis kommt. Aber nun hast du ja hier ein passables Logis gehabt. Laß den Kaffee nicht kalt werden — wie schmeckt er denn? Zichorienbrühe? Brauchst ihn nicht zu trinken. Mach dich lieber fertig. Inzwischen gehe ich auf den Markt. Wenn ich eingekauft habe, komme ich wieder, und wir trinken unsern Tee in deiner Robinsonklause.“ Ich war’s zufrieden, sie ging.

Als ich angekleidet war, fand ich auf dem Hof den Wirt zum Preußischen Adler. Auf dem Hackeklotz zerkleinerte er einen Stubben. Ich benutzte die Gelegenheit, mein Logis zu zahlen, und ging vergnügt in meine mollige Klause. Auf dem Arbeitstischchen lagen die eingelaufenen Postsachen, ich vertiefte mich hinein.

Eine Zeitungsnotiz über den neusten Raubanfall erinnerte an die Müggelpiraten. „Na Frau Bolle? wie ist denn die Razzia abgelaufen?“ Sie erhob sich von ihrer Ofenhantierung. „Weeß ’k denn? Et muß woll Essig jewesen sind — sonst, wenn se wen hätten erwischt, denn wäre mein Mann schon janz jewiß jesprächig. Nich een Sterbenswort war aus ihn rauszuquetschen, immer bloß jebrummt hat e — un wie e nu heerte, det Sie noch nich zu Hause wären, da war e nu erscht recht finsta. Jradezu unheimlich war e — un wie e in de Fedan laach, hat e sich immer so jewälzt und jeröchelt, als ob ihm son Pirat an de Jurjel hätte. Det is ooch keene Kleenigkeit — so ’ne Treibjagd uf Piraten durch den dustan Wald. Ach richtig, det muß ick noch varaten — jeschossen hat e mit seine Pistole — janz schwarz is se von Pulverschleim, un ick soll ihr nu putzen. Scharf muß det zujejangen sind. Hauptsache, det e heil zurick is! Aber da kommt e ja!“ Und Frau Bolle hastete weg.

Bald darauf trat der Amtsdiener zu mir ein. Sonst sagte er immer „Scheenen juten Morjen, Herr Dokta“ — diesmal nur kalt: „Morjen!“ — „Schönen guten Morgen, Herr Amtsdiener Bolle!“ Er stutzte — schon milder kam es heraus: „Det Ibelnehmen jeheert doch woll uf meine Seite.“ — „Wieso denn? Ich kann doch nichts dafür, wenn die Müggelpiraten ... Oder wollen Sie mich dafür verantwortlich machen, daß der Herr Amtsvorsteher Sie beordert hat, Ihren Häftling sich selbst zu überlassen?“ — Bolle geriet in die Wolle: „Nu aber brat mich eena’n Storch! Sich selbst? So war et nich jemeent! Sie sollten doch jleich in Ihre Zelle zurick, scheen ordentlich, wie sich det jeheert. Aber wat jeschieht? Um Uhre zwee klingeln Se mir aus Morpheus Arme — un denn haben Se ooch noch det amtliche Schlisselbund valoan! un ick, ick ... Denken Se mal an, wenn ma nu so’n Piraten erwischt hätten, un hätten ihm inhafti’an sollen — un ick hätte hier wie’n oller Dussel jestanden — un keen Schlissel da —? Un ick hätte sagen missen, det ick Sie den Schlissel iebajeben hätte, Sie aber wären denn ooch noch futsch jewesen! Denken Se bloß det Theata! Un da soll man zu schweijen? Un keene Jardinenpredigt halten?“ — „Bedenken Sie, ich habe eine rote Gardine — bin ein Ketzer! Mein Gewissen kriegen Sie so leicht nicht unter. Was ich wollte, war ja ganz brav — daß die Geschichte anders ablief, war Force majeur! Haben Sie nicht vernommen, wo der Kerkerschlüssel war? Im Kastanienbaum hängen geblieben! Ist das nicht höhere Gewalt? Sie wissen doch aus der Bibel, daß kein Sperling vom Dache, kein Haar von unserm Haupte fällt ... Sehn Sie, Bolle, nu bin ich der Fromme!“ — „Keene Zicken, Herr Dokta! Der Fall is ernst! Ick will zujeben, mit die Schlissel, det mag Forsse jewesen sind ... Aber wat jing denn vorhea? Jekneipt haben Se — int Waldhaus haben Se Pilsena jekneipt — un jesungen haben Se un jestampft. War det ooch Forsse? Leichtsinnig war det! Denn nu hören Se mal, wat jeschehn is! Uff die Stunde, wo Sie kommerßi’an wie’n Studente, kommen wir Beamtens von unsere Razzia zurick — und wie ma nu in’t Restorang det Singen un Klawezimbeln heeren, da kricht unser stellvatretender Amtsvorsteha nich iebel Lust, ooch een Pils zu jenehmigen. Mein juta Jeist raunt mich zu, det ick abraten soll. Erlauben Se, Herr Amtsvorsteha: de Polizeistunde is längst vorbei, un wenn Sie inkehren täten, könnten unsre Friedrichshäjer skandali’an von wejen det beese Beispiel ... Ja sehn Se, Herr Dokta, det hat jeholfen — Kuhlicke stand von sein Vorhaben ab — un ick war jerettet. Aber um een Haar ... Ja ja, Herr Dokta, stellen Se sich vor, unsa Staatsjefangena, wo den doch janz Balin un de deitsche Presse ins Ooge behält, der wäre, statt hinta Schloß un Riejel zu brummen, von den Amtsvorstand nachts quietschverjnügt in de Kneipe anjetroffen! Haste Töne? Hurrejott, eenen Weltskandal hätte det jejeben! Un Ihnen? ja wat meenen Se woll, wohin man Ihnen jestochen hätte?“ — „Ergreift ihn, Knechte, bindet ihn!“ deklamierte ich — „bringt ihn zu Schiff nach Küßnacht — wo weder Mond noch Sonne ihn bescheint!“ — „Spotten Se man noch! Wenn ick nu die janze Zicke zur Meldung brächte, wat? Un wenn der Amtsvorsteha nu selbstmurmelnd saachte: jetzt hat et jeschnappt mit de Vajinstejungen? Wat meenten Sie denn daderzu, Herr Dokta, wat?“ — „Ich würde protestieren — würde laut erklären: das ist ungerechtfertigt! Daß ich mich nicht absichtlich von meiner Haft gedrückt habe, liegt auf der Hand. Bedenken Sie doch, Bolle, wie brav ich mich gehalten habe, als Sie mir damals, ganz aus freien Stücken, den Kerkerschlüssel eingehändigt hatten — wenn ich das nun geltend machte?“ Ängstlich starrte mich Bolle an und meinte bitter: „Kiekste aus die Luke? Ha’k Ihnen nich jebeten, halten Sie det jeheim?“ — „Will ich ja auch, Bolle! Aber Sie selber rollen diese Akten auf.“ — „Ach, ick rolle nich!“

In diesem Augenblick erscholl es vom Gefängnisflur wie Echo, in männlichem Baß nach bekannter Opernmelodie: „Ich ’rolle nich! Dreimal verlornes Lieb, ich grolle nicht!“ Der Kreispfiffikus natürlich. „Was is denn los bei Ihnen? Ich traue meinen Ohren nicht, wie ich dieser Klause nahe. Ein Lyriker freilich haust darin — aber daß er nun auch noch unsern Bolle angesteckt hat, und daß der Reime macht wie Rolle auf Bolle ... Was gibt es denn hier zu rollen? Diese Zelle war allerdings früher eine Waschküche — wollen Sie auch noch eine Rollkammer draus machen, wie?“ Bolle belächelte die Kalauer des Arztes und sah ihn forschend an — ob er auch nicht zuviel gehört hätte. „Ja gucken Se man, Bolle! Sie haben allen Grund, mißtrauisch zu spähen, ob man’s Ihnen gegenüber nicht despektierlich meint. Ach Himmel, erbarm dich! Sind Sie ein forscher Polizeier! Und überhaupt Ihr von der Greifgarde! Nein, diese nächtliche Treibjagd auf Müggelpiraten! Unser Häftling ist natürlich Unschuldswurm — in die Klausur seiner Eremitage dringt nicht das Lärmen der wüsten Welt — wo man nachts in den märkischen Wäldern mit Pistolen Löcher in die Natur schießt ... Also vernehmen Sie, stiller Klausner, was für Romane unsre sonst unromantischen Landsleute von Abdera anrichten! Klingelt da gestern Abend im hiesigen Amtsbüro wie besessen das Telephon. Klempnermeister Kuhlicke, von diesem Lärm gleich aufgeregt, fragt: was is denn los? Da meldet jemand, bei Rahnsdorf hätten die berüchtigten Müggelpiraten einen Rentner ausgeplündert, und es wäre nötig, eine Razzia auf sie zu veranstalten — von Osten her würden Freiwillige aus Schöneiche den Wald absuchen, von Westen her sollten die Friedrichshäger kommen. Also gut! Von heiligem Eifer besessen, sammeln sich Gendarme, Amtsdiener, Feuerwehrleute unter der Führung unseres schneidigen Kuhlicke. Scharf geladene Pistolen sind dabei — und man zieht los — mit zwanzig Schritt Abstand — wie eine Treibjagd. Rehe und Karnickel haben sie aufgescheucht, von Piraten keine Spur. Wie schließlich unser tapferer Bolle seine Pistole losgebrannt hatte, gab die Obrigkeit die letzte Hoffnung auf, eines Piraten habhaft zu werden.“ — „Ei, Herr Bolle?“ fragte ich, „auf wen haben Sie denn geschossen?“ Zögernd kam die Antwort: „Na, wenn man so im Dustern nach Raibers sucht un pletzlich wat kauern sieht, da soll man nich jraulich werden? Ick also rufe an — un damit der Pirat mich nich zuvorkommt, brenne ick los. Nu kommen meine Kameraden jerennt: Wo denn? Die Jestalt kauat noch immer un riehrt sich nich.“ — „Na und? Haben Sie ein Tier totgeschossen?“ Und Bolle mit wehmütigem Lächeln: „Een’ Wacholdabusch! In die Finsternis sieht so’n Aas wie’n Indevidejum aus.“

Das Lachen des Kreispfiffikus klang hinterhaltig. Dann stand er breitspurig vor Bolle: „Ist das alles? Offenbar haben Sie noch keine Ahnung von dem, was jetzt als Gerücht wie ein Steppenfeuer durch Fritzenwalde eilt und bereits von den Setzern des Lokalanzeigers schnellfingerig verarbeitet wird. Eben, wie mein Wagen durch die Wilhelmstraße fährt, ist neben dem Hause des Klempnermeisters Kuhlicke ein Auflauf. Da ist doch die Villa der emeritierten Sängerin, die bloß im Sommer hier wohnt. Und ich höre von den Leuten: Erbrochen ist die Villa — gründlich ausgeplündert — und alles ist sich darüber einig, kein anderer war das als die Müggelpiraten. Um euch Ordnungshüter abzulenken, haben sie selber ans Amt telephoniert — und während ihr Greifpolypen auf Wacholderbüsche knalltet, haben sie in aller Gemütlichkeit ihr Handwerk ausgeübt.“ — An den Kopf griff sich Bolle: „Au Backe!“ und stürmte fort. Nicht einmal, daß er die Frage erledigte, wer denn mein Gefängnis abschließen solle.

Aschenputtel und der Lizentiat