Sie blickte ihn an, gewahrte die fest aufeinandergepreßten Lippen und die wie geschliffener Stahl blitzenden Augen und las in ihnen, wie hoffnungslos alles weitere Bitten sein würde. Er würde kein Erbarmen haben — er würde die Wahrheit verkünden! Und weshalb sollte er schonen, er, der nicht geschont worden war — schonen, wo Recht und Gerechtigkeit auf seiner Seite standen? Sie machte eine hilflose Gebärde der Verzweiflung.
»Sie haben recht,« brachte sie mühsam hervor, »es ist zu viel verlangt. Ich sehe es ein — ich gebe es zu. Weshalb sollten Sie das für Menschen tun, aus denen Sie sich nichts machen? Es ist grausam, es ist schrecklich! Aber Sie müssen es tun, da Sie es nicht anders wollen. Es ist Ihr gutes Recht. Aber ach, — ich würde fast mein Leben dafür geben, könnte ich Sie davon zurückhalten!«
Ihre Erregung überwältigte sie. Sie sank auf einen Stuhl und brach in ein leidenschaftliches Weinen aus. Zum ersten Male ging eine Veränderung mit Leaths unbewegtem Antlitz vor sich, als er sie in ihrem fassungslosen Schmerze schluchzen hörte. Es war ihm unmöglich, länger zu vergessen, wer sie war — das Weib, das er leidenschaftlich liebte und bis zu diesem Augenblicke niemals gehofft hatte zu erringen. Aber jetzt? Er warf das Paket auf den Tisch und trat zu ihr.
»Gräfin,« sprach er mit fester Stimme. »Ich habe eben etwas Unrechtes gesagt. Sie fordern viel von mir, aber nicht zu viel. Es gibt einen Preis!«
19.
»Es gibt einen Preis,« wiederholte Everard Leath, »Sie können mein Schweigen erkaufen, wenn Sie wollen.«
So ruhig die Worte auch gesprochen wurden, so vernahm die Schluchzende sie doch, ließ vor Verwunderung die Hände herabsinken und wandte ihm ihr von Tränen überströmtes Gesicht zu. Hatte er das wirklich gesagt? Meinte er das so? Das Herz schien ihr fast stillzustehen und klopfte dann wieder ungestüm, als sie ihn ansah. Mit seinem Aussehen war eine Veränderung vorgegangen; sein Antlitz war gerötet, seine Augen blickten glänzend und lebhaft. Sie rang nach Atem, während sie ihn mit weitgeöffneten Augen anstarrte, und umklammerte die Armlehne ihres Stuhles. Hatte er wirklich gesagt, daß er schweigen, daß er barmherzig sein wollte? Er hub wieder an: