»Ja — gestern. Anstatt im Bungalow auf mich zu warten, wie wir verabredet, hat sie sich von Herrn Leath, der dort war, nach Hause bringen lassen. Da hat er sich wohl gegen sie ausgesprochen. Auf jeden Fall erzählte sie mir, daß sie sich mit ihm verlobt und daß Vater seine Zustimmung gegeben hatte.«

»Fragtest du sie nicht, ob sie den Verstand verloren hätte?« fragte die Mutter mit einem neuen Tränenstrom.

»Natürlich tat ich das! Sie war so wunderlich — so ganz anders als sonst, und sie lachte, als ich zu weinen anfing. Ich wollte es dir erzählen, aber sie sagte ›Nein‹, sie wollte Papa bitten, es dir zu sagen. Du weißt, daß sie gestern nicht zu Tische herunterkam, und als ich heute morgen nach dem ersten Frühstück sie in ihrem Ankleidezimmer aufsuchte, sahen ihre Augen so trübe aus, als habe sie die ganze Nacht nicht geschlafen. Alles wegen des unseligen Menschen!« rief Cis, in zornige Tränen ausbrechend, »und ich mochte ihn früher ganz gern leiden, den Abscheulichen! Und nun ist das Elend da! Ach, ich wollte, ich wäre tot!«

»Doch wohl nicht im Ernst, Cis — hoffentlich nicht! Unsinn, du kleines Ding! Was Harry wohl sagen würde, wenn er dich hören könnte!«

Es war Florence, die so sprach. Vor etwa einer Minute war sie draußen in die Veranda getreten und horchend stehengeblieben, als durch das offene Fenster Stimmen an ihr Ohr schlugen. Lady Agathes Schluchzen allein hätte ihr verraten, wovon die Rede war, aber sie hatte mehr gehört. Sie trat ins Zimmer und sprach mit fester Stimme zu ihr:

»Ja, es ist wahr, Tante Agathe, Herr Leath hat gestern um mich angehalten, und ich habe mich mit ihm verlobt. Und es ist ebenfalls wahr, daß Onkel Jasper in unsere Verlobung gewilligt hat. Du mußt meine Verlobung, bitte, als eine abgemachte Sache ansehen.«

Sie war noch immer sehr blaß, ihre großen Augen waren glanzlos, aber ihr bleiches Antlitz belebte sich, als sie sanft den Arm um Cis legte und ihr goldblondes Haar küßte. Arme, kleine Cis! Armes, weichherziges kleines Mädchen, das so bitterlich schluchzte! Würde ihr nicht das Herz wirklich gebrochen sein, würde sie nicht ihren fröhlichen jungen Bräutigam verloren haben, wäre nicht diese Verlobung mit Everard Leath gewesen, über die sie so herzbrechend weinte? Was für ganz andere Tränen hätten Mutter und Tochter jetzt vergießen können, hätte sie nicht aus Liebe und Mitleid zu ihnen jenes übereilte Opfer ihrer selbst gebracht! Aber bereute sie es denn? Nein — sie bereute es nicht; sie wollte es nicht bereuen, obgleich sie schauderte bei dem Gedanken an die bevorstehende Zusammenkunft mit dem Manne, der jetzt das Recht hatte, sich ihren Verlobten zu nennen. Und es würde nur ein kümmerliches Opfer sein, wenn sie sahen, daß sie litt. Sie zwang sich zu einem Lächeln, während sie zu ihrer Tante trat und sanft das Taschentuch fortzog, das die arme Frau noch immer an die Augen drückte.

»Aber ich kann es nicht glauben!« rief Lady Agathe, »wir kennen diesen Leath gar nicht! Ich muß offen reden, Florence — was kann dir nur in den Sinn gekommen sein? Weshalb hast du es getan? Glaubst du, daß Herr Leath dich wirklich liebhat, Florence?«

»Mich liebhat?«