»In Australien?«
»Ja. Ich habe mich entschlossen, dorthin zurückzukehren. Da wartet meiner wenigstens Arbeit. Die ›Etruria‹ geht in vier Tagen ab. Mit der fahre ich.« Er hielt inne und blickte in das erregte Gesicht des alten Mannes, der eine bebende Hand auf seinen Arm legte. »Soll ich zwei Fahrkarten nehmen, Herr Sherriff?«
»Zwei?« wiederholte der andere.
»Ja — wollen Sie mit mir kommen? Ich habe Sie danach fragen wollen, seitdem ich zu dem Entschlusse gekommen bin, daß ich sie freigeben müsse. Wenn mich hier nichts zurückhält, so haben auch Sie keine Angehörigen hier.« Er legte dem Alten die Hand auf die Schulter — zum ersten Male versagte ihm fast die Stimme — und fuhr fort: »Ich hoffe, Sie kommen mit — von ganzem Herzen hoffe ich es. Mehr als einmal haben Sie geäußert, daß Sie mich so liebhätten, als sei ich Ihr Sohn; aus tiefster Seele wünsche ich, ich wäre es. Ich habe, wie Sie wissen, nie einen Vater gekannt, aber etwas von dem, was man für einen Vater empfinden sollte, empfinde ich für Sie, das weiß ich. Das Scheiden ist schwer in Ihrem Alter — mir in meiner Einsamkeit wird unsere Trennung sehr schwer fallen. Wollen Sie mitkommen?«
»Ich will mitgehen,« antwortete Sherriff. »Ich bin freilich recht alt dafür, um ein neues Leben in einem neuen Lande anzufangen, Everard — aber ich kann mich von Marys Sohn nicht trennen!«
Ein langer und fester Händedruck besiegelte den Vertrag, und das Gespräch der beiden drehte sich für den Rest des Abends nur um die nahe bevorstehende Reise und die nötigen Vorbereitungen. Beide waren ruhig und heiter, und der Name der Gräfin Florence wurde nicht ein einziges Mal erwähnt. Nur als sie sich ›Gute Nacht‹ wünschten und Sherriff die Hand seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er:
»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn es gesprochen, brauchen wir, nur wenn du es wünschen solltest, das Thema nie wieder zu berühren. Es mag vielleicht unrecht gewesen sein — ja, ich leugne es nicht, es war unrecht — Gräfin Florence zu zwingen, sich mit dir zu verloben; aber ich begreife wohl, wie groß die Versuchung war, da ich weiß, wie innig du sie liebst, und ich muß dir sagen, daß du das mehr als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als du ihr ihr Wort zurückgegeben und doch alles geopfert hast, was dir von Rechts wegen gehört hätte. Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin stolz auf dich.«
»Ich tat das einzige, was ich überhaupt konnte,« gab Leath düster zur Antwort. »Vielleicht barg sich ebensoviel Selbstsucht wie Selbstaufopferung dahinter. Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz brechen und nicht Schmach und Schande über ihre beiden Kinder bringen. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es je fertig gebracht hätte, das zu tun. Der Gedanke wollte mir nie recht in den Sinn, das weiß Gott! Und das Mädchen, das ich liebe, zum Weibe zu haben, während sie mich gehaßt, würde mich, glaube ich, zum Wahnsinn getrieben haben.«
»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach der alte Mann, »gehen wir miteinander nach Australien, Everard, und von allem, was du zu erlangen hofftest, nimmst du nichts mit zurück — gar nichts!«
»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal ein Wort des Dankes von ihr dafür, daß ich sie freigegeben!«