Nachdem wir in Vorhergehendem die Hensensche Methode der quantitativen Untersuchung des Plankton kennen gelernt haben, erübrigt es noch, auf die qualitative Zusammensetzung des Süsswasserplankton[CIII] einzugehen. Jedoch muss ich noch ein paar Worte vorausschicken. Die Planktonmethode ist bis jetzt fast nur auf das Meer angewendet worden, nur einmal ist bei einer Fahrt in der östlichen Ostsee von Hensen auch ein Fang im Stettiner Haff[105], also im Süsswasser, gemacht worden. Die Fänge wurden, wie wir oben gesehen haben, sofort konserviert, daher kommt es, dass manche Organismen bei nachfolgender Zählung ganz unkenntlich sind, da sie sich beim Töten zusammengezogen haben; dieses ist namentlich der Fall bei Rädertieren[CIV]. Es ist daher nötig, dass an Ort und Stelle auch lebendes Material untersucht wird, denn, wenn dieses bestimmt ist, sind die Organismen leicht in konserviertem Zustande wiederzuerkennen. Dieses ist nun bei einer grösseren Fahrt sehr schwer ausführbar, da sich auf dem Schiff, namentlich bei bewegter See, schwer oder gar nicht mikroskopieren lässt. Anders verhält sich die Sache, wenn das Institut, in dem die Arbeiten ausgeführt werden sollen, direkt am Wasser liegt, da kann quantitative und qualitative Bestimmung Hand in Hand gehen, so ist das hier in Kiel, und auch in der unlängst von Zacharias errichteten Süsswasserstation zu Plön der Fall. Es müssen daher in den Protokollen vorläufige Namen für die unbestimmten[CV] Organismen gesetzt werden und späterer Zeit überlassen bleiben, das Versäumte bei Gelegenheit an Ort und Stelle nachzuholen. Folgendes ist ferner auch noch von Bedeutung. Es genügt nicht, einen Fang zu beliebiger Zeit zu machen, sondern es müssen die Planktonfahrten in bestimmten Zeitabschnitten (alle zwei oder vier Wochen)[CVI] unternommen werden, dann erhält man erst einen Einblick in die wahre Zusammensetzung des Plankton, das in fortwährendem Werden und Vergehen begriffen ist. Dieses wäre eine sehr dankbare Arbeit für eine Süsswasserstation.

[CIII] Von Häckel[100] S. 21 Limnoplankton genannt.

[CIV] Ausgenommen von diesen sind nur die gepanzerten (Loricata), die trotzdem leicht zu erkennen sind.

[CV] Leider war der Fang aus dem Stettiner Haff, da er als ausgebraucht betrachtet wurde, weggeschüttet, so dass auch nachträglich keine nähere Untersuchung vorgenommen werden konnte. Es empfiehlt sich daher, das Material stets aufzubewahren.

[CVI] So werden die Untersuchungen in der Kieler Bucht von Prof. Brandt[97] seit September 1888 ausgeführt und noch fortgesetzt.

Nach dem Gesagten ist es klar, dass die folgenden Darlegungen wenig positives bringen können, es kann nur gezeigt werden, in welcher Art ein Fang oder eine fortlaufende Reihe solcher verwertet werden können. Ich beabsichtige also nur ein Beispiel zu der oben erläuterten Methodik zu geben.

Beginnen wir mit den Algen, der Urnahrung, so fallen uns die Vertreter zweier Ordnungen durch ihr massenhaftes Auftreten auf, es sind die Diatomeen und Schizophyceen. Weniger zahlreich sind Protococcoideen, von denen Pediastrum, Gleocystis und Scenedesmus quadricaudatus gefunden wurden, und Konjugaten, die durch Spirogyrafäden vertreten sind.

Was die Diatomeen anbelangt, so müsste man glauben, dass sie wegen ihrer grossen Zahl, trotz des geringen Anteils an organischer Substanz, eine wichtige Nahrung für die pelagischen Tiere bilden. Jedoch werden sie, wie Hensen[CVII] beobachtet hat, von allen Tieren verschmäht. Dagegen erwähnt Seligo[107] in seinen Hydrobiologischen Untersuchungen, dass die Diatomeen die Hauptnahrung mehrerer Tierarten[CVIII] bilden. Leider sagt er nicht, für welche. Ihre Bedeutung ist also in anderer Richtung zu suchen. Alle Diatomeen haben eine Vegetationsperiode, d. h. sie vermehren sich zu einer bestimmten Zeit ganz enorm, um dann wieder allmählich oder fast plötzlich zu verschwinden. Letzterer Umstand ist durch das Bilden von Dauersporen, die bei vielen Meeresdiatomeen beobachtet sind, leicht erklärlich, da die Spore alsbald zu Boden sinkt. Ob bei Süsswasserdiatomeen die gleichen Verhältnisse vorkommen, kann ich nicht angeben. Die Sporen enthalten eine sehr konzentrierte organische Nahrung, die den Tieren der Tiefenregion wohl zu gute kommt.

[CVII] [Planktonwerk] S. 99.

[CVIII] Bei meinen Untersuchungen hiesiger Süsswasserseen habe ich den Darm von Hyalodaphnien und Bosminen dicht mit Melosirazellen angefüllt gefunden (1891).