»Ich glaube, — weiß es aber nicht gewiß. Sie hat Mutter gesagt, sie würde abreisen, sobald sie Vater noch einmal gesprochen habe. Wie seltsam, daß er gestern abend nicht zu Tisch herunterkam! Roy behauptet, er habe sich vor einem zweiten Wortgefecht mit ihr gefürchtet!« sagte Cis lachend.
»Kaum, sollte ich denken.« Florence lächelte kalt.
»O, natürlich war es nur ein Spaß! Trotzdem bleibt sein Erscheinen sonderbar. Er ist wahrscheinlich sehr müde von Market Beverley zurückgekommen. Ich finde, er hat in der letzten Zeit sehr elend ausgesehen und ist so verdrießlich wie möglich gewesen. Nun, wenn du wirklich nicht mit willst, so muß ich fort, sonst verfehle ich Harry.«
Sie trippelte davon, die Flügeltüren fielen hinter ihr zu. Das Lächeln wich aus Florences Antlitz, als ihre Cousine verschwand; sie sank auf die breite Fensterbank und fuhr müde mit der Hand über Stirn und Augen.
»Ich wollte, ich könnte schlafen, wie ich sonst geschlafen habe,« sagte sie halblaut, »diese schlaflosen Nächte fangen an, mich zu ängstigen. Gesetzt, ich würde krank, — gesetzt, ich bekäme Fieber? Ich könnte phantasieren — könnte alles erzählen, verraten? Wer weiß? Ich habe sagen hören, Fieberkranke redeten immer von dem, was sie am meisten beschäftigt. Ich muß einen Doktor zu Rate ziehen, muß mir irgendein Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Wenn ich endlich schlafe, so ist es fast schlimmer, als wach zu liegen — ich habe so gräßliche Träume! Gestern nacht war es schlimmer denn je.« Sie schauderte. »Ich möchte wissen, ob es das Vernünftigste wäre, wenn ich täte, was er zweimal in mich gedrungen, zu tun — und ihm sagte, ich wollte ihn bald heiraten und mit ihm fortgehen? Mitunter glaube ich es fast. Es würde wenigstens überstanden — unwiderruflich sein, und da es geschehen muß, was frommt es, es aufzuschieben? Ich muß es tun — ich habe mein Wort gegeben! Und weshalb sollte er sein Wort halten, wenn ich zögere, meines einzulösen? Was ist das? So früh? Weshalb kommt er heute so früh?«
Sie kannte den Schritt, der durch die äußere Halle kam; niemals hatte sie Everard Leaths festen Schritt vernommen, ohne daß ihr Pulsschlag sich, halb aus Zorn, halb aus Angst, beschleunigt hatte, aber sie war immer bestrebt gewesen, ihre Erregung unter der nachlässigen Kälte zu verbergen, die sie ihm gegenüber gewöhnlich zur Schau trug, denn sie wollte nicht, daß er sehen sollte, daß er sie überhaupt nach irgendeiner Richtung hin erregen konnte.
Sie erhob sich jetzt und wandte sich mit ganz gefaßtem, gleichgültigem Gesicht der Flügeltür zu. Kam noch jemand mit ihm? Fast klang es so. Die Tür ging auf, und Leath trat ein mit Herrn Sherriff.
Dem Mädchen entfuhr ein Schrei schreckensvoller Bestürzung. Leaths zerrissener und beschmutzter Anzug war durch einen sauberen ersetzt worden, die Blutspuren waren von Kopf und Antlitz fortgewaschen, aber das Haar war an der einen Seite weggeschnitten worden und ließ eine weiße Binde sehen. Das sowohl wie seine finster blickenden Augen und sein totenbleiches Gesicht hatten Florence den Schrei entlockt. Sie beachtete Sherriff kaum, noch wunderte sie sich über sein Erscheinen. Sie eilte auf Leath zu.
»Was ist geschehen? Sie sind verletzt worden? Sie haben sich weh getan!«