Die Kinder mußten jetzt nach Haus. Frau Gröbers, deren Mann verreist war, meinte, sie finde sich mit ihrem Fritzchen allein nach Haus, nahm aber meine Begleitung an. Bölsche, der frische Luft schnappen wollte, ging auch mit. Den Knaben, dessen Flachshaar unter der Pelzkappe hervorwallte, hielt ich an seinem kleinen Fausthandschuh; so gingen wir durch die Winternacht und plauderten über die Kartoffelkomödie. „Nächstens zeig ich dir, wie man Kartoffeltheater macht!“ — „Au ja! Mutti hat viele Tartoffeln.“ — „Glaubs schon! Aber nu sieh mal, Fritzchen, oben die Sterne!“ Einen versonnenen Blick warf er nach oben: „Die Sterne sind wie Tartoffeln — machen sie denn auch Tartoffeltheater? Was spielen sie denn?“ — „Schwer zu sagen — da kann man nur raten!“ — „Rate doch mal, Ontel!“ Hier ließ das Kind merken, daß es von seinem philosophischen Vater was wegbekommen hatte. Das Geplauder war zu Ende, da wir in der Seestraße Halt machten. „Nun bedanke Dich bei den Onkels!“ sagte Fritzchens Mutter.
Als wir uns verabschiedet hatten, schlug ich Bölsche vor, noch die paar Schritte bis zum waldigen Müggelufer zu tun; dann standen wir auf abfallender Sanddüne am zugefrorenen See. Da lag der märkische Nöck in der Haft des Eises. Im blanken Kristall spiegelten sich die wimmelnden Sterne. Hin und wieder ging ein Stöhnen ruckartig über die weite Fläche, ähnlich dem dumpfen Brüllen eines Stiers — es wallte die gebändigte Flut, die Kruste bog sich und brach in langen Rissen.
Wir schwiegen, erschauernd vor dem geheimnisvollen Leben im Busen der Erde und droben im Sternenmeer. Und ich raunte: „Was die Sterne spielen, wollte Fritzchen wissen — ob sie ein Kartoffeltheater sind.“ — „Kindermund, Kindermund!“ scherzte Bölsche — „mit den Sternen spielt der Liebe Gott Kartoffeltheater — dann wirft er sie in die Rumpelkiste, und die Komödie ist ex!“ — Mir ging das Herz auf: „Wir sprachen neulich vom Traum des Gefangenen. Sich ins Geheimnis zu betten, ihm zu trauen, das ist sein heiligster Traum. Und dessen großartigstes Bild der Sternenhimmel. Manchmal durchschauert mich die Bedeutung der Sterne — ich fühle mich versinken in seligen Tod, abgestorben aller Enge, aller Unrast, geborgen im Schoße des Friedens. Die Sterne sind ein wundervolles Orgelspiel. Keine Kartoffelkomödie. Sie sind Zeugen einer unbegrenzten Möglichkeit. Wie Kolumbus möcht ich fahren zur Neuen Welt. Die alte paßt mir nicht mehr recht. Ist mir zu eng, ein richtiges Gefängnis — eine Schildbürgerei und Kartoffelkomödie, aus der ich mal beurlaubt werden möchte — auf unbegrenzte Zeit.“ — „Ach ja!“ seufzte Bölsche — „wer in unserer Lebensenge nicht verkommen ist, spürt dies Heimweh nach dem Sternenfrieden. Doch spürt man auch immer wieder, daß man ein Kind der Erde bleibt, gefesselt mit Ketten — oder mit Rosenketten. Wir Schwärmer alle sind Häftlinge auf Urlaub, sind wie der Kartoffelkasper pensionierte Verbrecher. Auf denn, mit guter Laune! Kann’s was Schönres geben als Gefängnisleben? Wenigstens Schilda hat seine fidelen Molligkeiten ... Hier draußen im Weltall wird’s unwirtlich. Unsere Kerkergenossen haben was von Glühwein gemunkelt — dicht gedränget Mann und Weib, wärmen sie mit Punsch den Leib.“ — „Ach ja!“ seufzte ich — „der Frost beginnt mir die Ohren wegzuschneiden.“ — „Ha, mit einmal sehnst du dich nach deiner warmen Kerkerklause ... O Fauste, wo blieb deine Sternenmystik? Kehre zurück zu Bollen, es ist alles vergeben! Die Wunden der Knechtschaft schmerzen nicht wie diese Hundekälte. Waren nur leichte Dornenrisse — von den Rosenketten des Preußischen Adlers. Schon vernarben sie — schon liegen die paar Gefängnismonde verklärt in deiner Seele ... Es schwellen die Herzen, es blinket der Stern — gehabte Schmerzen, die hat man gern.“
Eugen Diederichs Verlag in Jena
Bruno Wille, Die Abendburg/Chronika eines Goldsuchers. 17. Taus. br. M 5.—, in Leinwand geb. M 6.50
Dies Werk krönten die Preisrichter (Paul Heyse, Rud. v. Gottschall, Gust. Falke, Rud. Greinz, Hans Land) mit dem Dreißigtausend-Mark-Preis, den Phil. Reclams Verlag für den besten deutschen Roman ausgeschrieben hatte.
Wilhelm Bölsche: Wer mit einem Herzen voll Sehnsucht, Liebe und Müdigkeit aus den Sturm der Welt in der Ebene unten heraufkommt auf die Vorhöhe des Riesengebirges und nun Tag um Tag diese ruhende Weite mit ihren unnahbaren Rauchsäulen erlebt, den muß dieser Anblick zuletzt mit einer schmerzlichen Süßigkeit erfüllen wie ein Symbol der ewigen Ferne selbst, des lieblich Unerreichten, von dem uns ewig tiefe, dunkle, wasserdurchrauschte Klüfte trennen in dieser Welt der Resignationen — und von dem doch ein milder Frieden uns anweht — der Frieden des Nichtbesitzes, aber der reinen, beseligenden, wunschlosen Schau. Diese Stimmung der läuternden Ferne ist es, mit der die Dichtung von der Abendburg ausklingt. Um ihre Wirkung, auf der zuletzt die höchste dichterische Bedeutung des Werkes beruht, in ganzer Kraft herauszubringen, bedurfte sie eines dunkelsten Kontrastes. Eine Nacht mit roten Flammen mußte da unten durch den Talgrund geschritten sein, um verständlich zu machen, daß zwei leidenschaftlich brennende Seelen zuletzt nichts mehr suchten als den Frieden solcher im Duft vergehenden Sonnenferne. Vor des Dichters Auge zogen die Motive des Dreißigjährigen Krieges vorüber. Jagd nach vergänglichem Glück, nach Gold, verirrter Glaube, der im vermeintlichen Kampf um das Höchste unschuldige Menschen unter dem Zusammenbruch brennender Kirchen begrub. Oben in den Einsamkeiten des Riesengebirges war aber ein uraltes Goldland so gut wie ein Zauber- und Geheimglaubensland. Hier fanden sich noch die rätselhaften Walenzeichen, auf Geheimsprachen fremder, italienischer Goldsucher gedeutet. Eine Felsengruppe bezeichnet der Volksmund als die „Abendburg“. Natürlich ist sie ihm ein verzaubertes Schloß. Unermeßliche Schätze eines Sagenkönigs ruhen in ihrem Grunde. Ein Schatz, in die Hand eines Goldsuchers gegeben, eine Trutzburg, aufgebaut hier oben im freien Gebirge, — das waren Motive, die dem Dichter aufsteigen mußten, wenn er einsam im hohen Heidelbeerkraut unter diesen Zyklopenmauern saß. Das Gold war es nicht, was erlöste, auch wenn es wie ein Wunder aus der Erde quoll. Der Glaube war es nicht, einerlei ob Kirchenglaube oder uralter, neu erweckter Naturglaube, wenn er zu Fanatismus wurde und die Liebe immer wieder kreuzigte. Und dann der höchste Einschlag: wie zwei Menschenseelen, die sich aus all diesen Grauen und Enttäuschungen endlich, endlich herausgerungen, sich selber befreit haben von allem Rauch und aller verheerenden Glut des finsteren Tales — wie diese Menschen doch die Schuld der Welt selber noch darin ganz zuletzt wie eine Erbsünde abbüßen müssen, daß auch ihnen beiden nicht das Glück wenigstens der letzten irdischen Vereinigung nach unendlicher Pilgerfahrt wird.
Eugen Diederichs Verlag in Jena