»Was sollte ich tun, als das eine — das zu tun ich der Toten feierlich gelobt habe — die Wahrheit verkünden?«

»Nein — nein — nur das nicht!« Ihre Stimme klang fast schrill; sie sprang auf und faßte seinen Arm. »Das werden Sie nicht tun! Bedenken Sie nur, was das heißen würde — die Schande — die Schmach — Verzweiflung! Und sie sind unschuldig — Tante Agathe und ihre Kinder — sie haben Ihnen nichts zuleide getan. Es würde Tante töten, würde Cis das Herz brechen — meiner armen kleinen Cis. Roys Leben wäre zugrunde gerichtet. O, seien Sie barmherzig! Überlegen Sie! Schonen Sie ihrer, ich beschwöre Sie!«

Ihre Hände umklammerten noch immer seinen Arm. Er machte sich kalt von ihr los, und kein weicherer Zug trat in sein Antlitz.

»Ich habe das Gesetz nicht gemacht, Gräfin, daß die Unschuldigen für die Schuldigen leiden müssen. Es ist unerbittlich, weder Sie noch ich können es ändern. Auch ich bedaure die unglückliche Frau und ihre Kinder. Aber könnten Sie deshalb wollen, daß ich die Schande und das Leid, das ich vor Augen gehabt, vergesse — das zugrunde gerichtete Leben, das ich habe erlöschen sehen, das Sterbebett, an dem ich gestanden, und das Gelübde, das ich dort getan, das Unrecht wieder gutzumachen, wenn es auch mein ganzes Leben in Anspruch nehmen sollte? Könnten Sie wirklich wollen, daß ich dies alles vergesse, daß ich das mir zugefügte Unrecht beiseite schiebe, um ein barmherziges Schweigen zu beobachten? Das können Sie nicht! Es ist zu viel verlangt. Ich muß die Wahrheit sagen.«

»O, Sie müssen es nicht — Sie sollen es nicht!« Sie rang die Hände. »O, bedenken Sie sich — warten Sie! Sie sind so gut gegen mich gewesen — es muß doch möglich sein, Sie barmherzig gegen die Armen zu stimmen. Auf irgendeine Weise müssen Sie doch zu erweichen sein, wenn es mir nur einfallen sollte, wie.«

Sie blickte ihn flehend an.

»Ach, um welchen Preis würden Sie meine Bitte erfüllen? Ich bin reich. Kann nichts, was ich Ihnen zu bieten vermag, Ihr Schweigen erkaufen? Sagen Sie mir, daß Sie jeden Pfennig meines Vermögens nehmen wollen, und sobald es mein ist, gelobe ich, daß es Ihnen gehören soll. Denken Sie, um was ich flehe — um das Glück und die Ehre dreier unschuldiger Menschen, die ich liebe. O, haben Sie doch Mitleid mit ihnen! Ich will Ihnen alles geben, was ich besitze, und Ihnen danken, daß Sie es nehmen, wenn Sie nur nicht reden wollen!«

Sie hielt inne, vor Eifer und Erregung bebend. Leath machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand.

»Sie vergessen, Gräfin, daß es nicht nur Geld ist, auf das Sie mich zu verzichten bitten! Ihr Vermögen? Stünde es in Ihrer Macht, es in diesem Augenblick in meine Hände zu legen, so würde es keinen Unterschied machen. Ich wiederhole es — Sie fordern zu viel. Es gibt keinen Preis, um mein Schweigen zu erkaufen.«