Speit ihm eure Flüche in den Höllenschlund hinab!

Der Tyrann ist mausetot

Und zu Ende unsre Not.

Jö, begießen wir die Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!“

Wär’s Sommerzeit gewesen, so hätte in der Tat das Morgenrot zu unsrer Freiheit geleuchtet; doch mit ihrer langen Finsternis hielt die Winternacht unsre Schwärmerei nachsichtig verhüllt.

Es war mir nun doch lästig, ins Gefängnis zurück zu sollen, und ich entwickelte meiner Frau rebellische Ideen. Sie aber wies auf Gesetzlichkeit und Ordnung hin. Bei der Ankunft vor unsrer Wohnung wollte ich mir das Treppensteigen ersparen, meine Frau sollte den Kerkerschlüssel auf die Straße werfen. Harrend blickte ich zum Balkon — die kahlen Äste der Kastanienallee zeichneten sich vom Wolkenflor ab, den matt der Mond durchleuchtete. Nun ging die Balkontür, meine Frau sagte: „Hier ist der Schlüssel! In ein Taschentuch gewickelt! Achtung!“ Und fliegen sah ich das schimmernde Tuch. Verdächtig war es, daß es flatternd niederschwebte, ohne daß etwas Schweres gefallen war. „Da ist nur das Taschentuch! Wo bleibt der Schlüssel?“ „Ich habe ihn doch eingewickelt!“ — „Dann ist er unterwegs rausgefallen.“ — „Na, das fehlte noch! Warte, ich komme mit der Lampe!“ Sie tat es; aber die Lampe wurde vom Wind verlöscht — und wie wir auch suchten, kein Schlüssel zu finden! Als habe er beim Fluge durch die Luft einem Freiheitsgelüst nachgegeben und sich wie ein Vogel davongemacht. Vergnügt brummte ich: „Auch das eine Transmutation! Jö, begießen wir die Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!“ — „Es klingt doch kaum glaublich, daß der Schlüssel abhanden gekommen ist; für eine faule Ausrede wird man das halten. Hilft nichts, Bruno — du mußt zurück — mußt Bolle rausklingeln. Wenn er’s erlaubt, kannst du ja zurückkommen und hier schlafen.“

Mir blieb nichts andres übrig, und ich trollte mich. Traulich, begehrenswert kam mir jetzt mein Gefängnis vor, wie es mondbedämmert mich grüßte mit seinen Gitterfenstern, und wie ich mir die mollige Robinsonklause ausmalte. Und jetzt sollte ich nicht hinein können? Sollte frieren wie ein Obdachloser? Ich zog die Glocke, gleich darauf wurde es hell bei Bolles, und aus dem geöffneten Fenster fragte der Amtsdiener scharf: „Sinn Sie det? Na, endlich!“ Als ich mein Mißgeschick gebeichtet hatte, meinte er: „Det fehlte noch! Die Schlissel fort! Is det ne Zucht!“ Dann klappte er das Fenster zu, redete unwirsch mit seiner Frau und kam mit einer Laterne herunter: „Bleibt nischt iebrig, Herr Dokta, Se missen int Vorderhaus kampia’n un det Hotel jarnie bei Onkeln berappen. Verrickt und drei macht neune!“

Er führte mich eine Treppe hoch, öffnete ein Zimmerchen und zündete die Kerze an. Vergebens suchte ich ein Gespräch über die Müggelpiraten in Gang zu bringen, er blieb einsilbig und verließ mich murrend. Na ja, du geplagter Ordnungshüter, die Böcke deiner Herde haben dir heute arg zu schaffen gemacht. Bis in die späteste Nacht haben sie dich herumgehetzt, all diese frechen Rebellen, jö-hö ... Wir begießen unsre Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!

Aber nun ist ja alles ziemlich wieder in der Reihe. Strindbergs Koffer mit dem Goldrezept, das uns vielleicht das Goldene Zeitalter zurückzaubert, hat sich eingefunden; gerührt durch dies Tugendmuster bin ich zu meinem Kerkermeister heimgekehrt; dieser endlich, den Gefahren des dustern Räuberwaldes entronnen, ruht bei der getrösteten Ehehälfte ... Bloß der Kerkerschlüssel, der verflixte! Böse Beispiele verderben gute Sitten. Ich habe den Schlüssel zur Durchbrennerei verleitet! Und jetzt kichere ich noch über meine Schandtat?

Ich pustete das Licht aus und bettete mich in die Federn: „Jetzt woll’n wir legen einen Schuft zu seinem Grab! speit ihm eure Flüche in den Höllenschlund hinab.“ — „Jö-hö!“ krähten die Hähne — „jöhöhö höhö!“