„Allzuviel is unjesund,

Jakade is ’n Schweinehund!“

Etliche Tage später ging das Gerücht, Jakade, in ewigem Hader mit seiner Frau, habe sich aufgehängt — wo, wisse man freilich nicht. Mit einem Trupp Jungen kehrte ich von einem Nachbardorfe zurück, und da wir an einem Kiefernwäldchen vorbeikamen, das sie den Hankebusch nannten, streiften wir hinein, nach Pfefferlingen zu suchen. Es dämmerte schon und war lauschig still. Meine Aufmerksamkeit wurde durch eine dunkle Masse im Wipfel einer Kiefer gefesselt, und obwohl das nichts anderes war als ein sogenannter Hexenbesen, täuschte mich die Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt, und ich platzte heraus: „Da hängt Jakade!“ Wie eine scheue Schafherde rannten auf einmal die Jungen aus dem unheimlichen Hankebusch, ich ihnen nach. Auf der Landstraße wollte jeder den Jakade deutlich erkannt haben, es hieß sogar, sein Gesicht sei ganz blau und gelb gewesen.

Kaum waren wir im Ackerstädtchen angelangt, so flog auch unsere Botschaft hindurch: „Jakade hängt im Hankebusch!“ Als wir zu Mariens Vater kamen, der vorm Häuschen auf der Bank sein Pfeifchen schmauchte, hatte er schon gehört und fragte die Jungen, die bei mir waren: „Wer hät denn nu Jakaden jesiehn?“ — „Der da!“ antworteten sie und zeigten auf mich. — „Is dat woahr?“ fragte der Landmann, und sein blaues Auge spähte so durchdringend, daß ich meinte, er müsse in meinem Innern den Vogel entdecken, an dem ich litt. „Oder is et jelogen?“ fuhr er streng fort. Und nun fiel mir diese scharfe Unterscheidung aufs Herz: Wahr oder gelogen! — Ja, gab es denn nicht wenigstens ein Drittes? — Kleinlaut klang meine Antwort: „Ich weiß nicht! Ich dachte: da hängt einer! Und die andern haben ihn doch auch gesehen; sie sagten, er wäre ganz blau und gelb im Gesicht.“ — „War’s denn nu wirklich Jakade?“ Verlegen sah ich mich um und schwieg. Der Landmann sagte weiter nichts als „hm“ — und paffte seine Pfeife.

Als ich andern Tags durch das Städtchen ging, zeigte man auf mich, und ich hörte sagen: „Dä is dat — mit Jakaden!“ Und auf einmal kam der totgesagte Jakade, wieder angesäuselt, aus einem Hause auf mich losgetorkelt. Er drohte mit einem Stock: „Vafluchtijer Bengel, wat häst du jesacht?“ — Es traf sich gut, daß meine Ferien zu Ende waren, sonst hätte dieser Jakade mich noch erwischt und am Verleumder ein Strafgericht vollzogen. Da hatte ich nun den greifbaren Beweis, wie wenig Verlaß auf meinen Vogel war.

Merkwürdig freilich, daß ein Jahr darauf Marie aus einem Briefe vorlas: „Nu haben se den Jakade wirklich mit eenen Strick um den Hals dot jefunden.“ — „Na ja!“ wird der kritische Leser sagen, „Zufall, weiter nichts! Jedenfalls läßt sich nicht abstreiten, daß dieser Vogel, wenn er solche Geschichten macht, ein zweideutiges Viech ist.“

Zweideutig? Der Vogel hat allerdings manchmal seine Mucken. Ich glaube bemerkt zu haben, daß es nicht gleichgültig ist, an welcher Stelle meines Innern er sitzt.

Manchmal sitzt er mir auf den Lippen und schnarrt wie ein Starmatz — das kribbelt dann so, man muß lachen, muß rasch die Lippen bewegen, — und so gibt es zuweilen ein Geschwätz, aus dem man hinterher selber nicht mehr klug wird. Auf den Lippen saß er mir gewiß damals, als ich den Jakade hängen sah.

Des weiteren kann er auch im Kopfe sitzen, dann pfeift er hell und scharf wie ein geschulter Dompfaff. Dabei ist einem zumute, als hätte man eine Prise genommen und sich den Verstand so recht klar geniest.

Drittens nistet er, wie schon gesagt, im Herzen. Dann ist es voller Sonne, die ganze Welt möchte man lieb haben — wie damals, als ich der Ziege vorlas und das goldige Feenschloß erschaute.