Sie ritt langsam an der alten, grauen Kirche und dem wohnlichen Pfarrhause mit seinen Erkerfenstern vorbei, wandte sich dann rechts und hielt vor einer niedrigen weißen Pforte, die sich inmitten einer hohen Hecke befand, an. Sie beugte sich im Sattel vornüber, sie aufzuklinken, und ritt in den dahinterliegenden Garten. Dort sprang sie mit solcher Leichtigkeit und Behendigkeit vom Pferde, wie Roy es nur hätte tun können, nahm Orange Lilys Zügel und ging den breiten Kiesweg hinauf, der nach dem Hause führte.
Es war ein niedriges, kleines Gebäude, das anscheinend nur aus wenigen Zimmern bestand und nur ein Stockwerk hatte. Aus roten Backsteinen aufgeführt, von Schlinggewächsen bis an die niedrigen Schornsteine, die vielen Türen und Fenster überwuchert, mit blühenden Blumen auf den Simsen, mit Balkon und Veranda bot es einen überaus malerischen Anblick dar. Gräfin Florence hatte oft erklärt, daß sie viel lieber im Bungalow — so hieß es — wohnen möchte, als in Turret Court.
Sie setzte eine kleine silberne Pfeife, die an ihrer Uhrkette hing, an die Lippen und ließ einen hellen Pfiff ertönen. In demselben Augenblick erschien schlürfenden Ganges ein großer junger Mann, der beim Anblick des jungen Mädchens einen riesigen Zeigefinger an sein strohgelbes Haar legte, denn eine Mütze hatte er nicht auf.
»Guten Morgen, Joe,« sagte Florence in ihrer liebenswürdigen Weise und dankte ihm mit ihrem reizenden Lächeln für seinen Gruß. Dann erkundigte sie sich, ob Herr Sherriff zu Hause sei, und wies ihn an, Orange Lily zu versorgen, ihr aber nicht zu viel Wasser zu geben, da sie bald wieder heimreiten wolle. Darauf schritt sie über den samtweichen Rasen, stieg die Verandatreppe hinan und blickte durch ein niedriges offenes Fenster.
»Herr Sherriff, wissen Sie nicht, daß Sie an diesem wundervollen Tage draußen im Sonnenschein sein sollten?«
»Gräfin Florence! Mein liebes Kind, welch eine Freude, Sie zu sehen!«
Der Herr, der diese Worte sprach, erhob sich schnell von einem mit Büchern bestreuten Tische, an dem er saß, kam ans Fenster und nahm die Hand, die ihm das junge Mädchen bot. Er war groß und hager, mit breiten Schultern, und ging ein wenig gebückt. Er hatte ein stilles, träumerisches, zerstreutes Wesen. Die meisten würden ihn für einen ganz alten Mann gehalten haben, denn seine Stirn war gefurcht und sein Haar wie sein langer Vollbart schneeweiß; nur die schöngeschwungenen Brauen seiner dunklen Augen waren noch schwarz. Trotzdem zählte Matthias Sherriff noch nicht sechzig, obwohl er gewöhnlich für volle zehn Jahre älter gehalten wurde.
»Welch eine Freude, Sie zu sehen, liebes Kind! Wie hat mich der Klang Ihrer Stimme erschreckt!« sagte er und beugte sich mit ritterlicher Artigkeit und Höflichkeit über den kleinen hellbraunen Stulphandschuh. Sir Jasper Mortlake, der sich so viel auf seine weltmännischen Formen zugute tat, war kein so vollendeter Kavalier wie der Hausherr des Bungalow, der auf nichts stolz war als auf seine geliebten Bücher.
»Habe ich Sie erschreckt? Das tut mir leid! Es war sehr unüberlegt von mir, Sie so plötzlich anzureden. Soll ich hereinkommen, oder wollen Sie meinen Rat befolgen und mit mir in den Garten gehen?« fragte Florence lächelnd.