»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin. »Um so besser für mich! Wenn ich es nie gesehen, würde es noch besser sein — und hätte ich sie nie mit Augen geschaut, am besten!«
Es kam jemand hinter dem großen Stapel Kisten und Koffer hervor. Die Person war ihm so nahe, daß er sie hätte berühren können, wenn er die Hand ausgestreckt hätte; aber ihre behutsamen Bewegungen waren lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine Augen blickten unverwandt in die Ferne, als er am Schiffsbord lehnte — für ihn waren der bleifarbene Himmel und das graue Meer von Bildern belebt, von Bildern eines einzigen Gesichtes. Heiter und sinnend, lächelnd und wehmütig, liebevoll und leidenschaftlich erregt, reizend in jedem wechselnden Ausdruck schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz vor ihm. Nur ein Ausdruck ließ es kalt und starr erscheinen, und den trug es am häufigsten. Welcher Haß, welch angstvolle Scheu, welch zornige Empörung lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte, nie würde das Antlitz aus seinem Gedächtnisse entschwinden, mit dem sie an jenem Abend vor ihm zurückgewichen, als sie ihm ihr ›Niemals — niemals!‹ zugerufen hatte.
»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillkürlich wieder vor sich hinsprechend, »es sprach Haß aus ihren Zügen. Und doch, jetzt, wo alles vorüber ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen: Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich sie gezwungen, ihr Wort zu halten, würde ich trotz allem ihre Liebe gewonnen haben? Es hätte wenigstens sein können. Ja — und vielleicht hätte sie mich ewig gehaßt. Besser so!«
Die Gestalt schlich näher, aber sie glitt so leise und still wie ein Schatten dahin. Everard richtete sich mit einer ungeduldigen Bewegung empor.
»Ich bin ein weichmütiger Narr, daß es mir so nahe geht,« murmelte er, »aber sie hätte mir doch Lebewohl sagen können! Sie hätte mir wenigstens ein Wort des Dankes gönnen müssen dafür, daß ich sie freigegeben.«
»Everard!«
Der Name wurde von Lippen geflüstert, die dicht an seiner Schulter waren; eine Hand berührte ihn. Mit einem Schrei, den er nicht unterdrücken konnte, drehte er sich hastig, von Staunen überwältigt, ungläubig um. Florence war neben ihm, Florence, mit einem Gesicht, in dem Weinen und Lachen miteinander kämpften! Dann, im nächsten Augenblicke, war Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn — Liebe lag in ihrer Berührung, Liebe in ihren Augen, Liebe in den bebend hervorgestoßenen Worten der Abwehr und des Flehens, Liebe in dem Kusse, mit dem ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll Leidenschaft an die Brust drückte. Aber er war bestürzt, wie betäubt von einer Freude, an die er nicht zu glauben wagte.
»Du mußt umkehren, Kind,« sagte er. »Du mußt wieder umkehren,« und während er das sagte, zog er sie nur fester an sich und küßte sie noch heißer.
Nach einer Weile richtete sie sich in seinen Armen auf und blickte ihn mit feuchtschimmernden Augen an, die Hände um seinen Hals gelegt.
»Ich muß umkehren?« meinte sie mit fröhlichem Lachen, »und das Land ist außer Sicht? Nein — nein! Ich bin zu klug — ich wollte mich nicht blicken lassen, ehe es zum Umkehren zu spät war. In Plymouth bin ich an Bord gekommen, und ich sah dich, sowie ich das Schiff betrat, aber ich verstellte mich. Umkehren?« Sie lachte. »Und wenn ich es täte, was dann? Sie machten Aufhebens genug davon, als du mich in jener Gewitternacht unter deine Obhut genommen. Was würden sie wohl von mir sagen, wenn ich mit dir davonliefe und du mich nicht heiraten wolltest?«