So recht frei aber fühle ich mich, wenn mein Löweneckerchen das Allerschönste tut, wozu es der Himmel berufen: wenn es den blauen Äther durchdringt und durchklingt. Ganz hingegeben sind mir dann Ohr und Auge, Haupt und Herz; und was Menschenlippen nie singen und sagen, hier tönts wie fühlende Flöten und Geigen — als habe sich Korn und Blumenwiese, Wipfelwogen und Wellenspiel, als habe sich die ganze Sommerwelt mit all ihrer Sonnenliebe und Lebenstrunkenheit zusammengefunden in dem einen jauchzenden Seelchen, dem flatternden Punkte droben.
Anno dunnemals
Wo bin ich?
Ich packe meine Nase und rüttle mit forschem Rucke den Verstandskasten zurecht. Nun finde ich mich wieder in die wirkliche Welt.
Ja, ja, ja! Die weite Fläche da vor mir ist der Müggelsee, vom Märker „die Müggel“ genannt. Hat eine Tiefe bis zu acht Metern. Jenseits blauen die waldigen Müggelberge, ganze fünfundneunzig Meter hoch, wie ich aus dem „Touristenführer durch das Oberspreegebiet“ behalten habe. Derselbe Gewährsmann nennt die Müggel den „Bodensee der Mark“. Vielleicht wegen jener südlichen Hügel, die der Niederdeutsche natürlich „Berge“ nennt, die er hier wohl gar mit dem Alpenwall am Bodensee vergleicht. Oder vielleicht, weil die Spree, das Beispiel des Rheins beherzigend, durch einen See fließt. Links, im Osten, wo hinter der Rohrwildnis das alte Kirchlein von Rahnsdorf hervorlugt, tritt die Spree in die Müggel ein. Rechts, weit hinter den roten Ziegelmauern und Schlöten der Wasserwerke, bei der Friedrichshagener Brauerei, fließt sie hinaus. In dieser Länge mißt die Wasserfläche fünf Kilometer, während ihre Breite vom Nordufer, wo ich beobachte, nach den Müggelbergen hinüber halb so groß ist. Zuweilen kann der See offenes Meer vortäuschen; bei dunstigem Wetter verschwindet das jenseitige Ufer, und wenn unter einer Brise Wellen über den Sandstrand spülen, ist der Anblick ähnlich, wie von einer waldigen Ostseedüne.
Heute bleibt die Müggel auffallend einsam, — ein Dampfer schleppt ein paar Zillen, rechts blinkt ein kleines Segel. Noch zu früh ist die Jahreszeit für Ausflügler. In den Sommerferien geht es hier hoch her. Nach Zehntausenden zählen dann die Berliner; durch die Waldung spazieren sie, erquicken sich am Sonnabend und am Freibad Müggelsee oder belagern als Zuschauer in buntem Gewimmel die Sanddüne. Andere machen in gemieteten Booten Ruderversuche, elegisch singend: „Still ruht der See.“ Weht ein guter Wind, so sind die Jachten zur Stelle, mit ihren ausgebreiteten Segeln gleich Schwänen, dabei wie Schwalben hurtig. Dorfgänsen ähneln die langen Lastzillen, die trotz geblähten Segels nicht eben flott vorwärtskommen, so daß der Schiffer mit der Stoßstange nachhilft. Nun von Rahnsdorf her Vergnügungsdampfer mit Musik. Kopf an Kopf wimmeln darauf die Ausflügler aus Berlin. Vorbei geht es an den hübschen Villen, den baumreichen Seegrundstücken von Friedrichshagen, vorbei an der waldigen Landzunge, wo das Wirtshaus Müggelschlößchen zur Beschaulichkeit unter säuselnden Birken ladet. Hier verläßt die Spree den Müggelsee. Dann kommen die Gartenhäuser von Hirschgarten, der Dampfer gleitet unter einer Brücke hindurch zur alten Stadt Cöpenick. Vorbei an ihrem Schloß und dem verwilderten Park, durch die Wuhlhaide zum großen Volkshain von Treptow. Vorbei an Lagerplätzen und Schuppen, in die Riesenstadt hinein ...
Doch lieber nicht gedacht an den brodelnden Hexenkessel Berlin. Im Naturfrieden an der Müggel weilt es sich köstlicher — zumal heute die Störer fehlen und, wofern ich nicht nach den Wasserwerken blicke, mein singendes, springendes Löweneckerchen mir den Traum heraufzaubert, die Weltgeschichte sei noch um ein Vierteljahrhundert zurück.
„Anno dunnemals“, wie der olle krumme Kuschel, der Gemeinde-Kuhhirt, zu sagen pflegte — war Friedrichshagen noch einfältig hübsch. Seitdem hat sich die Jungfer vom Lande städtisch zurechtgemacht — wetteifert fast mit Rixdorf. Ja ich vermute, wäre Friedrichshagen nicht nach seinem Gründer, dem großen Friedrich, genannt, sondern mit einem ländlich klingenden Namen, es wäre auch wohl der Versuchung erlegen, sich umzutaufen, wie’s Emporkömmlinge zuweilen tun. Hat sich nicht Rixdorf umgetauft in Neukölln? Und Kiekemal in Königstal?
Jedenfalls war das alte Friedrichshagen oder — wie die Eingeweihten es im Gegensatz zu heute nennen — „Fritzenwalde“ noch ein richtiges Dorf. Die Friedrichstraße, vom Bahnhof zur Brauerei erstreckt, eine breite, sandige Dorfstraße. Ihre alten Maulbeerbäume, in vier Reihen gepflanzt, legten Zeugnis ab von der Seidenzucht, die auf Befehl des alten Fritz von den Kolonisten neben ihrer kleinen Landwirtschaft und Handwerkerei betrieben wurde. Die Zucht der Seidenraupe ließ sich allerdings nicht lohnend gestalten. Aber die Maulbeere wurde vorteilhaft nach Berlin verkauft. Desgleichen die Sauerkirsche, in den sonnigen Hintergärten herangereift und am Hügel der holländischen Windmühle, von wo man im April einen Blick auf all die Blüten hatte. Obwohl zu meiner Zeit die Maulbeerbäume nur noch streckenweise standen, bildeten sie ein ehrwürdiges Wahrzeichen des Ortes, und es gab ein malerisches Idyll, wenn gegen ihre knorrigen Stämme und dunkelgrünen Laubmassen rotgolden die Abendsonne schien. Zwischen den gebuchteten Blättern wie gelbe Perlen die Maulbeeren. Mit Steinen und Knütteln sucht sie ein Kinderschwarm herabzuholen. Auch schwarze Beeren gibt’s; sind sie gefallen und versehentlich zertreten, so sehen sie auf dem Kiesboden wie Tintenkleckse aus; das Gesicht der schleckenden Kinder ist davon fleckig.