„Hier hilf mal, Bruno!“ meinte Benno; „Freia Bartels gibt Kinderkränzchen, und wir sollen Puppentheater spielen. Alles ist kaput, und bis Nachmittag muß die Flickarbeit fertig sein. Harts, diese sorglosen Zigeuner, sollen das Puppenspiel dichten und haben noch keine Ahnung. Anstatt sich zur Arbeit zu halten, schwatzen sie Feuilletons über die Wiedergeburt des deutschen Puppentheaters. Haben sich sogar in die Uferlosigkeit der sozialen Frage verloren. Laß dich nicht mit den Schwärmern ein, setz dich her zu mir, und deine Frau kann ja mit Anna Theatergarderobe nähen. Das Fatale an unsern Puppen sind die Köpfe — sie sind lädiert oder fehlen gänzlich. Bist du Bildhauer genug, um aus den Kastanien hier etliche Köpfe zu schnitzen? Ich habe mich schon in die Pote geschnitten!“ — „Ach was Kastanien!“ meinte ich wegwerfend und nahm auf dem Sofa Platz. „Kastanien sind zu fipsig, haben auch keine Visage. Machen wir lieber Kartoffelkomödie! Eine Kartoffel wird ausgehöhlt, daß man sie auf den Zeigefinger stecken kann — da haben wir nun einen Kopf auf einem beweglichen Hals. Daumen und Mittelfinger sind die Arme, das übrige wird einfach mit Stoff umwickelt, mit einer Sicherheitsnadel steckt man die Drapierung fest.“ — Benno erkannte die Brauchbarkeit meiner Idee, Frau Bartels holte Kartoffeln, und wie wir die Knollenfratzen betrachteten, um ihnen bestimmte Rollen zuzuweisen, mußten wir die Frage aufwerfen: „Ja aber nun das Stück? Was wird denn gespielt? Heda, Poeten!“ — Die Disputare wurden aufmerksam und starrten auf den Tisch.
Nun erschien auch Bartels. Als ich seine Frage, wie es komme, daß ich hier sei, beantworten wollte, unterbrach mich Heinrich Hart, der vom Wortgefecht noch etwas benommen war. Zerstreut streckte er mir die Hand entgegen: „Chott o Chott, Mensch! Wie kommst du hierher? Ich denke, du bist im Chefängnis? Wo ist denn dein Bärenführer?“ — Wie ich jetzt näheren Bericht erstattete, brach allgemeine Lustigkeit los, und Heinrich wetteiferte mit Julius in der Versicherung, hier sei ja nun auf einmal der prächtigste Stoff für das Theaterstück. Abseits verhandelten die poetischen Brüder; jedem schwebten dramatische Szenen vor, unter Geschrei dichteten sie aufeinander los, fuchtelten mit den Armen und spendeten sich gegenseitig Beifall! „Also, wir sind schon fertig!“ Julius machte eine zappelige Verbeugung, wie ein Herold hob er die Hand: „Hohe Herrschaften — zur Aufführung chelangt: Der Verbrecher oder der Staat in Verlechenheit — eine Kartoffelkomödie nach einer wahren Bechebenheit. Und hiermit bechinnt die Renaissance unseres alten deutschen Puppenspiels und so weiter. Schon die Kartoffel natürlich ist ein Zeichen für den vaterländischen Cheist, wir Preußen und so weiter ... Doch ich soll die Rollen bestimmen. Also Personen zum Beispiel: Chlodwig der Dreiundvierzigste, Fürst zu Leuchtenfels-Bücklingsburg ältere Linie. Sein Hofprediger, Cheneral, der Cherichtspräsident — endlich die Hauptperson Kasper, das ist der Verbrecher, zuvor ehrsamer Schuster und so weiter im Residenzstädtchen. Um das weibliche Element nicht chänzlich zu vernachlässigen, wollen wir seine Frau Rike anbringen und ihre Nebenbuhlerin, die fürstliche Köchin. Neben dem Büttel dürfen Tod und Teufel nicht fehlen und so weiter — das heißt natürlich der Liebe Chott ... Den Lieben Chott bringt schon Choete auf die Bühne, unsre Polizei freilich erlaubt es immer noch nicht, und so weiter.“ — „Bravo, bravo!“ klatschte Bartels, und Benno lächelte anerkennend: „Sache! Da haben wir endlich was Präzises! Na und jetzt wollen wir die Masken aussuchen. Die dickste Kartoffel hier mit den listig verkniffenen Äugelchen ist Kasper — seht mal den herauswachsenden Keim, das gibt die Nase.“ — „Und hier“ — ich zeigte eine verschrumpfte Kartoffel — „haben wir den Hofprediger, er bekommt einen schwarzen Talar mit Bäffchen aus Papier.“ Einem Schafsgesicht gab Heinrich Hart die Serenissimus-Rolle; das Fürstenkostüm sollte blaue Seide sein, mit einem Cotillon-Stern. Aus rotem Tuch der Teufelsmantel, aus Linnen die Kutte für den Tod. Als glotzende, weißfunkelnde Augen waren Perlen und Knöpfchen in die Kartoffeln eingedrückt. Für Bärte und Haare gab’s Watte und Werg.
Minder nett als diese Vorbereitung war die Aufführung am Nachmittag. Die Wohnstube überfüllt, das Nebenzimmer von den Puppenspielern besetzt. Als die Kinder wispernd durch den Türspalt lugten, wurde streng abgeschlossen, und die Neugier stieg zum Siedegrade. Wie ein Puck fuhr die kleine Freia herum, und Fritzchen Gröbers, dessen blaue Augen unter den langen Wimpern sonst träumerisch blickten, wurde auf einmal borstig vor Ungeduld, so daß seine Mutter Mühe hatte, ihn zu beschwichtigen.
Nun klapperten Tassen, Frau Bartels spendete Kaffee aus riesiger Familienkanne, und die blumenhafte Frau Martha knixte mit einer Schüssel Streuselkuchen. Schwatzend und lachend standen wir Männer beisammen, und als die Korona durch den Kreispfiffikus vervollständigt wurde, grüßte ihn Bölsche, zugleich auf mich, den Freigelassenen, deutend: „Da wäre nun der alte Kreis wieder mal voll.“ Prompt erfolgte der Kalauer: „Ein alter Greis, nun ja, das bin ich — aber schon wieder mal voll? Wovon? möcht ich wissen! Allenfalls würde das Wort auf mich passen: wessen das Herz voll ... Jedenfalls ist mein Herz voll Freude über die Enthaftung unseres liebwerten Verbrechers. Habe schon gehört, wie die Haupt- und Staatsaktion verlaufen ist — das is nu wirklich ne Kartoffelkommödie! Urlaub auf unbestimmte Zeit! Famos jesagt! Diese unbestimmte Zeit, das is die Zeit ohne Grenzen. Ein Philosoph nennt sie die falsche Unendlichkeit. Aber die Unendlichkeit dieses Urlaubs, die is echt! Und wenn ich längst Asche geworden, unser Häftling hat immer noch Urlaub. Wetten daß?“
Die Tür wurde aufgerissen, und Julius Hart lud marktschreierisch zum Theater ein. Lärmend hasteten die Kinder nach den vordersten Stühlen. Die Puppenbühne war simpel: eine Schranke, mit einem Teppich überdeckt, kulissenartig hängende Gardinen. Von einer Radlerlaterne grell beleuchtet, schmauste der Hofprediger eine Gans und sang:
„O Chott! wie ist die Welt so schön,
Wenn man chesunde Chlieder hat!“
Auf einmal kommt Serenissimus, um sich zu erkundigen, ob es wahr sei, daß die Zahl seiner Untertanen über Nacht von 319 auf 321 emporgeschnellt sei, daß nämlich Kasper, der Schuster drüben, zur Taufe Zwillinge angemeldet habe. „Zur Taufe?“ entgegnet der Hofprediger — „der Kasper läßt seine Kinder nicht taufen — der chlaubt an keinen Chott und keinen Teufel.“ — „Ich bin sehr unchnädig!“ schnauzt Serenissimus, — „der Hofprediger hat dem Volke die Relichon zu erhalten, dafür wird er bezahlt. Bring er dem Kasper allen nötigen Chlauben bei! Sochleich! In meiner Chechenwart!“ Kasper wird zitiert, während Serenissimus im Versteck lauscht. Der Hofprediger will den Lieben Gott leibhaftig zeigen und kommt vermummt, mit weißem Bart, im himmelblauen Talar. Da Kasper nicht glauben will, daß der Liebe Gott eine Visage wie der Hofprediger habe, droht dieser, er werde jetzt den Teufel holen. Wie der Rotmantel mit den Glotzaugen, der blutigen Zunge und den Hörnern erscheint, haut ihn Kasper mit seiner Pritsche tot. Als Mörder des Hofpredigers, der ja in der Verkleidung steckte, wird er nun zum Tode durch das Beil verurteilt.
Im folgenden Akt stellt sich heraus, daß die Regierung eine Sache übernommen hat, der sie nicht gewachsen ist. Man hat keinen Scharfrichter, der ist zu kostspielig. Ein Fallbeil aber auch nicht billig. Von den 25 Soldaten, die dem Landesherrn dienen, will keiner den Scharfrichter machen — Menschen zu morden, sei nur dann ehrenhaft, wenn es massenhaft und gegenseitig geschehe. Da der Verbrecher also nicht hingerichtet werden kann, so muß man ihn gefangen halten. Aber Wärter und Verpflegung wollen bezahlt sein. Der Rat des pfiffigen Ministers, den Wärter abzuschaffen und das Gefängnis offen zu lassen, damit der Verbrecher Gelegenheit zur Flucht habe, bewährt sich nicht; der Verbrecher spaziert zwar vergnügt herum, kehrt aber abends in seine Zelle heim und verlangt die ihm zukommende Verpflegung. Um wenigstens eine besondere Gefängnisküche zu sparen, stellt man dem Verbrecher anheim, sich seine Kost aus der Schloßküche zu holen. Da er jetzt auch noch mit der fürstlichen Köchin anbändelt, muß man endlich ein Mittel finden, ihn los zu werden. Umsonst reizt ihn Serenissimus zur Auswanderung nach dem freien Amerika — das fidele Gefängnis paßt ihm besser. Schließlich einigt man sich dahin, Kaspar solle Urlaub auf unbestimmte Zeit kriegen und ein Jahresgehalt. Ein Stündchen vor der Residenz, verlebt er den glücklichen Rest seiner Tage als pensionierter Verbrecher.
Vom Kunstgenuß mußten sich die Männer beim Glase Bier erholen. Alles prostete mir zu, und Bölsche knüpfte an das Lied an, mit dem die Komödie geschlossen hatte: „Kann’s was Schönres geben, als Gefängnisleben?“ Stimmt schon! Auch an Bruno erfüllt sich dies Wort. Denn schlich ein Besucher scheu um das Verließ zum Preußischen Adler, um Kunde zu erhaschen vom armen Dulder, so kam Frau Bolle in weißer Schürze und meinte schnippisch: „Der Herr Gefangene ist nicht zu sprechen — er sucht im Walde Pilze — der Herr Gefangene geruht mit Onkel Pofke auf dem See zu gondeln — mit berühmten Ausländern kneipt er im Waldhaus — wird von seiner Frau gebadet — Gefängnisschlüssel ist verlegt. Das war auch ne Kartoffelkomödie!“ — „Ach ja!“ seufzte ich — „wir necken — und es stimmt ja auch, was mich betrifft. Aber die wirklich armen Gefangenen! Vielleicht, daß König Lear glücklich nach Bielefeld gelangt ist. Aber die anderen, die Tausende und Abertausende hinter Schloß und Riegel, mag man sie arbeitsscheu nennen oder Verbrecher. Verbrecher? ja was heißt denn das? was ist denn das für’n Tier? Ein Verbrecher ist entweder wie wir alle, bloß daß er Pech hat — oder er ist ein Abenteurer: für das Außergewöhnliche veranlagt — oder endlich er gehört zu den Verkümmerten. Was diese betrifft, so ist es unsinnig, sie im Gefängnis vollends verkümmern und versauern zu lassen. Wird etwa ein Gewächs, das auf schattigem, magerem Boden dahinsiecht, im finstern Keller was Besseres? Doch freilich, wer die Sünde für Teufelsbrut hält —! Sie ist eine irre Kraft und kann, richtig gelenkt, Tüchtiges schaffen. Immer aus dem Lebendigen heraus soll man den Menschen bilden, Gefühle nicht unterdrücken, sondern erlösen, alle Kräfte zur Fruchtbarkeit lenken, nicht ängstlich hemmen — gestaute Fluten brechen den Damm. Wann endlich wird die Menschheit einen Aberglauben verabschieden, der ein Seitenstück ist zum Glauben an Sankt Satans Bratspieß? Ich meine den Glauben ans Gefängnis!“ — „Kurz, der pensionierte Verbrecher ist nicht bloß lustig, sondern auch lehrreich“, scherzte der Kreispfiffikus; „liquidieren Se man, nach Kaspers Muster, Verpflegungskosten für die Zeit Ihres Urlaubs!“