Eine ganz vorzügliche Geeignetheit zur Ausführung passiver Wanderungen müssen wir übrigens auch bei vielen Spezies von Wasserschnecken und Muscheln voraussetzen, denn diese Mollusken sind selbst noch in manchen Gebirgsseen anzutreffen. Fand doch A. Brandt selbst in dem 1904 m hohen Goktschai (Armenien) Limnäen, Planorbis carinatus und Pisidien vor. Das Pisidium fossarinum konstatierte A. Wierzejsky in 21 Seen der Hohen Tatra, und einer Notiz Imhofs zufolge ist die nämliche Muschel sogar noch auf dem Splügen zu finden.

Nach einer wertvollen Beobachtung Darwins scheint hauptsächlich den ganz jungen Schnecken das Vermögen zu weiten Wanderungen beizuwohnen, wie sich aus folgender Stelle des Kapitels über geographische Verbreitung in der „Entstehung der Arten“ ergiebt. Darwin sagt dort: „Wenn eine Ente sich plötzlich aus einem mit Wasserlinsen bedeckten Teiche erhebt, so bleiben oft einige dieser kleinen Pflanzen auf ihrem Rücken hängen, und es ist mir vorgekommen, dass, wenn ich einige Wasserlinsen aus einem Aquarium ins andere versetzte, ich ganz absichtslos das letztere mit Süsswassermollusken des ersteren bevölkerte. Doch ist ein anderer Umstand vielleicht noch wirksamer. Ich hängte einen Entenfuss in einem Aquarium auf, wo viele Eier von Wasserschnecken auszukriechen im Begriffe waren, und fand, dass bald eine grosse Menge der äusserst kleinen Schnecken an dem Fusse umherkrochen und sich so fest an demselben anklebten, dass sie kaum abgeschabt werden konnten, obwohl sie in einem etwas vorgerückten Alter freiwillig davon abgefallen wären. Diese frisch ausgeschlüpften Mollusken lebten an dem Entenfusse in feuchter Luft 12–20 Stunden lang, und während dieser Zeit kann eine Ente oder ein Reiher mindestens 600–700 englische Meilen weit fliegen, um sich dann in einem Sumpfe oder Bache niederzulassen“.

Im Anschluss an diese Mitteilung berichtet Darwin noch über den merkwürdigen Fall, wo ein Wasserkäfer (Dytiscus) mit einer ihm anhaftenden Napfschnecke (Ancylus) gefangen wurde. Über andere, nicht weniger interessante Vorkommnisse, welche speziell die passiven Wanderungen von Muscheln betreffen, berichtet Charles Darwin in einem Aufsatze der „Nature“ vom Jahre 1882.

Die kosmopolitische Verbreitung vieler Protozoen, hauptsächlich diejenige der Difflugien und Arcellen (die fast nirgends fehlen, wo etwas Feuchtigkeit vorhanden ist), geschieht vorwiegend durch den Wind, wenn er über die Böden ausgetrockneter Tümpel hinfegt. Doch wird es auch vorkommen, dass manche Spezies mit den Schlammklümpchen, die an den Schwimmfüssen wilder Enten u. s. w. hängen bleiben, einen Ortswechsel erfahren. Besondere Anpassungen scheinen bei diesen niederen Organismen sehr selten nachweisbar zu sein.

Doch ist mir gelegentlich eine Difflugia im Riesengebirge zu Gesicht gekommen, welche im Umkreise der weiten Wölbung ihres Gehäuses acht stachelartige Fortsätze besitzt, von denen jeder noch eine gekrümmte Spitze trägt, die sich wie eine winzige Kralle ausnimmt. Jedes Exemplar der von mir in nassen Moospolstern (Sphagnum) gesammelten Difflugien (siehe Band I, Fig. 16) zeigt konstant die geschilderte Eigentümlichkeit, während sie im übrigen fast ganz mit der von Leidy[119] beschriebenen Difflugia corona übereinstimmt. Ich erblicke in der Riesengebirgs-Difflugia ein interessantes Beispiel dafür, dass auch bei Protozoen gelegentlich spezialisierte Haftorgane zur Ausbildung gelangen, die offenbar dazu dienen können, passive Wanderungen zu erleichtern. —

Nach allen vorausgegangenen Ausführungen und Erörterungen bietet also das Auftreten von marinen Tierformen im Süsswasser gar keine Gewähr dafür, dass diese Wesen an Ort und Stelle selbst den Anpassungsprozess von dem einen Medium ans andere vollzogen haben. Vielmehr ist es, wie einige der mitgeteilten Thatsachen zeigen, in den weitaus meisten Fällen als das Wahrscheinlichere zu betrachten, dass jene Spezies von marinem Habitus durch aktive oder passive Einwanderung in die jetzt von ihnen bewohnten Binnenseen gelangt sind. Nur wenn in überzeugender Weise durch den geologischen Befund erhärtet werden kann, dass die bezüglichen Seen wirkliche (aber im Laufe der Zeit ausgesüsste) Meeresabschnitte sind, kann von der Existenz einer eigentlichen Reliktenfauna in ihnen die Rede sein. Von den mehr als hundert Seen, in denen Tiere von marinem Charakter gefunden worden sind, leisten nur sehr wenige der obigen Bedingung Genüge. Echte Reliktenseen aber sind z. B. zahlreiche Wasserbecken des mittlern und südlichen Schweden.

Litteratur.

[111] J. v. Kennel, Biologische und faunistische Notizen aus Trinidad. Arbeiten aus dem Zool.-anatom. Institut in Würzburg, 1883.

[112] R. Credner, Die Reliktenseen. Petermanns Mitteilungen 1887.

[113] Vergl. G. Duplessis-Gouret, Essay sur la faune profonde des Lacs de la Suisse, 1885.